Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Die Nordelbische, März 2008
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Die Nordelbische, März 2008
Jeder Abriss ist eine Kapitulation

Kultursenatorin macht Kirchen zur Chefsache: „Jeder Abriss ist eine Kapitulation“

Kirchbautagspräsident trifft Kirchentagspräsidentin: Helge Adolphsen im Gespräch mit Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck: Wie können Kirchengebäude künftig erhalten werden?

Hamburg – Der Erhalt von Kirchen liegt beiden am Herzen: dem Präsidenten des Evangelischen Kirchbautages Helge Adolphsen wie der Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck. Und doch gehen beide die angesichts sinkender Kirchenmitglieder drängende Frage, wie möglichst viele Kirchen erhalten werden können, von unterschiedlichen Seiten an: Adolphsen als Bewahrer und Förderer spiritueller Räume, von Welck als Wächterin über Hamburgs Kulturdenkmäler. „Die Nordelbische“ hat beide miteinander ins Gespräch gebracht.

Helge Adolphsen: „Das Kulturerbe Kirche ist eine gemeinsame Aufgabe der politisch, religiös, kulturell und wirtschaftlich Verantwortlichen“, so hat es der Evangelische Kirchbautag bereits vor mehr als zehn Jahren im „Magdeburger Manifest“ festgehalten. Kirchen zu erhalten, sie wieder zu öffnen ist also auch Aufgabe der Politik.

Karin von Welck: Das glaube ich auch, und deshalb wird von ihr auch so manches dafür getan. Kirchen sind stolze Zeichen unserer Kultur. Sie bieten Raum für Einkehr und für Gottesdienste. Und sie bilden Gemeinschaft. Das hat mich in den neuen Bundesländern stark beeindruckt, wie sich Dorfgemeinschaften für den Erhalt ihrer Kirchen einsetzen.Wir können daran ablesen, dass Gemeinden neues Engagement in unserer Gesellschaft freisetzen. Das geht weit über den Kirchenbau hinaus.

Helge Adolphsen: Und dennoch haben wir gerade vor wenigen Tagen den ersten Abriss einer Kirche in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg erleben müssen.

Karin von Welck: Umso mehr appelliere ich an die Kirche, alle Anstrengungen zu unternehmen um diese Gebäude zu erhalten. Die hohe architektonische Qualität und der identitätsstiftende Charakter der Bauwerke ist für Hamburg unentbehrlich. DieKirche ist gefordert, nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für diese Räume zu suchen.

Helge Adolphsen: An welche Nutzungsmöglichkeiten denken Sie denn da ganz konkret?

Karin von Welck: In erster Linie natürlich an jede Art von soziokulturellen Aktivitäten. Und sei es die Verwendung als Proberaum für ein Orchester.. Da ist vieles denkbar.

Helge Adolphsen: Und welche Grenzen der Verträglichkeit sehen Sie? Was denken Sie über die Umnutzung von Kirchen etwa für Techno Nights oder ähnliches?

Karin von Welck: In den 60er Jahren habe ich mal einen amerikanischen Film gesehen, in dem eine Kirche als Disko genutzt wurde. Ich fand das entsetzlich. Heute gibt es zum Glück gute Konzepte für verträgliche Nutzungen im kulturellen Bereich, wie etwa in der Hamburger Bugenhagenkirche, die heute für Theaterproben und -aufführungen genutzt wird. Ich finde es aber auch durchaus vorstellbar, sie an andere Glaubensgemeinschaften abzugeben. Das fällt schwer. Aber bevor ein Gotteshaus abgerissen wird, würde ich es lieber als Moschee an eine islamische Gemeinde abgeben. Das dürfte in Zukunft noch ein Thema werden.

Helge Adolphsen: Ich halte diese Lösung eigentlich nicht für geeignet, da Moscheen und Kirchen von ihrer Beschaffenheit her erst einmal vollkommen unterschiedlich sind. Dann müsste über den Dialog der Religionen schon etwas Drittes, völlig Neues entstehen. Ebenso halte ich es für unklug, wie in Köln, eine Moschee mit hohem Minarett direkt neben eine Kirche zu bauen. Das ist zu aufdringlich. Diese Art der Umnutzung würde ich nicht so gern in den Vordergrund stellen.

Karin von Welck: Ich sagte ja, das ist ein Thema für die nächsten Jahrzehnte.

Helge Adolphsen: In einer Drucksache des Hamburger Senats zur Situation der Kirchengebäude in Hamburg hat dieser unlängst angemahnt, dass die Nordelbische Kirche keinen „Masterplan“ für die Umnutzung von Kirchen hat. Nach welchen Kriterien müsste ein solcher Plan denn Ihrer Meinung nach aufgestellt sein?


Karin von Welck: Für mich sind Kirchen Orte der Kultur. Und als Kulturbehörde haben wir demzufolge natürlich auch ein eigenes Interesse am Erhalt dieser Bauwerke. Viele Kirchen sind zudem Denkmäler, die wir zu schützen haben. Und das ist bei manchen Kirchbauten durchaus eine brisante Geschichte. Ich denke dabei gerade an die vielen Kirchen, die in den 50er Jahren gebaut wurden, als die Gemeinden durch den Zuzug der Flüchtlinge aus allen Nähten platzten. Das sind nicht alles bauliche Schönheiten. Aber sie sind trotzdem schützenswert, auch dann, wenn es manchem Kirchenmitglied schwer fällt, ihren künsterlischen Wert zu entdecken. Auch für sie gilt: Abriss muss der letzte Weg sein.

Helge Adolphsen: Da bin ich mit Ihnen vollkommen einig. Aber können wir es uns wirklich leisten, Kirchen leer stehen zu lassen? Durch das derzeitige Zwischenhoch bei den Kirchensteuereinnahmen ist der Leidensdruck momentan ja nicht ganz so groß. Dennoch müssen wir die dadurch gewonnene Zeit aber klug nutzen.

Karin von Welck: Leerstand ist noch keine Lösungsmöglichkeit. Aber Kirchen abzureißen anstatt sie stehen zu lassen, das kann ich nicht nachvollziehen

Helge Adolphsen: Natürlich ist es entsetzlich, wenn Kirchen leerstehen. Wenn sie ungenutzt stehen, verfallen sie unweigerlich. Aber Sie haben Recht: Es gibt ja durchaus auch die Möglichkeit sie leer stehen zu lassen, ohne sie gleich zu entwidmen und verfallen zu lassen. Statt sie ein für alle mal mit einem großen Akt zu entwidmen, ist es tatsächlich besser, sie nur noch ab und zu für Veranstaltungen zu nutzen. Wir müssen es lernen auszuhalten, dass wir nicht alle Probleme selber lösen können. Manche Aufgaben bleiben für die nächsten Generationen.

Karin von Welck: Jedenfalls sollten wir Kirchen nicht in die Leere hinein entwidmen. Schließlich sind sie nicht nur baukünstlerisch wertvoll, sondern auch identitätsstiftend. Wenn ich meinen Kirchturm entdecke, habe ich das Gefühl, nachhause zu kommen. Das geht nur, solange dieser noch steht.

Helge Adolphsen: Allerdings bleibt solange auch die finanzielle Last bei der Gemeinde. Da müssen wir Partner finden. Vielleicht könnte ja auch der Staat in dieser Hinsicht noch mehr leisten?

Karin von Welck: Der Hamburger Senat bekennt sich ja deutlich dazu, die Aufgabe des Erhalts der Kirchengebäude gemeinsam mit der Kirchen lösen zu wollen. Das wird in der von Ihnen angesprochenen Drucksache ja deutlich. Darüber hinaus gibt es viele engagierte Stiftungen, die sich genau zu diesem Zweck gegründet haben. Übrigens trägt dazu ja auch die Stiftung Denkmalschutz einen großen Anteil zum Erhalt der Kirchen bei. Ich bin optimistisch, dass wir in Zukunft gute Strukturen zur Geldbeschaffung finden werden.

Helge Adolphsen: Inwieweit könnte ein zentrales Immobilienmanagement der Nordelbischen Kirche dazu beitragen, das sie jüngst eingefordert haben?

Karin von Welck: Es muss allen Kirchenvertretern klar werden, dass das Problem des Kirchenerhalts nicht auf Gemeindeebene gelöst werden kann. Die Gemeinden dürfen in dieser Situation nicht alleingelassen werden. Deshalb macht es Sinn, wenn man an einer Stelle übergreifenden Merkmale systematisiert.

Helge Adolphsen: Dennoch bleibt letztlich auch der Staat in der Pflicht.

Karin von Welck: Natürlich ist der Staat gefordert. Ich finde etwa, dass man den Gemeinden durchaus mehr Rechte zur Nutzung der Grundstücke einräumen muss. Die Grundstücke, auf denen die Kirchen stehen, gehören zumeist der Stadt und dürfen nur für Kirchbauten genutzt werden. Da muss man der Kirche entgegenkommen.

Helge Adolphsen: Wenn das gelänge.

Karin von Welck: Es gibt doch viele Nutzungsmöglichkeiten, die dem Gemeinwohl ebenso dienen würden wie eine Kirche. Etwa durch ein kirchliches Altenheim, durch Kindergärten usw.. Deshalb unterstüzte ich die Forderung, dass die Gemeinden die Grundstücke anders bebauen dürfen als nur mit Kirchen. Einen vollständigen Verzicht der Stadt auf ihre Grundstücke kann ich mir hingegen nicht vorstellen.

Helge Adolphsen: Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, die Mehrwertsteuer für die zum Erhalt von Kirchen notwendigen Baumaßnahmen abzusenken? Die Mehrwertsteuer, die die Kirchen hierfür jährlich in Deutschland abführen müssen, übersteigt die Summe aller Förderungen durch den Denkmalschutz bei weitem.

Karin von Welck: Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Allerdings habe ich mich darum noch nicht aktiv bemüht. Ich will das aber gern mit dem Kulturstaatsminister besprechen. Ich werde dafür sorgen, dass wir all diese Themen auf der Agenda behalten. Schließlich wollen wir das Gemeinsame in unserer Stadt bewahren.

Helge Adolphsen: Der Satz „lieber Abbruch als Imageschädigung“ stimmt eben doch nicht so ganz. Denn letztlich ist jeder Kirchenabbruch ja auch selbst eine Imageschädigung: für die Kirche aber auch für die Stadt.

Karin von Welck: Das stimmt. Jeder Kirchenabbruch ist eine Kapitulation unserer christlichen Gesellschaft.



Informationen
Situation der Kirchengebäude in Hamburg

In einer Drucksache vom 8. Januar 2008 informiert der Hamburger Senat die Bürgerschaft über die „Situation der Kirchengebäude in Hamburg“. Anlass ist die „schwierige Erhaltungssituation“ angesichts der wirtschaftlichen Situation der Kirchen sowie die „Gemeindefusionen und ihre Folgen“ Als kurz- oder mittelfristig gefährdet stuft der Senat etwa 35 denkmalschutzwürdige Kirchen ein.

Lösungsansatz ist die engere Zusammenarbeit von Stadt und Kirche: „Wenn auch eine unmittelbare Verantwortung der Stadt für denErhalt ungenutzter, von ihren Gemeinden aufgegebener Kirchen nicht gegeben ist, sondern die Erhaltungspflicht bei den Gemeinden liegt, stellt sich doch die Frage, welche Möglichkeiten sich zur Verbesserung der Gesamtsituation durch Zusammenarbeit zwischen kirchlichen und städtischen Stellen ergeben können.“ Das Nordelbische Kirchenamt wird gebeten, „im Interesse der Erhaltung des kirchlichen Denkmalbestands einen Masterplan für das Hamburgische Stadtgebiet zu entwickeln.“



Erschienen in: „Die Nordelbische“ Wochenzeitung für Gemeinde und Gesellschaft, Ausgabe 9/08, www.nordelbische.de

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