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Hofgeismar, den 27. September 2008.
Versuchsanordnung: Denken sie an eine Alltagssituation und wählen sie einen Begriff, der für diese Situation bezeichnend ist. Die Gruppe, die nicht weiß woran sie denken, schenkt Ihnen einen zweiten religiösen Begriff.
Ihre Aufgabe: Verbinden sie den religiösen Begriff mit dem Alltagsbegriff in einer assoziativen Meditation im zeitlichen Format einer Kurzandacht für das Radio. Und das waren ihre Ergebnisse:
Buongiorno, come stai?
Letzte Woche hatte ich Freunde zum Essen eingeladen. Ich wollte kochen und italophil sollte es werden. Feinster Genuss und nur vom Besten. Feiner Duft von Knoblauch und Fisch sollten die Räume erfüllen. Und das absolute Highlight: Der in diesem Sommer von mir mitgebrachte Rotwein aus Chianti. Zehn Kisten und nicht billig.
Und dann die Nachricht in der Zeitung: „Italiener panschen wieder Rotwein“. – Mein Fest fällt ins Wasser!
Um es kurz zu machen: Der ganze Abend wurde bescheidener, dafür hatten wir ein sehr gutes und ehrliches Gespräch. Und: Ich habe gelernt was Demut ist: Akzeptieren, dass nicht alles nach meiner Vorstellung läuft – dafür aber etwas wunderbares erleben.
Jörg Müller
Vor einer Woche war in Kassel der Tag des Friedhofes. Mein Sohn, 4 ½ Jahre und ich gingen nach Steine klopfen, Bagger fahren und einem Besuch im Mausoleum über den Friedhof nach Hause.
„Papa, der Jesus ist doch gestorben, oder?“
„Ja“, sagte ich. „Der Jesus, - hat als Mensch vor vielen 1000 Jahren gelebt und eine besondere Beziehung zu Gott gehabt. Wir glauben, dass Gott selbst sein Vater war. Das war damals vielen Menschen zu unheimlich. Sie hatten regelrecht Angst davor. Daher hat man ihn getötet.
Doch, so hoffen wir: Gott hat ihn nach drei Tagen wieder ins Leben zurückgeholt. Jesus lebt weiter.“ Papa, dann wird Jesus auch alle, die hier begraben sind, wieder lebendig machen, oder?
Michael Heinrich
Warum muß das wieder mir passieren? Ein guter Rotwein, gefüllte Gläser und mein Glas kippt um.
Aber ich bin doch gar nicht schuld: die Gläser so wackelig, der Tisch nicht gerade und dann wurde ich auch noch angestoßen.
Und jetzt sagt auch noch einer: Warum willst du dich immer rechtfertigen?
Hendrik Munsonius
Mögen Sie Olivenöl?
Als schöne Urlaubserinnerung habe ich mir einmal
eine Flasche Olivenöl aus Kreta mitgebracht.
Groß und schlank und eckig, ganz hell das Glas, gut verkorkt.
Beim Anblick des dicken, grünen Öls werden viele Urlaubsbilder wieder lebendig.
Oft habe ich die Flasche aufgekorkt,
mit dem Öl Salate verfeinert, Zwiebeln und Fleisch angedünstet.
Leicht angewärmt genießen es die Kinder,
wenn ich es ihnen als Hustenmedizin auf Brust und Rücken verteile.
Auch ich mag es, wenn die Hände dabei ganz glatt und weich werden
und die Haut nach dem Öl duftet.
Die Flasche aus Kreta ist inzwischen längst aufgebraucht,
Olivenöl gehört aber seither zur Standardausrüstung in unserem Küchenregal.
Und mitten am Tag, wenn ich am Herd stehe
und das Essen eigentlich schnell fertig sein muss,
lasse ich das Öl manchmal ganz langsam in die Schüssel rinnen,
beobacht einzelne Tropfen,
und mich durchfließt ein Gefühl der Dankbarkeit.
Kerstin Hartge
Neulich erzählte mir mein Sohn abends: "Meine Freundin hat mich verlassen!"
Nun habe ich einen liebeskümmerlichen Halbwüchsigen zu Hause. Ich denke: So ist das mit der Liebe, nichts als Kummer hat man mit ihr. Doch welche Gnade: das Leben geht weiter! Es werden andere Mädchen kommen.
Oder?
Nein – das Leben steht still – alles wird überstrahlt von der Trauer. Was für eine Gnade, ihm in der Untröstlichkeit nahe zu sein.
Susanne Neumann
Heute morgen habe ich, wie immer beim Frühstück, die Zeitungsnachrichten überflogen. Ich sitze im Warmen, mit meiner Frühstückstasse. Was lese ich auf der ersten Seite? Krisen: Finanzkrise, politische Krise in Georgien.
Mein Empfinden ist ein sofort entstehendes Unbehagen in der Magengegend. Ein Gefühl von Ohnmacht, von ausgeliefert sein und im Kontrast dazu spüre ich die Selbstverständlichkeit, frühstücken zu können, und meine Aufgaben für den Tag zu haben.
Ich empfinde deutlich, wie ich in Bedingungsgefüge eingebunden bin, die mich (auch) beunruhigen. Wo kann oder werde ich heute etwas tun, etwas sinnvolles tun? Wo habe ich Freiräume für das, was ich tun will? Wo habe ich Freiheiten innerhalb von großen und kleinen Abhängigkeiten? Wie kann ich meine Sache gut machen?
(Und) Dann wünsche ich mir, dass mir heute geschieht, was in dem folgenden oft zitierten Stoßgebet zum Ausdruck kommt:
Herr, laß mich erkennen, welche Dinge ich ändern kann und welche Dinge ich nicht ändern kann, und gib mir die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.
Und ich wünsche auch Ihnen einen gelingenden Tag.
Marlies Sonnentag
Gestern besuchte ich ein Konzert des Jugendchores unserer Gemeinde. Eigentlich nur meiner Tochter zuliebe, denn die Musik, die gegeben wurde, war nicht meine: Michael Jackson, Madonna, Rosenstolz, … Nach der Übersetzung der Songtexte im Programmheft war die Botschaft der Texte eher einseitig. Sie handelten von Liebe, Güte und Vertrauen zwischen zwei Menschen.
Angeregt durch die Atmosphäre des Veranstaltungsortes „Kirche“ kam ich ins Nachdenken. War da wirklich nur von zwischenmenschlichen Beziehungen die Rede, oder war die Botschaft dieser Lieder nicht auch noch eine ganz andere? Für mich bekamen die Worte auf einmal noch eine ganz andere Bedeutung. Für mich erzählten die Lieder auf einmal auch von der Beziehung Gottes zu den Menschen, die ebenso geprägt ist von Liebe, Güte und Vertrauen. Mir wurde bewusst, dass sich in jeder zwischenmenschlichen Beziehung die Liebe Gottes zu den Menschen widerspiegelt.
Andrea Brede-Obrock
„Friede, Freude, Eierkuchen“? Nein, dieser Tag hatte die Auszeichnung wirklich nicht verdient. Nichts ist mit: Friede, Freude, Eierkuchen: Weder das morgendliche familiäre Chaos, noch die weltweiten Krisennachrichten und dann macht auch noch das Auto schlapp. „Friede, Freude, Eierkuchen“ eine solche süßliche „Heileweltromantik“ liegt der täglichen Realität oft meilenweit entfernt. Den netten „Zuckergußtag“ an dem nur Friede und Freude herrscht gibt es nicht. „ In dir ist Freude in allem Leide, oh, du süßer Herr Jesu Christ“ heißt es in einem alten Kirchenlied. Leid und Freude wird hier in einem Atemzug genannt und beides in einen weiten Horizont gestellt: der Ewigkeit. Meine alltäglichen Sorgen und Nöte: der verschüttete Kaffee, der Streit mit einem Kollegen, die Autopanne sind wahrhaftig kein Grund zur Freude aber im geweiteten Blick über meinen kleinen Horizont hinaus, werden sie kleiner. „Friede, Freude, Eierkuchen“ – Nein! Eher trägt: „In dir ist Freude“
Birgit Schacht
evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart