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Michael Morgner:
Kreuz · Holz, Asphalt, Seidenpapier, Collage · um 1995
Das Kreuz besteht aus zwei Hälften. In ihm ist eine Form eingeschlossen. Sie gleicht einem menschlichen Embryo. Diese ist aufgebrochen und wird zum Dreh- und Angelpunkt, wird praktisch zum Scharnier der vier gleichschenkligen Kreuzesarme. Die haptisch-sinnliche Oberfläche hat viele Schichten und deutet gleich einer sensiblen Haut auf Zeichen, die Spuren gelebten Lebens zeigen, auf Verwundungen und verheilte Narben, auf helle lichte Stellen und tiefe Verkrustungen. Diesen Einschluss, das für Michael Morgner so typische schwarze Chiffre nennt er RELIQUIE MENSCH. Es verdeutlicht die Kostbarkeit menschlichen Lebens, vielleicht auch den Überrest persönlicher Existenz. Sie ist gleichsam umhüllt von den kraftvollen Kreuzesarmen, liegt eingebettet in dessen Schutz, aber wirkt auch antreibend wie ein Zahnrad und bringt so das Kreuz in Bewegung.
RELIQUIE MENSCH, was bedeutet das? Seit Jahren beschäftigt den Künstler dieses Thema. Der Mensch als Reliquie, als Überrest des Heiligen, etwas, das man verehrt und in einem kostbaren Schrein bewahrt. Für Morgner ist das ein Sinnbild des gefährdeten Menschen, seine Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit und auch die reale Vision des Verschwindens, als Individuum wie als Gattung, nicht an ein politisches System gebunden. Hier steht das Kreuz auf dem ältesten Altartisch des Meißner Domes in einem kleinen Kapellenraum. Es existiert noch zweimal in Bronze.
Michael Morgner ist 1942 in Chemnitz geboren.
evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart