Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Muslimische Studentin entwirft Dortmunder Gemeindezentrum
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Muslimische Studentin entwirft Dortmunder Gemeindezentrum
Studentisches Projekt für den Ev. Kirchbautag

„Meine Kommilitonen wussten: Ein Altar muss da stehen; der Raum muss so aussehen. Aber ich konnte selbst völlig frei entscheiden.“ Für Nalan Cicek war die Begegnung mit St. Nicolai auch die erste intensive Erfahrung mit einer protestantischen Kirche. Die 22-jährige Muslimin sitzt vor DIN A1-großen Plotter-Ausdrucken: ihr Entwurf für das neue evangelische Gemeindezentrum, für die Kindertagesstätte, das Pfarrhaus, den Ort der Stille, die Winterkirche und die Veranstaltungsräume; das Ergebnis eines gemeinsamen Projektes von Studenten aus Dortmund, Marburg und Kaiserslautern im Vorfeld des Kirchbautags.

Drei neue Bauten sollen es werden. Ein Ensemble, das die Kirche in die Mitte nimmt. Gemeindezentrum, Kindertagesstätte und Veranstaltungshaus sollen aus jeweils drei hohen Geschossen bestehen und ähneln sich äußerlich sehr. Die grau verputzten Fassaden sollen mit der Stahlbetonkirche harmonisieren und eine Einheit bilden. Für jedes der neuen Gebäude ist ein Innenhof geplant. Und in diesen Höfen liegt auch die Besonderheit des Entwurfs: „Der Hoftypus gibt jedem der neu geplanten Gebäude seinen individuellen Charakter und unterstreicht dennoch das Einheitliche im innerstädtischen Kontext. Jeder Hof wird je nach Gebäudefunktion gestaltet. So wird der KITA-Hof ein fantastischer Spielhof für Kinder“, sagt Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin Carolin Sauer, die die Studenten der Technischen Universität Dortmund mit ihren Entwürfen betreut. Die Kirche selbst ist denkmalgeschützt, und bleibt in ihrer jetzigen Form bestehen.

Ihr Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Plotter-Ausdruck führte über etwa 100 Entwürfe. „Ich habe endlose Nächte an der Uni verbracht“, erinnert sich Nalan Cicek. Die Architektur-Studentin der TU Dortmund musste deutlich mehr recherchieren als ihre Kommilitonen: Welche spirituellen Grundlagen hat eine evangelische Kirche überhaupt? Welche architektonischen Anforderungen muss ein Bau wie dieser erfüllen? Was sind die Besonderheiten der St. Nicolai-Kirche? Welche Geschichte durchlebte die Gemeinde im Dortmunder Kreuzviertel? Und wie lassen sich die Neubauten so anordnen, dass die Kirche aus dem Jahr 1930 weiterhin wirkt? Trotzdem: „Man denkt allgemein und nicht in religiöser Hinsicht“, erklärt die Bochumerin, „ich musste das Projekt wie jedes Projekt behandeln. Da gibt es keine Unterscheidungen – egal welchen Glauben ich vertrete.“ Der Aufbau einer Moschee, die architektonischen Unterschiede zu einer christlichen Kirche – all das spielte für die 22-Jährige keine Rolle.

Dennoch waren die christlichen Kommilitonen zunächst im Vorteil: „Viele kannten die wichtigen Beispiele schon und konnten sofort mit dem Entwurf beginnen.“ Nalan Cicek musste erst intensiv über Christentum und Kirchen recherchieren. Dabei entwickelte sie aber „genaue Vorstellungen und Vorbilder, nach denen ich mich gerichtet habe“. Der Nachteil wurde zum Vorteil.

Ein weitere Voraussetzung, die Nalan Cicek und ihre Kommilitonen erfüllen mussten, war eine städtebauliche: „In welcher Art und Weise positioniert sich St. Nicolai zu ihrem Umfeld?“, hieß es in der Aufgabenstellung. Dass die Kirche zu den Meilensteinen unter den deutschen Sakralbauten gehört, erhöhte den Druck für die Studenten noch mehr. Karl Pinno und Peter Grund waren 1930 die Ersten, die den Baustoff Beton bei einer Kirche derart konsequent nutzten und als solchen wirken ließen.

Die Anforderungen betrafen nicht nur das Raumprogramm, kamen nicht nur von den Professoren. Im Hinterkopf hatten die Studenten auch den enorm langen Wunschzettel von Pfarrerin Babette Kausträter. Darauf stand anfangs sogar eine Kegelbahn für die Gemeinde. Das wiesen die Projekt-Verantwortlichen aber früh zurück: nicht realisierbar.

Zunächst glaubte Nalan Cicek, sie sei der großen Aufgabe nicht gewachsen. Die Bochumerin besuchte zwar einen katholischen Kindergarten; wenn Freunde heirateten, saß sie schon in evangelischen Kirchen. Dennoch favorisierte die 22-Jährige ein anderes, ein neutrales Architekturprojekt. „Aber einige Freunde haben gesagt: Komm, wir machen alle da mit und schaffen das.“

Lange überlegte die türkischstämmige Bochumerin, wie sie die Volumina der Räume verschieben könne, damit das Gesamtergebnis wirke. Immer wieder verschob sie die Gebäude auf dem Eckgrundstück zwischen Wittekind- und Lindemannstraße, veränderte Raumhöhen. Letzten Endes plante sie knapp vier Meter hohe Etagen. So würde das neue Gemeindezentrum neben der neuen Seniorenresidenz nebenan nicht zu klein wirken.

Die Entwürfe von Nalan Cicek und ihren Kommilitonen werden beim Kirchbautag und in der St. Nicolai-Kirche zu sehen sein. Welche der Ideen umgesetzt wird, entscheidet die Gemeinde selbst.

Hintergrund 

Die Nicolai-Kirche ist ein lang gestreckter Saalbau aus Stahlbeton mit einem trapezförmigen Grundriss. Der läuft ebenso wie das Flachdach im Chor weiter. Nördlich an den Portalbau schließt sich ein Turm mit quadratischem Grundriss an, ist aber baulich getrennt. Zwischen ihm und dem Hauptraum befinden sich eine Gedächtnis- und eine Taufkapelle. Prägend für das Kirchenschiff ist die Kunstverglasung, die ungefähr drei Viertel der 14 Meter hohen Außenwände ausmacht. Die ursprünglichen Glasfenster wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1963 durch Gottfried von Stockhausen neu gestaltet.

An dem Projekt nahmen Architekturstudenten der TU Dortmund und der TU Kaiserslautern und Theologiestudenten der Philipps-Universität Marburg teil – im Vorfeld des 26. Kirchbautags. Der steht vom 23. bis 26. Oktober 2008 in Dortmund unter dem Motto „Transformationen. Übergänge – gestalten“.



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