Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Fugen und Klüfte
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Fugen und Klüfte
Holger Walter - Künstler des Monats September 2008

Holger Walter

vorgeschlagen von Dietrich Korsch

Tektonik, lehrt das Lexikon, ist die Kunde vom Aufbau der Erde. Sie zeigt, wie das Gestein zerbrochen ist, Verschiebungen ausgesetzt war, Fugen und Klüfte gebildet hat, von Spalten durchzogen ist – und wie in all dem genau das, was jetzt zu sehen ist, entstanden ist. Holger Walters relativ kleine Skulptur von 2004 läßt sich lesen wie ein Lehrbuch der Tektonik. Am Anfang steht die Analyse des Materials: Fränkischer Jura-Kalk. Kalkstein ist überwiegend biogenen Ursprungs. In dem schroffen Stein steckt vergangenes Leben. Als solches ist es Zug und Druck ausgesetzt gewesen, hat Spannungen aushalten müssen, unter denen es zuletzt aufgesprengt ist. Das ist der zweite Schritt in Holger Walters Analyse: Die im Kunstwerk nachvollzogene Geschichte des Gewordenseins, mit den offenen Spalten, die den Stein durchziehen. Aber, ganz eigentümlich, die Risse zerreißen den Stein nicht vollends. Sie sind tief; so tief, daß man ihnen nicht auf den Grund schauen kann. Aber sie halten, fast schwebend, den Stein beieinander. Die Spalten signalisieren Spannung, Spannung, die alles andere als totes Gestein ist. Darin geht, im dritten Schritt, die künstlerische Arbeit über die Analyse hinaus: Was hier spannend entsteht, was die Leere des Spaltes und die Härte des Steins zusammenhält, ist der Eindruck der Linien, die hier fast rechtwinklig, aber durchaus nicht symmetrisch, zueinander stehen. Sie bilden, so kommt es mir vor, eine eigene, neue Gestalt, formen sich zu einem eigenen Gesicht. Ein Gesicht aus Stein, ein Gesicht im Stein, der Stein als Gesicht. So wird aus dem Stein, der sein eigenes Entstehen biogenen Prozessen verdankte, der An- und Vorschein neuen Lebens.

Holger Walter, Jahrgang 1968, war Meisterschüler bei Hiromi Akayama in Karlsruhe und unterrichtete selbst in Mannheim und Karlruhe. Mit Japan und der japanischen Kunst pflegt er innige Beziehungen, auch vor Ort. Die Ruhe und Konzentration seiner Skulpturen, die intensive analytische und gestalterische Kraft zehren von diesen Inspirationen. Zu seinen Meisterwerken zähle ich den Altar der Stiftskirche in Stuttgart.

Tektonik, lehrt das Lexikon weiter, hieß in der russischen Avantgarde die Verbindung von Architektur und Malerei. Wie nicht wenige seiner Bildhauerkollegen, man denke an Franz Bernhard, hat Holger Walter auch ein sehr beachtliches graphisches Werk geschaffen. Mich beeindrucken seine Zeichnungen, die er mit chinesischer Tusche erstellt hat und von denen hier eine zu sehen ist, Es ist nicht zuletzt die Wirkung dieser Tusche, daß sie transparent und opak zugleich wirkt. Und darum scheinen durch die große schwarze Fläche die helleren, ocker-grauen kleineren Felder fast hindurch. Das große Schwere erdrückt das kleine Leichte nicht. Es läßt ihm Raum, selbst überlagert. Dynamik steckt im Bild, obwohl nur fast rechteckige Flächen zu sehen sind. Wenn man von der Skulptur her denkt, dann legt sich ein Verständnis der Flächen als Steine nahe, sie treten ja auch mit durchaus dreidimensionaler Anmutung auf.

Daß nichts deckungsgleich wird, daß die Spannung kein Ende findet, daß es die Betrachter in diese Spannung involviert – für diesen Eindruck, aus Stein gemeißelt wie aufs Papier gezeichnet, sind wir Holger Walter dankbar.



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