Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Thomas Erne/Peter Schüz [Hg.] Die Religion des Raumes und die Räumlichkeit der Religion
  //  Kirchbauinstitut  //  Veröffentlichungen des Instituts
suche   //   intern   //   drucken
x
Thomas Erne/Peter Schüz [Hg.] Die Religion des Raumes und die Räumlichkeit der Religion
Göttingen 2010

Die Religion des Raumes und die Räumlichkeit der Religion

Kirchen fungieren in der Moderne als öffentliche Zeichen der Transzendenz, abgekoppelt von Fragen der Kirchenmitgliedschaft, aber offen für Religiosität jenseits der Konfessionalität und offen für Bedeutungszuschreibungen. Sie dienen als kollektiver Gedächtnisspeicher, für Inszenierungen im Quartier und in der Stadt, sie sind Refugien der Andersheit.

Das neue Interesse an den Räumen der Religion muss der Theologie zu denken geben. Welche Veränderungen individueller Frömmigkeit, welche Transformation der institutionellen Formen der Religion sind dabei im Spiel? Wie ist das Bedürfnis nach »geheiligten Räumen« religionshermeneutisch zu verstehen, wie die Räumlichkeit der Religion und die Religiosität des Raumes kategorial zu fassen?
Fragen, auf die in diesem Band im interdisziplinären Gespräch mit Philosophie, Architektur, Soziologie, Kulturwissenschaft und Theologie nach Antworten gesucht wird. 

Erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Verlag Vandenhoek und Ruprecht

Thomas Erne, Peter Schüz (Hg.), Die Religion des Raumes und die Räumlichkeit der Religion, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2010, 256 S., ISBN 978-3-525-62441-8

 

 

 

Rezension in der Reformierten Presse Schweiz

Johannes Stückelberger

Die Theologie wie auch die Kulturwissenschaften interessieren sich heute für räumliche Aspekte der Religion. Ein gewichtiger Beitrag dazu ist ein von Thomas Erne, Direktor des Marburger „Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart“, und Peter Schüz herausgegebener Aufsatzband. Der Band diskutiert in sechzehn Beiträgen das wechselseitige Verhältnis von Raum und Religion. Zwei Forschungsaufgaben deutet der Titel an: Erstens geht es um die Frage nach der Räumlichkeit der gelebten Religion (religiöse Praxis als Faktor, der Räume gestaltet), zweitens um die Frage nach dem Raum als produktivem Faktor für die Religion (d.h., inwiefern der Raum die Religion prägt). Neben theoretischen Überlegungen zum Raumbegriff kommen soziologische, exegetische und architektonische Themen zur Sprache, diskutiert werden Räume religiöser Performanz und religiöser Spurensuche sowie Konzeptionen virtueller Raumkonstruktionen im religiösen Kontext.

            Aus religionsphilosophischer Perspektive fragt Jörg Lauster danach, wie sich Raumerfahrung aufbaut. Dass der Raum nicht als objektive Grösse zu begreifen ist, sondern dass es sich um eine Repräsentationsleistung des menschlichen Bewusstseins handelt, teilen alle Raumklassiker. Im Zuge der gegenwärtig zu neuen Ehren gelangten Philosophie der Gefühle wird Raumerfahrung heute verstärkt mit einer sinnlichen Affizierung in Verbindung gebracht. Daran kann eine Theorie des Kirchenbaus als Darstellung religiöser Raumerfahrung, die im Wechselspiel von subjektiver und kultureller Raumkonstruktion verläuft, anknüpfen. Wiederholt wird in dem Buch, im Anschluss an Martina Löw, die Konstituierung von Raum als Ergebnis von Performanz, als etwas Prozesshaftes (Löw spricht von „Spacing“) beschrieben. Kathrin Busch tut dies mit Emmanuel Lévinas‘ Begriffen der Hospitalität, Sozialität und menschlichen Gemeinschaft. Lévinas‘ intersubjektive Bestimmung der Religion (die Gegenwart Gottes zeigt sich in der Beziehung zum Menschen) führt Busch zu einer Erschliessung des Raumes über das Zwischenmenschliche. Der Raum der Religion artikuliert sich in der dem Anderen gewährten Gastlichkeit.

            Aus der Praxis des Umgangs mit Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern berichten Thomas Klie und Simone Scheps. Nach der Wende haben sich in Ostdeutschland zahlreiche Kirchbauvereine gebildet, die sich Fragen der Erhaltung und Nutzung der vielen verwahrlosten Kirchen annehmen. Viele der Vereinsmitglieder gehören keiner Kirche an. Als Kulturprotestanten zählen sie die Kirchengebäude jedoch zum kulturellen Grundbestand des öffentlichen Raumes. Für die Erhaltung dieses Grundbestandes setzen sie sich ein. „Und so entsteht hier am Rande der Republik eine bunte und höchst innovative religiöse Kulturform.“ Das Phänomen Kirchbauvereine zeigt, dass die statistischen Daten „Kirchenzugehörigkeit“ und „Gottesdienstbesuch“ nur sehr ungenaue Parameter für die Erfassung spätmoderner Religionspraxis sind.

            Thomas Erne stellt die Frage, wie man heute - im Rahmen der Buchreihe „Grundwissen Christentum“ - Kirchenbauten darstellen soll. Seine These: nicht als Objekte der Baugeschichte, sondern als objektivierte Artikulationsschemata einer subjektiven Frömmigkeit, als Ausdrucksgestalten religiöser Erfahrung. Einen Kirchenbau von aussen, in einer rein objektiven Analyse zu diskutieren, genüge nicht, denn damit werde das verfehlt, was die Kirchen zum Gegenstand eines spezifischen religiösen Erfahrungswissens machen würden. Vielmehr gelte es, die affektive Bedeutsamkeit einer Kirche, ihre Atmosphäre und Gestimmtheit für den Betrachter zu erfassen. Doch hätten Kirchen nicht nur ein affektives Potential, sondern auch ein effektives. Erne spricht, in Anlehnung an den Begriff der ikonischen Performanz eines Bildes, von der spatialen Performanz einer Kirche. Kirchen haben nicht nur eine besondere Atmosphäre, „sie sind auch ein Movens, das mich in einen Rhythmus bringt in der Abfolge von Gängen, Szenen, Sichtachsen, Sitzordnungen, Zonen der Helligkeit oder Dunkelheit etc., die das Bauwerk meiner Bewegung anbietet.“ Erne ist neben Klie der einzige Autor, der auch auf das Verhältnis der Kirche zum öffentlichen Raum eingeht, auf die Bedeutung der Kirchengebäude, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, „als Ander-Orte, die eine Grenze des Unverfügbaren markieren und die deshalb selber unverfügbar sind oder zumindest so erscheinen sollten“. Eine letzte These von Erne: Kirchengebäude sind Orte, an denen sich ästhetische und religiöse Transzendenz überlagern. In dieser Verflechtung von ästhetischer und religiöser Transzendenz sieht der Autor die Chance, das Grundwissen Kirchenbau als ein kulturelles Grundwissen zu entwerfen, „das die wechselseitigen Irritationen, Transformationen und Modifikationen aufzeigt, die diese kulturell wirkungsmächtigen Stilisierungen der Transzendenz aufeinander ausüben“.

            In seiner Auswertung der Tagung weist Dietrich Korsch auf ein offen gebliebenes Desiderat hin, nämlich in der Analyse des Rhythmus der religiösen Erfahrung in einem Raum auf konfessionelle Unterschiede zu achten. Das Buch ist ein wertvoller Beitrag zu der sich heute immer mehr durchsetzenden Einsicht, dass zu den konstituierenden Elementen von Religion neben dem Wort, dem Ritual und dem Klang ganz wesentlich auch der Raum gehört.

PD Dr. Johannes Stückelberger, Kunsthistoriker, Dozent für Visual religion und Kirchenästhetik am Kompetenzzentrum Liturgik der Theologischen Fakultät der Universität Bern

 



  //  Thomas Erne, Hybride Räume der Transzendenz  //  Peter Noss, Thomas Erne (Hg.) Unterwegs im Experiment  //  Braune-Krickau, Tobias / Erne, Thomas / Scholl, Katharina (Hg.) Vom Ende her gedacht  //  Thomas Erne (Hg.) Kirchenbau  //  Thomas Erne/Peter Schüz [Hg.] Der religiöse Charme der Kunst  //  Thomas Erne/Peter Schüz [Hg.] Die Religion des Raumes und die Räumlichkeit der Religion  //  KBI - die Reihe des Kirchenbauinstituts der EKD  //  Streetlogs - Aktionen im öffentlichen Raum
   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart