Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: "Passion" von Jan Koblasa
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"Passion" von Jan Koblasa
Andacht von Hauptpastor em. Helge Adolphsen im Dorothee-Sölle Haus
Jan Koblasa, Passion, 1976/77

„Und das Volk stand da und sah zu ...“

Damals sahen sie zu und sahen doch nicht. Sie sahen auf drei Menschen, auf drei Körper.

Bei Lukas in seinem Evangelium heißt es: „Die da standen und zusahen, spotteten und verhöhnten ihn“, in der Mitte den   E i n e n,   den in der Mitte zwischen den beiden anderen.

Jan Koblasa, der Freund seit 40 Jahren, sah auch. Aber er kann nie nur zusehen. Er schaut mit allen Sinnen. Immer. Damals, in den siebziger Jahren, sah er auf ein Bild, das ihm vor seine Augen kam. Er schaute auf drei Afrikaner, drei Schwarze. Sie waren mit ihren Köpfen auf Pfähle aufgespießt. Getötet, ermordet. Drei Menschen, drei Körper. Dieses Bild ließ ihn nicht los. Es, die drei arbeiteten in ihm. So lange, bis die Idee in ihm reife und es zum Entwurf für die „Passion“ kam. Das war in den 70-er Jahren, als wir beide uns kennen lernten.

Wir sehen jetzt auf die drei Gestalten von Koblasa aus den Jahren 1976/77. Drei Männer, drei Körper, drei Menschen. Wir sehen sie und sehen keine Kreuze. Körper und Kreuze sind eins. Die Gestalten wachsen aus dem Holz, sind ununterscheidbar, sind eins mit dem Holz. Sie stehen aufragend, zwei Meter achtzig hoch, dicht nebeneinander. Die drei wenden sich einander nicht zu. Sie sprechen nicht zueinander und nicht miteinander. Es ist als wäre alles gesagt.

Da hatte doch der Mensch zur Linken, Übeltäter oder Räuber genannt, gelästert und gesagt:

„Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“

Jesus in der Mitte schwieg und sagte kein Wort. Aber der zu Rechten, der sprach über den Einen in der Mitte hinweg zu dem zur Linken:

„Wir sind zwar mit Recht verdammt, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen. Dies aber hat nichts Unrechtes getan.“

Es ist, als wäre alles gesagt. Als sollten wir tiefer und höher schauen. Von unten nach oben. Die drei stehen auf Steinen. Fest am Boden, geerdet, felsenfest. Auf Felsen, wie das Grab Jesu, in Fels gehauen. Der Eine in der Mitte ragt höher hinaus als die beiden links und rechts neben ihm. Es ist Christus. Es ist seine Passion. Es ist zugleich die Passion der Drei wie der drei Afrikaner. Drei in eins.

Alles strebt von unten nach oben. Die Gestalten werden oben breiter und wirken doch leicht und schwerelos. Die Körperformen und –teile, Beine, Arme sind nicht zu sehen. Alles ist reduziert auf die gestaltete Form, verdichtet und gerichtet nach oben. Wie so oft bei Koblasa aufs Wesentliche reduziert und konzentriert. Hin zu den Köpfen. Wir sehen nicht in die Gesichter, wir sehen nicht ihre Augen, ihre Mimik, wir sehen nicht Schmerz oder Spott, keinen Kampf und keine Klage.

Christus in der Mitte schaut nach oben, zum Himmel. Das ist nicht nur der Gekreuzigte. Es ist zugleich der Gekreuzigte, der Auferstehende und der zum Himmel Aufsteigende Drei in eins. Die ganze Bewegung, die Linien und Falten im Holz bis in den Kopf hinein zeigen es. Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt, nicht zeitlich gedehnt und getrennt, sondern verdichtet zu einem Bild, zu einer Botschaft.

Jesus Christus, gestorben für uns, auferweckt von Gott, aufgefahren zu ihm. Drei in eins. Er in der Mitte. Er, Mitte, Basis, Inhalt, zentrale Botschaft christlicher Verkündigung.

Rechts so nah wie möglich bei ihm der eine Verbrecher. Sein Körper schwerer als der des Christus. Er hatte zuvor gesagt:

„Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Das war vorher.

Auch sein Kopf richtet sich nach oben. Wie von Jesus erbeten und ersehnt scheint seine Bitte erfüllt zu sein. Die Erde, seine Taten, sein Unrecht belasten ihn nicht mehr. Die Lasten sind von ihm genommen. Er ist ein Verwandelter. Die Annahme durch Jesus und die Aufnahme in dessen Reich hat schon begonnen. Er ist befreit. Der Befreite und Erlöste.

Jesus Antwort vorher:

„Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Paradies, Himmel, Gott, Freiheit.

Links der zweite Räuber. Mit einem schwereren Körper. Und doch auch aufragend. Er neigt den Kopf zur Seite. Sein Kopf lastet schwer auf seinen Schultern, auf seinem ganzen Körper. Kopf und Körper sind abgewandt von der Mitte. Nach oben zu schauen, ist ihm nicht vergönnt. Die Trennung von Christus ist vollzogen.

Sehen Sie darin Scham, Trauer, Verzweiflung, Bestrafung? Oder ein „Zuspät“, das Aus, das endgültige Aus und Vorbei? Oder alles zusammen?

Bei Jan Koblasa ist alles immer verdichtet und komplex – aber nicht kompliziert. Komplex – und doch einfach. Nicht kompliziert, sondern klar. Für Sehende, die schauen in innerer Schau. Für Schauende, die frei sind, eigene Empfindungen, Assoziationen, Bilder und Gedanken zu bilden.

Die Drei sprechen nicht miteinander. Da ist alles gesagt.

Es ist nichts mehr zu hören. Aber wer mit seinen eigenen Augen sieht, der hört. Hören ist aber noch kein Selber-Sprechen. Erst wenn die nicht mehr hörbaren Worte zu eigenen Worten, wenn Bilder zu eigenen inneren Bilder und Assoziationen werden, dann kommt diese Passion in uns und durch uns zur Sprache. Dann verbinden sich das Selbst-Gehörte und das Selbst-Gesehene mit dieser Passion.

Koblasa fand das Bild mit den drei Afrikanern. Und kam nicht los von den Dreien an ihren Pfählen, von ihrer Passion. Er ging über Pfähle, Kreuze, Menschen an Kreuzen hinaus. Ließ sich inspirieren zu dieser Aussage und Botschaft: Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt. Drei in eins. So erging es ihm. Ohne innere Schau, ohne Inspiration, ohne Selbst-Aneignung entsteht keine Kunst, sagt er. Und ich sage: Ohne Inspiration, ohne eigene Assoziationen kommt es nicht zur Selbst-Aneignung biblischer Worte von der Passion Jesu. Und nicht zum tieferen Verstehen, dass die Kreuzigung Jesu untrennbar verbunden ist mit seiner Auferstehung ins Leben und seiner Himmelfahrt zu Gott. Drei in eins, Basis, Mitte und Ziel christlichen Glaubens und christlicher Verkündigung. Das eine Geschehen – für uns.

So spricht diese Passion von Jan Koblasa zu mir und ich von ihr zu Ihnen. Sie kann uns neues Sehen, Hören und Sprechen geben.

 

Jan Koblasa, Passion, 1976/77, Ausschnitt
Jan Koblasa, Passion, 1976/77, Ausschnitt
Mehr Informationen zu Jan Koblasa gibt es in dem Buch „CRUZIFIXUS“.

Gemeinsam mit Helmut Disselbeck hat Helge Adolphsen das Buch „Crucifixus. Dokumentation des Kreuzes von Jan Koblasa, Paul-Gerhardt-Kirche, Kiel, herausgegeben. Helge Adolphsen war Dekan in Kiel. Er schreibt dazu: „Als ich meine erste Gemeinde in Kiel Neumühlen-Dietrichsdorf 1981 verließ, habe ich in der dortigen Kirche ein besondere Spur hinterlassen. Mit den Freunden und Kollegen hatten wir seit den 70-erJahren Kunstausstellungen durchgeführt. Als Krönung baten wir meinen Freund Prof. Jan Koblasa, ein 6 Meter hohes Kruzifix zu schaffen. In der Osternacht des Jahres 1983 wurde es der Gemeinde übergeben. Nach 26 Jahren führt dieses bedeutende Kunstwerk des international renommierten Künstlers immer noch ein Schattendasein. Durch Freunde ist es gelungen, einen hervorragenden Layouter, Tom Leifer, zu finden, der das Buch

„CRUZIFIXUS“

anspruchsvoll – und unentgeltlich! – gestaltet hat. Die Firma Dürmeyer Medien Services hat das Buch in hoher Qualität gedruckt. Freunde und Sponsoren haben großzügig zu den Kosten beigetragen. Wir verkaufen das Buch nicht. In der Gemeinde wird es gegen eine Schutzgebühr von Euro 10,-- an Interessierte weitergegeben.“

 

Dort können auch Sie es anfordern:

Paul-Gerhardt-Gemeinde Kiel
Ivensring 9
24149 Kiel

Tel.: +49 431/20 36 74
Fax: +49 431/2 63 95

info@paul-gerhardt-kiel.de

 



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