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   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart 
Abb. 5 Kirche
Abb. 6 Aufbauplan
Sakralbau auf der Flucht

Im Rahmen der letzten Architekturbiennale in Venedig stellten Lucas Boyd und Chad Greenlee von der Yale School of  Architecture ein Konzept für sogenannte „Pop-Up“ – Gebetsorte vor. Gedacht sind sie für Flüchtlingslager, denn Menschen haben  nicht nur physische Grundbedürfnisse. Religion und damit verbunden Glaube und Hoffnung sind genauso wichtig für das Überleben wie Essen, Trinken und medizinische Versorgung. Wenn man alles verloren hat, was materiell vorzeigbar wäre, seine Heimat verlassen hat, dann spielen Selbstvergewisserungen über Religion und Kultur eine umso größere Rolle.

Die Architekten wollten provisorische Gebetsräume für Christen, Juden und Muslime entwickeln, die Konstruktionsidee sollte möglichst einfach sein, das Erscheinungsbild eindeutig.

Zunächst mußten sie sich darüber klar werden, was das Charakteristische an einer Kirche, einer Moschee und einer Synagoge ist.  Das war nicht einfach, da sich regionale und historische Bautraditionen und religiöse Inhalte fast unentwirrbar verschränken und man sich irgendwann mutig für einen Hauptaspekt entscheiden muss und damit manches andere vernachlässigen wird.

Es ging ja darum, ein Kondensat herzustellen, das das Wesentliche enthält und Erkennbarkeit und Identifikation ermöglicht. Mut zur Lücke also… Natürlich wird man angesichts des reichen immobilen Bauerbes der Religionen ernüchtert von der Schlichtheit des Ergebnisses. Andererseits leisten die mobilen Gebetsorte das, was es in diesem speziellen Zusammenhang braucht:  Einfache und schnelle Handhabbarkeit, kostengünstige Materialien, Transportierbarkeit. Für den Aufbau entwickelten die Architekten eine Anleitung, die anhand von Abbildungen verständlich ist.

Für die christliche Kapelle wählten die Architekten ein hohes spitzes  Satteldach mit einem Rahmenwerk, das auch als symbolisches Kreuz dient. Das Thema „Zeltkirche“ findet hier seine Minimalentsprechung.

Bei der Synagoge hatten die Architekten die meisten Probleme, wie sie in nuce aussehen könnte. Schließlich entschied man für eine Versammlungsstätte mit vielen Zugängen und der Betonung einer quadratischen, nach oben offenen Mitte.

Die Moschee wird repräsentiert durch das s rhythmisch wiederholte Element einer Bogenwölbung und einem Vexierspiel der Bogenstellungen. Die Ausrichtung nach Mekka wird durch ein islamisches Bodenornament angezeigt.

Insgesamt wirken die Gebetsorte nicht viel anders als die hunderte von Wohnzelten, aus denen eine Flüchtingsstadt besteht. Aber sie sind das Angebot eines spezifischen Ortes, an dem man zu Konzentration kommen kann, zu tröstlicher Gemeinschaft und zu einer anderen Sichtweise auf die alltäglichen Sorgen und Nöte.

Text: Claudia Breinl / Abbildungen: Courtesy of Lucas Boyd and Chad Greenlee