Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Damit die Kirche im Dorf bleibt
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Damit die Kirche im Dorf bleibt
Schweriner Volkszeitung vom 17.05.2011
Foto: Jens Krause

NEUKLOSTER - Passen Bänke nicht doch besser in die Kirche als Stühle? Und wenn Bänke, sollte man dann nicht auch gleich noch Heizungen darunter installieren? Wie aufwendig wird es sein, den Altar zu restaurieren? Wenn Pastor Jens Krause sich heute mit den Mitgliedern des Fördervereins zur Erhaltung der Dorfkirche Groß Tessin unterhält, dann geht es vor allem um Veränderungen im Innern des stattlichen Backsteinbaus.

Noch vor wenigen Jahren dagegen war die größte Sorge die, das aus dem frühen 14. Jahrhundert stammende Gebäude überhaupt zu erhalten. "Als ich hierher kam, hatte ich eine Kirche mit Sandkiste", erinnert sich Pastor Jens Krause. Das war 2005. Schon zwei Jahre zuvor hatte der gerade gegründete Förderverein damit begonnen, den Sockelbereich im Innenraum an der Nordwand freizulegen. Denn dort drang sichtbar Feuchtigkeit ein. Und nicht nur dort: "Das Dach war löchrig , notdürftig hatte man wenigstens die größten Lücken gestopft", erinnert sich Kathrin Langbehn, die Vorsitzende des Fördervereins. Alle möglichen Materialien seien dazu verwendet worden. "Sogar ein altes Nummernschild haben wir beim Aufräumen zwischen den Dachsparren gefunden."

Zuerst die Füße der Kirche trockengelegt

Doch bevor die Instandsetzungsarbeiten am Dach beginnen konnten, mussten erst einmal "die Füße der Kirche getrocknet werden", wie Klaus-Peter Gauer, Baubeauftragter der Landeskirche im Kirchenkreis Wismar, erklärt. Ohne die Fundament- und Sockelsanierung 2005 wäre die Groß Tessiner Kirche möglicherweise eingestürzt. "Sie war eine von 130 Kirchen im Land, die als gefährdet gelten", so Karl-Heinz Schwarz, Kirchenbaurat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. 

130 gefährdete Kirchen, das heißt fast jede Fünfte. Die einsturzgefährdeten Bereiche sind dort durch Absteifungen, Notüberdachungen und Absperrungen gesichert. "Für die Notsicherung werden etwa 24 Millionen Euro benötigt", beziffert Kirchenbaurat Schwarz den Aufwand. Dazu kommen nicht unerhebliche Mittel, die die Kirche, das Land, der Bund und nicht zuletzt viele Privatpersonen und Sponsoren Jahr für Jahr für Instandsetzungsarbeiten an Kirchen zur Verfügung stellen. 

Dennoch: Um alle Kirchen komplett zu sanieren, reicht das Geld bei Weitem nicht. Allerdings seien auch viele Wünsche von Kirchgemeinden - bei allem Verständnis - nicht bis zuletzt durchdacht. So sei eine beheizte Winterkirche ein häufiger Wunsch - "aber alles, was man zusätzlich reinbringt, hat Folgekosten gegenüber der ursprünglichen Funktion", warnt Schwarz. Dreh- und Angelpunkt bei der Kirchensanierung sei deshalb die Frage, ob und in welchem Umfang Neues auch genutzt würde. In Groß Tessin hat man sich aus diesem Grund gegen eine Winterkirche entschieden und statt dessen im Pfarrhaus eine - beheizbare - Begegnungsstätte geschaffen. Die Sanierungsarbeiten konzentrierten sich statt dessen auf die äußere Hülle des Gebäudes: Fundament, Feldsteinsockel, Turm, Stützpfeiler, Fassade und zwei Drittel des Daches sind mittlerweile instandgesetzt. "In jährlichen Abschnitten, anders wäre das finanziell nicht zu stemmen gewesen", erklärt Pastor Krause. Schließlich sei auch die Fördersituation in jedem Jahr eine andere gewesen: Mal konnten Mittel aus der Städtebauförderung für Dorfkirchen abgerufen werden, mal gab es eine gewaltige Privatspende von 10 000 Euro, mit der ein Hamburger Ehepaar die Kirche in Groß Tessin unterstützte.

Vielfacher Preis für"alte" Materialien

Soweit es möglich war, wurden alte Materialien wieder verbaut, beispielsweise Dachsteine. Auch bei den Feldsteinen für den Sockel konnte auf ursprüngliche Materialien zurückgegriffen werden. "Doch ist es heute ungleich teurer, sie in die richtige Form bringen zu lassen", erläutert Kirchenbaurat Schwarz. Auch bei anderen Baumaterialien müsse abgewogen werden, ob beispielsweise traditionell gefertigte Ziegel zu zwölf Euro das Stück eingesetzt werden sollen oder ob es industriell gefertigte für zwei Euro auch tun.

In diesem Jahr ruhen die Arbeiten noch. Doch der letzte Förderbescheid liegt bereits vor, sodass in den nächsten Wochen der Rest des Daches gedeckt werden soll. "Mit diesem fünften Bauabschnitt werden die Arbeiten dann beendet sein", erläutert Klaus-Peter Gauer. Bis zum Kirchbautag im Juni in Rostock wird es zwar noch nicht so weit sein. Doch will der Baubeauftragte Groß Tessin dann dennoch als Beispiel für eine gelungene Kirchensanierung ins Feld führen. "Weil diese Kirche in vielerlei Hinsicht repräsentativ für unsere Probleme hier im Osten ist", erklärt Gauer. Kirchen, die zwar unter Denkmalschutz stehen, aber in einem sehr schlechten Zustand sind, gehören ebenso zum Alltag wie winzige Gemeinden mit leeren Kassen. In Groß Tessin leben beispielsweise ganze 47 Menschen. Dass die Mehrheit der Dorfbewohner nicht der Kirchgemeinde angehört, ist im Nordosten Deutschlands normal. Dennoch zählt die Kirchgemeinde 260 Mitglieder - sie kommen allerdings auch aus zehn Dörfern.

Förderverein sorgt auch für kulturelles Leben

"Auch solche Fördervereine wie in Groß Tessin, in denen sich ganz viele Menschen engagieren, die nicht der Kirche angehören, kennt man in den alten Bundesländern nicht", meint Gauer. Eine dieser Nicht-Kirchen-aber-Fördervereins-Mitglieder ist Katharina Frick. Die Kulturwissenschaftlerin ist aus Berlin nach Groß Tessin zugezogen und engagiert sich seit Ende 2009 im Vorstand des Fördervereins. "Weil die Kirche im Dorf bleiben muss", sagt sie. Und kann eine ganze Liste von Veranstaltungen aufzählen, die der Verein in den letzten Jahren organisiert hat: Konzerte, Lesungen, Kinovorführungen, Basare, Dorffeste… "Dank des Vereins gibt es hier wieder ein kulturelles Leben. Und wir haben es geschafft, bei vielen die Hemmschwelle herunterzusetzen, die früher nicht in die Kirche gegangen wären", freut sich Ingelore Gumtow vom Fördervereins-Vorstand.

Doch bei aller kulturellen Vielfalt: "Unsere Vereinsarbeit wird momentan von der Beschaffung finanzieller Mittel für die Kirchensanierung dominiert", betont die Vorsitzende Kathrin Langbehn. Vor allem die Dachsteinaktion sei auf große Resonanz gestoßen: Für fünf Euro konnte - und kann - jeder Interessent symbolisch einen Stein für das neue Kirchendach erwerben. Jeder Spender bekommt eine Urkunde, demnächst sollen alle Förderer auf einem Aushang in der Kirche namentlich erwähnt werden. 2600 Euro hat die Aktion bisher schon eingebracht. Auch eine neue Idee zum Einwerben von Spenden gibt es schon. "Wir würden gerne eines der Kirchenfenster erneuern lassen. Wenn das Besuchern gefällt, fragen sie möglicherweise, wie teuer das denn wäre - und stiften das Geld für das nächste", hoffen die Frauen vom Förderverein.

Karin Koslik



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