Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Fragestellung
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Fragestellung
Thomas Erne zu der Fragestellung des Kolloquiums

I. Feldvermessung

Es gibt  ca. 27 000 evangelische Kirchen und Kapellen in Deutschland. Die Kosten der Bauerhaltung tragen die 25 385 618 Millionen evangelischen Christen. 12,3 Prozent des Gesamtbudgets der EKD werden für Erhaltung und Sanierung der kirchlichen Gebäude aufgewendet. Das sind 1,223 Mrd. Euro auf der  Basis der Einnahmen in der EKD von 2004. 

Doch das Problem, das sich mit diesen Zahlen verbindet, wird erst deutlich, wenn man die Demographie hinzunimmt. In Deutschland schrumpft die Bevölkerung und mit ihr schrumpft auch die Evangelische Kirche. Verstärkt wird dieser Trend durch Kirchenaustritte, auch wenn diese rückläufig sind. Setzen sich diese Trends ungebrochen fort, so würde die evangelische Kirche im Jahr 2030 ein Drittel weniger Kirchenmitglieder und nur die Hälfte der heutigen Finanzkraft haben. Für die Gebäudeunterhaltung würden dann im Jahre 2030 zwei Drittel der heutigen Mitglieder mit der Hälfte der Finanzkraft diese Baulast tragen müssen. Sie müssten folglich im Jahr 2030 die doppelte Summe aufbringen, um die gleiche Anzahl der Gebäude zu unterhalten.

Zugleich entwickeln sich die Kirchengebäude zu kompensatorischen Kulturgütern von hoher Akzeptanz. Kirchen kann die Kirche daher nicht einfach abreißen, umnutzen, verkaufen oder verfallen lassen, denn sie versprechen „gegen den Traditionsverlust einen Hort der Tradition [zu sein], in einer globalen Welt einen lokalen Bezug, gegen rasante Veränderung steht Dauerhaftes, gegen Perfektion des Neuen Akzeptanz der Alterung, gegen den Lärm Stille“ und schließlich versprechen sie auch Religion: „in der Begrenzung des Endlichen Anschauung des Unendlichen“ (K. Vogel). Dieses neue Interesse an den Räumen der Religion muss der Theologie zu denken geben. Welche Veränderungen individueller Frömmigkeit, welche Transformation  der institutionellen Formen der Religion sind dabei im Spiel? Wie ist das Bedürfnis nach „geheiligten Räumen“ religionshermeneutisch zu verstehen, wie die Räumlichkeit der Religion und die Religiosität des Raumes kategorial zu fassen.

„Die Zentralität des [religiösen] Raumes als gegenwärtige Denk-Herausforderung“(W.-E. Failing) ist eine Aufgabe, die Theologie allerdings mit anderen Wissenschaften verbindet, denn Kirchengebäude fungieren in der Moderne als öffentliche Zeichen der Transzendenz, abgekoppelt von Fragen der Kirchenmitgliedschaft, offen für  Religiosität diesseits der Konfessionalität, offen auch für Bedeutungszuschreibungen diesseits der Religion als kollektive Gedächtnisspeicher, Inszenierungen im Quartier und in der Stadt Refugien der Andersheit, kreative Bühnen. Das öffentliche Interesse am Kirchenraum gibt also nicht nur dem christlichen Glauben zu denken, ob und wie Transzendenz räumlich ist und welche Transformationen der Gesellschaft und der Frömmigkeitspraxis mit dem Interesse an religiösen Räumen verbunden sind.

II. Vom Kirchenbau zur Religion des Raumes und der Räumlichkeit der Religion

Die Erforschung der Kirchengebäude und ihrer Geschichte hat eine lange Tradition6 in Marburg. 1947 wird der Evangelische Kirchbautag gegründet als Reaktion auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Er bietet bis heute im regelmäßigen Abstand ein Forum für Architekten, Kunstwissenschaftler und Theologen zur Diskussion aktueller Fragen des Kirchenbaus. Die Zusammenlegung des Kirchbautages mit dem EKD-Instituts für Fragen des Kirchenbaus an der Philipps-Universität Marburg zeigt, welche Aufmerksamkeit in der Evangelischen Theologie und der Evangelischen Kirche dem Thema des Kirchenbaus gewidmet wurde - und nach wie vor gewidmet wird. 

Aber die Erforschung des Kirchenbaus und die gegenwärtigen Fragen nach der Religion des Raumes und der Räumlichkeit der Religion sind nicht dasselbe. Vielmehr steht die Theologie mit dem „spatial turn“ in den Kulturwissenschaften vor einer neuen, erweiterten Forschungsaufgabe. Sie muß eine Theorie räumlich gelebter Religion entwerfen, in deren Horizont auch die Fragen des Kirchenbaus angemessen diskutiert und Lösungsvorschläge für die Praxis der Kirche entwickelt werden zu können. Dazu bedarf es des Diskurses mit anderen Wissenschaften. Der Raum der Religion ist auf  „Räume“ in anderen Wissenschaften bezogen, auf den performative Raum der Theaterwissenschaft, den Ritualraum der Ethnologie und Religionswissenschaft, informell-formelle Räume und raumbildende Handlungen  der Soziologie, auf den Textraum der Semiotik, der Psychopathologie des Räumlichen, auf den kommunikativen und virtuellen Raum der Kommunikationstheorie und Medienwissenschaft, aber auch auf die veränderten Konzepte des physikalischen Raumes in den Naturwissenschaften.

III. Zwei  Forschungsaufgaben

Da die Theologie den Umformungsprozessen des Protestantismus in der modernen Gesellschaft nicht exterritorial gegenüber steht, ergibt sich ihr Reflexionspensum einerseits aus den offenen Fragen der kirchlichen Praxis. Andererseits aus offenen Fragen der Verfasstheit der Religion in einer pluralen Kultur: Die Religiosität von Räumen ist keine Phänomen das auf  Kirchengebäude beschränkt ist.  

Das Forschungssymposion ist daher interdisziplinär angelegt. Ihr besonderes Profil gewinnt die Tagung zudem durch die Einladung von Nachwuchswissenschaftlern, die die ihre Forschungsprojekte zu Raum und Religion zur Diskussion stellen. 



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