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Aus_Grabungen
Gravitationszentren der Religion

Holger Walter, Aus_Grabungen. Stein- Papier- Raum (c) Holger Walter, Ettlingen 2009. www.holger-walter-atelier.de

Zu den Arbeiten von Holger Walter im Raum der Kirche

Thomas Erne

Wozu brauchen wir heute noch Altäre? Wozu aus 16 Tonnen Bollinger Leholz-Sandstein, gebrochen am oberen Zürichsee, eine perfekt dimensionierte Skulptur herausmeißeln? Filigran und tonneschwer ist das Gravitationszentrum, das Holger Walter der neu renovierten Stiftskirche in Stuttgart eingepflanzt hat. Ein Tisch so unverrückbar einladend, dass sich an ihm auch der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch wohlgefühlt hätte. Hüsch hat zwar von einem einen runden Tisch geträumt. Trotzdem hätte ihm der Altar der Stuttgarter Stiftskirche gefallen. Er ist von an allen Seiten für (fast) alle gleich zugänglich. Die jesuanische Dauerprovokation wird so auch im 21. Jahrhundert anschaulich. Soziale Rangunterschiede werden entdramatisiert, Milieugrenzen werden durchlässig, wenn Gott einlädt an einen Tisch, auch wenn sich Hüsch die paradiesische Tischszene nicht ohne Exklusionen denken konnte:  „Alle reden und trinken, essen und denken nach Herzenslust und Gelüsten - mit Ausnahme der Faschisten“[1].

Doch die mediale Verweildauer der deutschen Bevölkerung liegt inzwischen bei durchschnittlich 8,5 Stunden täglich mit steigender Tendenz. „Wir werden dahin kommen, alle Medien der Welt aufzusaugen“, prophezeit der Gründer von Second Life, Philip Rosedale[2]. Alles, was die reale Welt zu bieten hat, auch die Haptik des Sandsteins, die Materialität von Granit und Stahl werden die virtuellen Menschen aufsaugen. Sie werden in simulierten Räumen leben, abgelöst von ihrer Position im realen Raum. Und sie werden an simulierten Altären in simulierten Kirchen simulierten Sandstein fühlen und simulierte Bewegungen um simulierte Skulpturen ausführen. Dabei werden sie bewegungslos in ihren Datenhelmen und Datenanzügen sitzen, die Hand an der Maus, während sich in ihrem Gehirn eine ganze Welt bewegt.

Wozu also noch Altäre, wenn der reale Raum, das materielle Objekt, der reale Leib eine Art  Restrisiko des Cyberspace darstellt? Minimal in der Extension, aber bedauerlicherweise nicht ganz zu vermeiden. Muss man da nicht ein Held der Materialität sein, wenn man auf die Zukunft einer Kunstform baut, die ohne realräumliche Basis nicht existieren kann? Denn es ist das Eigentümliche der Plastik, dass sie Raum für ihre Betrachtung braucht, weil sie eben diesen Betrachtungsraum zum Thema ihrer räumlichen Gestalt macht.

„Skulptur auf einer Eisscholle“, heißt eine Arbeit von Holger Walter von 1997. Auf einer Eisscholle im Rhein treibt, eingebettet in weichen Schnee, ein halbversunkenes Objekt. Wenn in der Frühlingssonne das Eis schmilzt und sich die materielle Basis der Skulptur verflüssigt, wird sie im Rhein versinken. Es ist eine Skulptur vom Ende der Skulptur. Dort auf dem Grund des Rheines, wo nach ganz andere mythische Schätze lagern, wird die Kunst der Plastik ruhen bis eines Tages ein anderes, weniger medienversessenes Geschlecht sich ihrer erinnert.   

Doch verliert in der Mediengesellschaft nicht nur die Skulptur ihre realräumliche Basis. Es versinkt nicht nur die Plastik in den medialen Wellen wie in den Fluten des Rheins. Auch die Religion wirkt gefährdet. Denn auch die Religion braucht für ihre Kommunikation die konkreten Orte, das vom profanum unterschiedene fanum. Und sie braucht den Realraum für anwesende Realkörper, die interagieren von Angesicht zu Angesicht, face to face. Seit 2005 steht in Langenseifen/Hessen ein unfreiwilliges Mahnmal. Eine Altarskulptur auf dem Feld, der Ort einer künftigen Kapelle, klagt ihre räumliche Fassung ein. Holger Walters wuchtige Säule markiert den Tisch, an dem alle zusammenkommen könnten. Was bisher fehlt sind die Konsequenzen der ersten Tat, vielleicht sind es auch die Mittel, die den markierten Raum verbindlich besetzen, die Kapelle bauen, den Altar gebrauchen und zum Verweilen einladen, weil die religiöse Interaktion in Wort und Sakrament an diesem Ort ersichtlich einen dauerhaften Bezug zur Transzendenz stiftet.

„Entbettung“ lautet die sanfte Formel des englischen Soziologen Anthony Giddens für den Prozess einer zunehmenden Ablösung der gesellschaftlichen Interaktion von Orten. „Beziehungen werden aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen herausgehoben“[3]. So als würde ein noch schlafendes Kind aus seinen Bett gehoben, um dann im Auto auf der Fahrt in den Urlaub aufzuwachen. Die Enthobenheit von Orten wirkt in diesem Bild wie eine Konsequenz aus der Moderne, die man problemlos akzeptieren kann. Zwar verblassen die Konturen des Individuums in der virtuellen Entsicherung der Kommunikation. Der individuelle Prägnanzgewinn durch die Bindung an konkrete Orte und verbindliche Sozialformen geht verloren. Aber die virtuelle Kommunikation entschädigt reichlich mit neuen, hoch attraktiven Spielräumen.

Ausgerechnet ein Medienphilosoph, Boris Groys, widerspricht einer harmonischen Lesart der modernen Ortlosigkeit der Religion. Wenn die religiöse Selbstbesinnung keine Schutzräume für ihre Rituale in sakralen Orten findet, weil die Ritualität und Repetivität der modernen Medien ihre Stelle einnimmt, dann, so Groys, beginne der religiöse Impuls „extremistisch zu wirken“.  Für die Besinnung auf das eigene Selbst, die Offenbarung der „reinen Medialität“ des Menschen, jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen, bliebe dann nur der eigene Körper, den exemplarisch die Künstler „in einen Ort des Sakralen, in einen Ort des stummen, repetitiven Martyriums“[4] verwandeln.

Aber offenbar hat die virtuelle Freiheit ihre genauen Grenzen. Die entfesselte Kommunikation in einer ortsenthobenen Moderne, die in der Tat keine Kirchen und keine Altäre mehr braucht, muss “rückgebettet“[5] werden. Ohne eine solche Rückversicherung auf den Körper, auf den Raum, auf konkrete Orte ist eine vertrauenswürdige Kommunikation auch in der Virtualität nicht möglich. Die moderne  Medientechnologie treibt so die Materialität des Körperlichen und Räumlichen nicht als Kontradiktion, sondern als Kompensation ihrer Virtualität immer wieder hervor. Unter diesen Bedingungen gewinnt folglich eine Kunstform wie die Bildhauerei, welche die Erscheinung des Körpers im Raum zum Gegenstand hat, spürbar an Bedeutung. Es ist das Gewicht in dieser Kunst, ihre Materialität, ihre Immobilität, die Konstitution eines Raumes der Betrachtung, die der Skulptur den Zugang zur massenmedialen Reproduktion verwehren. Und so wird die Bildhauerei zu einem Katalysator für existentielle Tiefenbohrungen in der Moderne.

Gerade heute, gerade in der Mediengesellschaft brauchen wir daher Altäre. Sie sind die materiellen Gravitationszentren für die religiöse Selbstbesinnung. 16 Tonnen Bollinger Leholz-Sandstein, gebrochen am oberen Zürichsee, filigran und tonneschwer sind da gerade richtig.

 

 



[1] Hanns Dieter Hüsch, Das Lied vom runden Tisch, 1977.

 

 

[3] A. Giddens, Konsequenzen der Moderne, Frankfurt a. M. 1996, 33.

 

[4] B. Groys, Medium as Religion, 2006, Video Lecture und Broschüre zur Ausstellung MEDIUM RELIGION, ZKM Karlsruhe, 23.November 2008 -  19. April 2009, S. 37f.

 

[5] A. Giddens, Konsequenzen der Moderne, Frankfurt a.M. 1996, 103.

 



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