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   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart 
Kolumbariumskirche Hl. Familie Osnabrück

Viele Jahrhunderte lehnten Christen die Feuerbestattung ab. Im katholischen Kirchenrecht wurde das Verbot der Einäscherung erst 1963 aufgehoben. Es sind in den letzten 10 Jahren zunächst in katholische Kirchen, kurz danach auch in evangelischen Kirchen sogenannte „Kolumbarien“ entstanden. Diese Begräbniskirchen verdanken ihre Entstehung einem Problem, nämlich der Frage nach einem sinnvollen Umgang mit übergroß dimensionierten Kirchenräumen für relativ kleine Gemeinden und zurückgehenden Gottesdienstbesuch. Baulasten und Erhaltungskosten können Gemeinden strangulieren. Bei einer erweiterten Nutzung als Begräbnisstätte „verdient“ die Kirche etwas an ihrer Raumgröße, statt nur Kosten zu verursachen. Es gibt durch gesellschaftliche Wandlungsprozesse ein gewachsenes Bedürfnis nach Feuerbestattungen und Urnengräbern. Auch die architektonische Gestalt kann bei dieser Nutzung weitgehend erhalten werden oder auf interessante Weise neu interpretiert werden. Für das städtebauliche und soziologische Umfeld  wertvolle Kirchenarchitektur kann erhalten werden.

In einer großen Kirche einfach Schränke oder Regale für die Urnen aufzustellen würde der Aufgabe, die Lebenden und die Toten in eine würdige Beziehung zu setzen aber nicht gerecht. Unter den  gelungenen Konzepten für diese architektonische Herausforderung hat die Wüstenrot- Stiftung in ihrem Wettbewerb „Kirchengebäude und ihre Zukunft“ unter anderen die Kolumbariumskirche Hl. Familie Osnabrück ausgezeichnet. Diese Kirche, erbaut 1961 von Kroeber und Rickmann, hat das Architekturbüro Klodwig & Partner aus Münster 2010 auf vorbildliche Weise umgestaltet. Sie nahmen dabei die räumlichen Angebote der ursprünglichen Kirchenarchitektur an und setzten sie für die erweiterte Nutzung klug in Szene.

Die vorgefundene Kirche ist ein Rundbau mit freistehendem Turm. Dieses Rund nutzten die Architekten um zwei Radien zu bilden. Ein Kreis im Kreis ist entstanden, wobei der Innere weiterhin als Kirchenraum der Gemeinde dient. Der Gottesdienstraum ist nun aber fast um die Hälfte kleiner als vorher. Halbhohe Wandscheiben grenzen diesen Bereich ein. Diese Wandscheiben schaffen einen abgeteilten Raumabschnitt und halten gleichzeitig das Volumen der ursprünglichen Architektur präsent. So kann man sich geschützt fühlen und ist doch nicht abgeschottet... und man spürt die Zentrierung im Raum als Konzentration.

 Rückseits der gerundeten Wandschirme umläuft eine vier Meter breite Zone das innere Rund. Dieser Umgang wurde quasi dem früheren Gottesdienstraum abgewonnen. Hier befindet man sich nun im Begräbnisbereich und schreitet an den Grabwänden mit  abwechselnd leeren und gefüllten Nischen vorüber, die im Lauf der Zeit alle mit Urnen besetzt und mit bronzenen Plaketten verschlossen werden. Als Grabschmuck sind nur Schnittblumen erlaubt und die Beschriftung der Bronzeplatten ist einheitlich. Für die Urnen haben Bestatter eigene Behältnisse entwickelt, die sich in die Wand legen lassen. Da der Freiraum zur individuellen Gestaltung eines Urnengrabes sehr beschränkt ist,  ist es umso motivierender,  konsensfähige Design-Lösungen für diesen Bereich zu finden.

Die Thematik des Kreises ist bestimmend im Konzept, als Grundrissform, wieder aufgegriffen in der Beleuchtung, dem Bodenbelag, der Taufstelle. Das stärkste Licht entströmt einer großen zylindrischen Röhre an der Deckenmitte, die an den Lichttunnnel aus Hieronymus Boschs Jenseitsvision erinnert. Vom Nukleus des Gottesdienstbereichs ausgehend, wird die Beleuchtung nach aussen in den Wandelgängen schwächer. Die Farbatmosphäre ist gedeckt und erdig. Die gemauerten Wandscheiben der Urnenwände sind  mit Lehmstreichputz versehen. Neben dem Foyer gibt es einen Andachtsort mit Pieta´. Dem Eingangsbereich nahe ist auch ein Zimmer für Gespräche. Als Verbindung zwischen den Raumzonen und als deren geistige Klammer behielt das Taufbecken seinen Platz im Eingangsbereich der Kirche.

Nicht allein Katholiken können sich hier beisetzen lassen, sondern alle Mitglieder der Kirche oder einer christlichen Konfession, also auch Lutheraner, Reformierte oder Orthodoxe. Es  können zunächst bis zu 850 Urnen beigesetzt werden, geplant ist eine Erweiterung auf 1200 Urnenplätze.

Text: Claudia Breinl/ Fotos: H. Wachsmann Osnabrück mit freundlicher Genehmigung von Klodwig & Partner Architekten www.klodwig-company.de

Kath. Kirchengemeinde Heilige Familie Osnabrück / Baureferat Bischöfliches Generalvikariat Osnabrück. Planung und Ausführung 2010

BDA Preis Niedersachsen 2012; Niedersächsischer Staatspreis für Architektur 2012; Prämierung beim Wüstenrot-Preis 2016