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"...vom Leben umfangen."
Architektur Flash Juni 2009

vorgestellt von Hauptpastor em. Helge Adolphsen

Einst lag sie im Dunkel, die Krypta des Hamburger Michel. Grablege mit 268 Grabkammern aus der Barockzeit. Bis 1813 wurde hier beigesetzt.

In denselben Ausmaßen wie der helle, weite und Licht durchflutete Kirchenraum oben. Und keine Treppe führte nach unten. Die Särge wurden durch einen Schacht heruntergelassen. Die Toten waren unter sich.

Kunsthistorische und archäologische Forschungen brachten Erstaunliches zu Tage. Diese Grablege mit ihren teilweise gut erhaltenen Särgen ist die weithin besterhaltene barocke Gruft. Entgegen den pompösen Beerdigungszeremonien auf den Straßen Hamburgs mit 12-spännigen und festlich illuminierten Leichenzügen, die der Senat trotz Verboten nicht verhindern konnte (die Leute sollten doch arbeiten!), unten in der Krypta eine demokratisch zu nennende Grablege! Auf den 268 Grabplatten aus Sandstein nur Name, Geburts- und Todesdaten und „vor 15 Jahren nicht zu öffnen“. Schlicht auch die Gräber von Carl Philip Emanuel Bach, über 20 Jahre „Städtischer Musikdirektor“, von Johann Mattheson, bedeutender Komponist – Erinnerung an die große Musiktradition des Michels.

Im Zweiten Weltkrieg diente die Krypta als Luftschutzkeller. Zwischen die Granitsäulen wurden Splitterschutzwände eingezogen. In den Bombennächten Juli 1943 überlebten hier Tausende, während oben um den Michel herum alles in Schutt und Asche fiel. Der Friedhof wurde für sie zum Ort des Überlebens.

In den 80-er Jahren wurde begonnen, die Schutzwände abzutragen, um Raum zu schaffen für Führungen, Ausstellungen und Konzerte. Erst 2007 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Ein Lichtkonzept wurde verwirklicht, ein Altar geschaffen und eine Orgel eingebaut.
In diesem Jahr wird der Innenraum der Kirche saniert. Sie ist für 10 Monate nicht zugänglich. Die Krypta wird zum Gottesdienstraum für die „normalen“ Gottesdienste bis zu 400 Personen. Für die größeren Gottesdienste nutzt man die Gastfreundschaft der anderen Hauptkirchen in der Innenstadt. Konzerte, Ausstellungen, Vortragsveranstaltungen, Empfänge, Gastmähler gehören ins Programm. Die Krypta wird auch vermietet.

Man hat hier nicht nur aus der Not eine Tugend gemacht. Der Kirchenraum als Ort des Lebens einer stadtweiten Gemeinde ist nach unten erweitert worden. Die Lebenden und die Toten sind nah beieinander. Und die Toten gehören mitten ins Leben. So wie es frühere Generationen formuliert haben: „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen…“ Wer sich in der Krypta bewegt, dem mag die Umkehrung dieses Satzes in den Sinn kommen: „Mitten wir im Tode sind von dem Leben umfangen.“

Rot beleuchtete Krypta (Foto: Sven Kriszio)
Literatur:
  • Semjon Aron Dreiling: „Pompöser Leichenzug zur schlichten Grabstätte“ Medien-Verlag Schubert, Hamburg
  • Andreas Ströbl, Dana Vick: Hamburgs verborgene Geschichte. Das Gruftgewölbe unter dem Michel, Archäologisch-kunsthistorische Dokumentation von sechs Gruftkammern vom 13. bis 26. April 2004, Rosdorf 2004. Verlag: Michaelitica an St. Michaelis zu Hamburg e.V.


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