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   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart 
Abb. 2
Winter und Hörbelt

Altarmaterial wie vom Baumarkt

Dass es im Gottesdienstraum des Zentrum Verkündigung der EKHN dieses Ensemble von Prinzipalstücken gibt, passt gut zu dem Aufgabenbereich dieser Arbeitsstelle, aber auch gut zu Frankfurt, in dessen Stadtteil Bockenheim sich dieses Kompetenzzentrum für Fragen der Gestaltung von Gottesdiensten und Gemeindeleben befindet. Die Mitarbeitenden des Zentrums beraten, wo es um Fragen der Verkündigung geht und wo Räume für die Begegnung mit Gott geschaffen werden. Ein Kunstbeauftragter vermittelt innerhalb der Landeskirche Gegenwartskunst in kirchliche Räume.

Nachdem die Bockenheimer Markuskirche, erbaut 1912, von pfeifer.kuhn architekten aus Freiburg 2003 zum "Zentrum Verkündigung" umgebaut wurde, war der Gottesdienstraum ein in der Länge reduzierter, zwar heller, aber „gefangener“ Raum ohne Ausblick nach draussen. Durch die neuen Proportionen wirkte er sehr hoch. Alles, was man liturgisch vor einer immens hohen weißen Wand im Chorbereich unternahm, schien vergeblich Halt zu suchen und konnte kaum in den Raum hinein strahlen. Prinzipalstücke mußten gefunden werden, die genug visuelle Anziehungskraft hatten, um die Blicke zu halten. Sie sollten aber auch zu experimentellen Gottesdienstformen passen und beispielhaft sein für ein gegenwärtiges Verständnis von Kunst für die Kirche.

Der Kunstbeauftragte im Haus konnte das Frankfurter Künstlerduo Winter/Hörbelt gewinnen. Es war nicht ihr erster kirchlicher Auftrag, denn sie hatten schon für den Kirchentag 2001 am Frankfurter Museumsufer einen ihrer auf der ganzen Welt begehrten Pavillons aus leeren Getränkekisten errichtet.(Abb.2)

Wolfgang Winter (* 1960) und Bertholt Hörbelt (*1958) arbeiten seit über 20 Jahren als „Winter/Hörbelt“ zusammen. Sie sind wie Schatzsucher, die Schönheit im ganz Billigen, Alltäglichen, Banalen entdecken und dann mit ihrer künstlerischen Professionalität für uns alle freilegen. Fremd und schön kann eine Kanalröhre, eine Getränkekiste, ein Autorücklicht, ein Stahl-Gitterrost, eine Federkernmatratze sein, wenn sich die beiden Künstler ihrer angenommen haben, sie von ihrem normalen Nützlichkeitsdasein erlöst und mit oftmals nicht kunstaffinen Materialien und Techniken, durch Variation und Vervielfältigung in Kunst verwandelt haben. Die Anmutung der Winter/Hörbeltschen Arbeiten ist wie Design aus einer utopischen Zukunft und besseren Welt, wo Leichtigkeit und Spiel, Muße und Lebensfreude allgegenwärtig sind. Die Skulpturen sind zwar eigenständige Kunstwerke, ihre Berührbarkeit und das Benutzen sind für Winter und Hörbelt aber essentiell, sei es im Museum oder im Stadtraum. So war es kein kunstfremdes Ansinnen, mit den beiden über die Nutzbarkeit von Skulpturen für die christliche Liturgie zu sprechen.

Für das Zentrum Verkündigung sind Objekte aus Epoxidharz entstanden, das pigmentiert und  dann in einem mehrschichtigen Verfahren gegossen wurde. Mit Hilfe von Epoxidharz hergestellte Faserverbundwerkstoffe zählen zur Gruppe der Duroplaste. Duroplaste sind Kunststoffe, die nach der Aushärtung nicht erneut plastisch verformt werden können. Sie sind unlöslich, nicht schweiß- und nicht schmelzbar. Bei einem überschüssigen Epoxidharzanteil wird die Werkstückoberfläche klebrig, bei einem zu hohen Härteranteil spröde und brüchig. Ein weiteres Merkmal von Epoxidharz ist, dass es ein Verstärkungsgewebe benötigt. Es war ein anspruchsvolles Unterfangen, mit diesem Material für die Prinzipalstücke zu arbeiten.

Faszinierend ist die haptische Qualität, die zwischen Weichheit und Härte, Wärme und Kälte vermittelt. Das Ensemble besteht aus einem karamellfarbenen Altar, einem braunroten Kreuz und Ambo,  ergänzt um Taufe und Kerzenständer in milchig hellblauer Tönung. Akzentuiert sind Altar und Kreuz durch ihre intensive Farbigkeit. Sie markieren das Zentrum des weitläufigen Raumes, -   locker und großzügig darum verteilt sind die anderen Prinzipalstücke, die kompakte kubische Formen haben. Die cremig samtig wirkende Konsistenz und das Spiel mit den Farbwerten wendet die dezenten und eher kühlen Farbaspekte im Raum ins bewusst vornehm und zurückhaltend inszenierte.

Dass sich die Wirkung von Kostbarkeit und Rätselhaftigkeit quasi in einem Material aus dem Baumarkt findet,  das ist typisch für Winter und Hörbelt: aus Unscheinbarem und Banalem erschaffen sie Erstaunliches und Beglückendes.

Text: Claudia  Breinl

Abb. Winter/Hörbelt, Lighthouse, Akvarellmuseet, Skarhamn, Sweden, 2000 / ftk, var. materials, e-light

Abb. Winter & Hörbelt GbR, Prinzipalstücke im Zentrum Verkündigung der EKHN, 2005, pigmentiertes Epoxydharz. Foto: Winter und Hörbelt, Frankfurt am Main

©VG Bild-Kunst Bonn, 2017