Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Tagungsbericht
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Tagungsbericht
von Peter Noss

Philipps-Universität Marburg, 12.-14. Juli 2013

Lippepark Hamm

Als ein wichtiges Urdatum für das Thema der „Multi- bzw. Interreligösen Räume“ ist die Einrichtung des „Room of Quiet“ bei den Vereinten Nationen in New York zu nennen, der 1957 auf Initiative des damaligen UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld entstanden ist: ein Raum, der von Menschen verschiedener Religionen und religösen Ansichten für die spirituelle Praxis allein oder gemeinsam genutzt werden kann. Räume dieser Art gibt es mittlerweile an zahlreichen Orten: Chris Hewson, der ein wichtiges Pilotprojekt der Universität Manchester/UK vorstellte, nannte die Zahl von 1500 solcher Räume allein für den Bereich Großbritanniens. Es ist damit ein Massepunkt erreicht, der eine Revision verlangt und Fragen auswirft: Ist die Entwicklung multi- bzw. interreligiöser Räume bereits an ein Ende gekommen oder treten wir in eine Phase ein, in der es eine größere Akzeptanz des Religiösen im öffentlichen Raum geben wird? Befördern oder behindern diese besonderen Räume den Dialog zwischen den Religionen? Wer bzw. was ist maßgeblich bei der Gestaltung der Räume? Welche besonderen architektonischen Formen und Gestaltungelemente braucht ein solcher Raum?

Auf der von Thomas Erne (Kirchbauinstitut) und Bärbel Beinhauer-Köhler (Religionsgeschichte) initiierten und von der Herbert-Quandt-Stiftung geförderten Tagung waren Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher sehr verschiedener Projekte und Fachrichtungen anwesend (ca. 120 Referierende und Teilnehmende), die in sechs Workshops von den Konzepten und Realisierungen, von Gelingen und Mißlingen, von Erfolgen und Konflikten berichteten. Theologen, Religionswissenschaftler, Architekten, Künstler, Soziologen, Politiker und Vertreter von „Runden Tischen“ nahmen teil. Vorgestellt wurden Städtische Zentren (Petri-Projekt Berlin, Kirche der Stille Hamburg, Haus der Religionen Bern), Begegnungszentren (in der Merekz-Moschee Duisburg, Haus der Religionen Hannover, Rat der Religionen Frankfurt), Campus-Räume (Frankfurt, Paderborn, Soziale Schule Speyer), Abschiedsräume (Ingelheim, Kinderhospiz Düsseldorf, Aussegnungshalle Heidelberg), Räume im politischen Kontext (Andachtsraum im Landtag NRW in Düsseldorf, Raum der Stille im Brandenburger Tor) und virtuelle bzw. temporäre Räume (Zelt in der Landesgartenschau Landau, Internet, Ort der Begegnung im Landschaftspark Hamm, Lichtinstallationen, Runder Tisch Marburg). Dabei sind diese Zuordnungen nur vorläufig und nicht zwingend.

Vorbereitet wurden die Diskussionen in den moderierten und von Prozessbeobachtenden begleiteten Workshops durch Grußworte, die Einführungen der Initiatoren und sechs Vorträge, die auf den Freitagabend und den Samstagvormittag verteilt waren. Thomas Erne äußerte die Vermutung, dass es die Herstellung eines architektonisch und künstlerisch gelungenen Raumes braucht, damit die Praxis der Religionsvollzüge gelingen kann.

Raum der Stille Flughafen München

Zunächst stellte Markus Schroer (Marburg) die Frage nach dem Faktor der „Macht“ im Zusammenhang von Raum und Religion und hielt fest, dass sich die  Zurordnungen von räumlicher Ordnung und sozialer Praxis in der Moderne stark verändert haben. Die vernetzte Welt als virtueller Raum etwa kann als Widerspruch zur Macht („Macht braucht Stein“) interpretiert werden. Die Öffnung eines Raumes, etwa die Anwesenheit eines Gastes, relativiere den Machtstatus ebenfalls. Über die Chancen und auch über entstehende Konflikte lohnt ein offener Diskurs. Ute Verstegen (Erlangen) zeigte anhand einiger Beispiele, dass es bereits im Mittelalter und in der nachreformatorischen Zeit multireligiöse Raumnutzungen gab (Grabeskirche Jerusalem, Simultankirchen), die allerdings nicht zwingend dialogisch angelegt waren. Gerdi Nützel (Berlin) argumentierte ebenfalls historisch und verwies auf Konfliktgeschichten in Berlin und Brandenburg, die einer sukzessiven Pluralisierung von Religion im öffentlichen Raum allmählich Platz machten (Potsdamer Edikt von 1685) – daran sollte man sich bei aktuellen Projekten des Dialogs immer wieder einmal erinnern. Alexander-Kenneth Nagel (Bochum) vertrat in seinem Vortrag die These, dass multireligiöse Räume zwar eindeutig Ausdruck religiöser Pluralisierung sind, dass sie aber auch zur Mythenbildung beitragen. Denn es ist keineswegs ausgemacht, dass es hier konfliktfrei zugeht bzw. konkrete Begegnungen durch derartige Raumkonzepte sogar vermieden werden. Christa Frateantonio (Hannover/Marburg) stellte die Welt der Yoga-Studios als modernes urbanes – allerdings religiös indifferentes – Phänomen vor. Aus dem Vollen schöpfen konnte Chris Hewson (Manchester), der eindrucksvoll die Ergebnisse eines Forschungsprojektes am Fachbereich Architektur vorstellte, bei dem insgesamt 200 Räume dokumentiert worden sind. Er machte darauf autmerksam, dass die Kategorisierungen von Multi-faith spaces variieren und eher unpräzise sind. So gibt es sachlich-unspezifische Räume, die nur durch die Anwesenheit von religiösen Personen zu religiösen Räumen werden – während andere Räume diffus sind oder stark ökonomisch geprägt. Besonders an dieser Stelle plädierten die Architekten in der Runde für ein klares Bekenntnis zur professionellen Konzeptionierung und Umsetzung bei der Gestaltung. Die Ergebnisse des Projektes aus Großbritannien sind jedenfalls eine gute Basis und geben Informationen für die zukünftige Einrichtung multireligiöser Räume – sofern sie denn genutzt werden. Für die Weiterarbeit am Thema im Bereich der Wissenschaften sind sowohl die Impulse aus Manchester als auch die Resultate der Marburger Tagung von hohem Wert.

Die Ergebnisse der Tagung wurden zum Abschluss von den Arbeitsgruppen in Thesen gegossen. Als wichtige Gelingens- und Hinderungsgründe für die Gestaltung der multireligiösen Räume sind u.a. festzuhalten: Es braucht stets einen breiten Prozess sozialer Partizipation und eine Verankerung im Kontext, Bedarfe müssen gründlich ermittelt und Experten (Architekten!) an der Umsetzung beteiligt sein.

Im Rahmenprogramm der Tagung konnten interkulturelle Dynamiken auch gleich erprobt werden: Die Künstlerin Gabi Erne hatte am Tagungsort in der Universitätskirche eine Duftinstallation eingerichtet. Für den Sonntag hatten Studierende unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit einen „multifaith-service“ vorbereitet. Begleitend zur Tagung wurde im Kirchbauinstitut eine Ausstellung zu einem breiten Sprektrum multireligiöser Räume eröffnet, die vom Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Photo Marburg vorbereitet wurde und noch bis zum Herbst 2013 zu besichtigen ist.

Kirche der Stille Hamburg

(Abbildungen: Christian Stein, Foto Marburg)



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