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Otto Bartning Sonntagsblatt Bayern April 2008

Architektur für eine lebendige Gemeinde

Der Architekt Otto Bartning und seine »Notkirchen« prägten den Kirchbau der Nachkriegszeit

Sonntagsblatt, 15. April 2008 

Er gilt neben Walter Gropius und Mies van der Rohe als einer der bedeutendsten deutschen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und er revolutionierte den evangelischen Kirchenbau, indem er Altar und Kanzel ins Zentrum rückte. Der geniale Schöpfer von mehr als 150 Kirchen und gläubige Christ Otto Bartning wurde vor 125 Jahren, am 12. April 1883, in Karlsruhe geboren.

Bartning stammt aus einem großbürgerlichen Elternhaus. Sein Vater war ein vielgereister Hamburger Großhandelskaufmann, der an der Börse Erfolge feierte und schon als 40-Jähriger für sich und seine Familie ausgesorgt hatte. Durch seine Mutter, die Tochter des obersten evangelischen badischen Geistlichen, Prälat Karl Wilhelm Doll, kommt Otto Bartning frühzeitig in Kontakt mit Kirche und Theologie. Geprägt wird er vor allem von Doll, der den Buben oft zu informellen Gemeindebesuchen mitnimmt.

Mit 17 Jahren entscheidet sich Bartning, Architekt zu werden, mit 19 beginnt er sein Studium in Berlin-Charlottenburg. Die erste Kirche konstruiert er schon im Alter von 22 Jahren in Peggau in der Steiermark in Österreich. Zuvor hatte er sein Studium an der Technischen Hochschule in Karlsruhe unterbrochen, um anderthalb Jahre lang die Welt zu umsegeln.

Obwohl er nebenher weiter Vorlesungen besucht, drängt Bartning nach seiner Rückkehr in die Praxis. Er eröffnet ein Büro in Berlin und realisiert weitere Dorfkirchen in Österreich und einige Wohnhäuser in Berlin. Sein Studium beendet er 1907 ohne Abschluss. Während des Ersten Weltkriegs bleibt ihm die Einberufung erspart.

Stattdessen arbeitet er architekturtheoretisch an Fragen des Kirchenbaus und gibt für seine Ideen herausragende Beispiele wie den Entwurf der »Sternkirche« aus dem Jahr 1922. Dabei handelt es sich um ein kristallines Siebeneck voller Kanten und geschwungener Bögen. Ausgehend von der Idee einer liturgischen Handlung auf freiem Feld, bei der sich die Hörer rund um den Redner versammeln, waren in der Sternkirche der Altar und die Kanzel in der Mitte geplant. Für diesen Entwurf verlieh ihm 1924 die Albertus-Universität Königsberg die Würde eines Ehrendoktors der Theologie. Gebaut wurde die Sternkirche nicht. Die Grundidee allerdings wurde 1929 in der Essener Auferstehungskirche, einer Rundkirche, verwirklicht. 

1926 wird Bartning Direktor der neu gegründeten Bauhochschule Weimar, die die Radikalität des Dessauer Bauhauses vermeidet. 1930 lassen die Nationalsozia­listen die Bauhochschule schließen. Bartning lebt während der NS-Diktatur hauptsächlich von Aufträgen der Kirche.

1948 übernimmt er die Bauabteilung des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland und arbeitet an seinem berühmten »Notkirchenprogramm«, innerhalb dessen bis 1951 insgesamt 48 provisorische Kirchbauten entstehen. Ziel war es, mit einfachen und modernen Techniken neue Kirchen zu entwerfen. Denn in der Nachkriegszeit waren viele Kirchen zerstört, und es mangelte an Baumaterial. Bartning entwarf ein System vorgefertigter Holzbinder, die zu einem Kirchenschiff zusammengesetzt und mit Trümmersteinen ausgefüllt werden.

Nach den Angaben der »Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau« sind deutschlandweit 112 Sakralbauten des Architekten erhalten, davon 92 »Serienkirchen« einschließlich der »Notkirchen«

»Bartning war als gläubiger Christ um den Sinn der Welt bemüht«, schrieb der Bauhistoriker Julius Posener 1983. »Er wollte, dass der Kirchenraum den Gottesdienst in der Gemeinde anrege und fördere, ohne ihn jedoch zu übertönen.« Thomas Erne, Direktor des Marburger Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, schätzt ihn insbesondere dafür, dass er die Idee des evangelischen Kirchbaus herausgearbeitet hat, »wonach die Liturgie das Gebäude baut«. 1950 wurde Bartning Präsident des Bundes Deutscher Architekten. Otto Bartning starb am 20. Februar 1959 in Darmstadt.

Dieter Schneberger



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