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   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart 
Abb.1 Königs-Architekten
Abb. 2 - 5 Kuehn Malvezzi
Parochialkirche Berlin

Der  Entwurf der barocken Parochialkirche für die Reformierte Gemeinde zu Berlin stammt von Johann Arnold Nering, einem angesehenen Architekten und Zeitgenossen von Andreas Schlüter. Nach Nerings Tod im Jahr 1695 baute  sein Nachfolger Martin Grünberg die Kirche fertig.  Statt eines Dachreiters über der Vierung errichtete er einen repräsentativen Vorbau. 1713/14 wurde dann nach einem Entwurf Jean de Bodt noch ein Turm aufgesetzt.  

Im Zweiten Weltkrieg brannte die Parochialkirche aus, Turm und Dach stürzten ein, die Außenmauern aus Backstein blieben aber stehen. Ab 1946 nutzte die Gemeinde einen Raum über dem Eingangsportal der Kirche für ihre Gottesdienste. 1951 wurde das Dach wiederhergestellt. Bei der Sanierung nach  1989 folgte man dem denkmalpflegerischen Konzept, nicht den Originalzustand wieder her zu stellen, sondern die Zerstörungen in Erinnerung zu halten. Der Kirchenraum blieb provisorisch, die offenen Backsteinwände verströmen Ruinenromantik. Seit 1991 wurde die Parochialkirche in den Sommermonaten gern für Kunst- aktionen oder Theateraufführungen genutzt.

Im Jahr 2015 lobten die Evangelische Kirchengemeinde St. Petri – St. Marien und die Stiftung Kirchliches Kulturerbe einen anonymen Ideen- und Realisierungswettbewerb aus, zu dem elf Architekturbüros Entwürfe einreichten.  Eine Anforderung  war, dass die Kirche in Zukunft ganzjährig  für Gottesdienste und kulturelle Nutzungen aller Art geeignet sein sollte. Außerdem sollte sie eine Sammlung sakraler Kunst aufnehmen, die in wechselnden Präsentationen gezeigt werden würde. Das große Eisenkreuz von Fritz Kühn, 1961 aus in Ruinen gefundenen Rohren gefertigt, sollte bleiben. Überhaupt sollte nach wie vor die Erinnerung an die Kriegszerstörung  im Erscheinungsbild des Raums erhalten bleiben. 

Hier eine kurze Zusammenfassung der eingereichten Entwürfe, die zeigen, wie viel  eigene typische Formensprache Architekten mit den Elementen „Schrank“ , „Empore“, „Wand“ einbringen können und wie sie Charakteristika des Vorgegebenen betonen. Alle elf Entwürfe sind zu finden unter:

http://www.marienkirche-berlin.de/c_3_44_61.php

Max Dudler stellt eine identische Grundrissform in den vorhandenen Raum ein. Sie ist nach oben offen, sodass man die ursprüngliche Höhe und Materialität  des Raumes präsent hat. Der Einbau ist auf seiner Außenseite zugleich eine der Raumform folgende geschwungene Vitrine für die Kunstsammlung. So entsteht  Museum und Veranstaltungsraum  vice versa. Der innere Bereich kann mit flexibler Bestuhlung  für verschiedene Anlässe organisiert werden. Der Stil setzt sich nüchtern und unprätentiös vom umgebenden Raum ab. Die Kuppel wird nicht zum Thema.

Auch beim Entwurf von J. Langeheinecke und D. Kloster Architekten wird der Kuppelhöhlung keine besondere Rolle zugedacht. Die Raumorientierung wird hier gegen den Zentralbau längs ausgerichtet. In der rechten und linken Konche ist die kirchliche Kunstsammlung in frei stehenden gläsernen Schauschränken  präsentiert. Ein über dem Eingang in luftiger Höhe sehr weit hervorkragender begehbarer Glaskasten für zusätzliche Ausstellungen ist ein originelles Element des Entwurfs.

Bei P.arc Ittenbrechbühl Berlin / Niall McLaughlin London ist es gerade die Kuppel, die zum zentralen Ausgangspunkt der Gestaltung wird. Die Architekten wollen die barocke Helligkeit und die Zentrierung des Raumes durch eine Öffnung des Dachbereichs wieder betonen. Eine netzartige Installation aus dünnen Stahlstreben verteilt dann das Licht von der Mitte aus.  Der Zentralraum wird in der Sitzordnung und durch die Aufstellung der Prinzipalstücke betont. Die Konchen sind Ausstellungsbereich, und zwar so, dass die Exponate zum stets gegenwärtigen Bestandteil der Liturgien werden.

Für Brenne Architekten / Nils Meyer Architekten sind wichtigstes gestalterisches Element  freistehende Emporen in der nördlichen und südlichen Konche, die wirken wie filigrane Balkone. Die nördliche Empore trägt die Orgel, während die südliche Chor, Orchester aber auch Zuhörer aufnehmen kann. Die Bereiche unter den Emporen können offen sein oder geschlossen werden. Sie sind für die Kunstsammlung vorgesehen. Die Mittelzone bis zu Altar, Kanzel und Taufbecken erlaubt eine flexible Bespielung und Möblierung. Auch in diesem Konzept soll sich die sakrale Nutzung mit der musealen verflechten und die ausgestellte kirchliche Kunst Teil der Liturgie werden.

Für die Arbeitsgemeinschaft GRAFT Architekten war die Kunstsammlung wichtigster Aspekt ihres Entwurfs. Die Kuppel und der konstruktive, schmucklose offene Dachstuhl brachten sie auf die Idee, eine einerseits praktisch-mechanische, andererseits poetische Assoziation umzusetzen:  wie im Bühnenhimmel mit seinen Kulissen siedeln sie im Dachstuhl die Technik eines Schnürbodens an,  der nicht nur für die Präsentation der Kunst, sondern auch für anderweitige  Nutzung  flexible Raum- und Objektkonstellationen ermöglicht. Die Schnürbodentechnik  erlaubt es, Ausstellungen teilweise oder vollständig nach oben zu ziehen. Zusätzlich sind  vertikal bewegliche Textilelemente vorgesehen, um unterschiedliche Raumgrößen und Raumstimmungen für den liturgischen oder künstlerischen Gebrauch zu schaffen. Die in der Höhe stets sichtbaren, auf ihren Einsatz wartenden  Elemente sorgen für eine außergewöhnliche Atmosphäre.

Bei AFF architekten GmbH wird der liturgische  Raum durch einen Wandring, der bis zur Unterkante der Fenster reicht vom restlichen Kirchenraum abgegrenzt. Das Thema der Kuppel und das Rund der barocken Formensprache wird mit der ringförmigen Figur aufgegriffen, trotzdem halten das Erscheinungsbild des historischen  Kirchenraums und die Einbauten viel stilistischen Abstand.  Es handelt sich um  ein“ Raummöbel“, sodass der Eindruck eines Paravents entsteht, der nicht mit seinem „Wirtsgebäude“ verschmilzt. Die Ausstellung der Kunstwerke läuft in Vitrinen an den Aussenseiten des Wandrings entlang.

Auch bei der Arbeitsgemeinschaft F29 Architekten GmbH wird ein Bereich im Gesamtraum eingegrenzt. Alles hat die Anmutung einer temporären Möblierung. Holz dominiert als Material. Die Kuppel erhält ein zierendes Holzornament. Die Einbauten, die den Veranstaltungsbereich einfrieden sind auf ihrer Außenseite zugleich Magazinschränke für die Kunstsammlung. Der Zauncharakter der Holzlatten erlaubt sowohl neugieriges Hindurchspähen in die Depotsammlung, als auch das Hervorheben einzelner Werke. Es entsteht so etwas wie ein Chorumgang für die Kunst, wobei der Magazincharakter dominiert.

Zwei überdimensionale Schränke stehen sich beim Entwurf von huber staudt architekten in Süd- und Nordkonche gegenüber. Sie erinnern an geschlossene Flügelaltäre. Die vorhandene Renaissanceorgel ist in den einen der Schränke eingebaut, im Gegenüberliegenden befindet sich das Schaudepot. Die Rückseite dieses Schrankelements ist halbtransparent und gewährt bei geöffneten Flügeltüren Einblicke in das Schaudepot. Durch die Besetzung der zwei gegenüberliegenden Konchen erhält der Zentralraum einen Längscharakter. Platz für Veranstaltungen  ist im Mittelbereich unter der Kuppel vorgesehen. Als zentrierendes und schmückendes Element dient ein großer Radleuchter.

Königs Architekten stellen das Thema „Empore“ und die Kuppelkonstruktion in den Gestaltungsmittelpunkt. Die Kuppel wird speziell beleuchtet und lenkt den Blick nach oben. Der leere Raum im Erdgeschoß soll seine Weite behalten. Es erwachsen nur an den Rändern aus schlankem Stahl Emporen mit scherenschnittartigen Durchbrüchen , die die Fenstermaßwerke interpretieren. Die auf –und abschwingenden Emporen sind schwarz und skulptural. Sie können sowohl für Gottesdienste als Erweiterungsfläche als auch für Kunstausstellungen genutzt werden. So kann das Erdgeschoß leer bleiben bis auf die Altarkonche.  Eine zweistöckige gläserne Vitrine in der Nordkonche enthält die Kunstsammlung.

Die Nutzung als Gottesdienst-, Veranstaltungs-, und Ausstellungsraum wird von der Arbeitsgemeinschaft Knerer und Lang Architekten GmbH gleichberechtigt aufgefasst. Das Zentrum des Kirchenraumes ist großzügig und geeignet  für vielfältige Sitzanordnungen. Blickfang  bleibt die Ostkonche mit dem Schrottkreuz von Fritz Kühn. Interessant ist die Materialwahl Metall für die neuen Zufügungen. Eine bronzierte Kuppelverkleidung überspannt als Halbschale den Zentralraum. Die vier Konchen nehmen mittels bronzierter Schrankelemente, die sich der Wölbung der Konchen anpassen, die Kunstsammlung auf und bieten die Möglichkeit, wechselnd einzelne Teile des Depots zu zeigen.

Kühn Malvezzi Architekten wollten dem Raum so viel wie möglich von seiner Ungeschliffenheit lassen. Sie wollten das Offene, Unbestimmte erhalten, um das Kreative weiterhin anzuregen. Das funktionale und gestaltete Zentrum ihres Entwurfs ist die Orgel. Sie wird  frei in die Westkonche eingestellt als hoch aufragender Holzschrank. Ein Holzsteg verbindet das Instrument im ersten Stock mit der Winterkirche. Hier ist ein Teil des Kunstmagazins angeordnet. In der unteren Hälfte des Orgelschranks befindet sich der andere Teil der Bildersammlung in großformatigen Holzrahmen-Schiebeelementen, die zum Betrachten herausgezogen werden können. Passend zu den hölzernen Einbauten sind hier auch Ausstellungswände aufbewahrt, um wechselnde Ausstellungen zeigen zu können.

Die Jury votierte für die Vergabe von zwei 2 Plätzen: Für den Entwurf  von Kuehn Malvezzi Architekten / Winter Beratende Ingenieure für Gebäudetechnik Berlin GmbH,

http://www.kuehnmalvezzi.com

und für

die Arbeitsgemeinschaft Knerer und Lang Architekten GmbH / GESA Ingenieurgesellschaft für Technische Gesamtplanung mbH,

http://www.knererlang.de

Angekauft wurde der Entwurf von Königs Architekten, Köln, TGA: Gruppe Ingenieurbau - Donker + Dammmann GmbH, Oldenburg,

www.koenigs-architekten.de

siehe auch der Bericht:

http://www.bauwelt.de/themen/betrifft/Wettbewerb-Parochalkirche-Berlin-2505925.html

(Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Architekten und wikimedia commons)