Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Petra Missomelius/Künstlerin des Monats August
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Petra Missomelius/Künstlerin des Monats August

 

Emotionale Resonanz an der „Elektronischen Klagemauer“

Die unfreundliche Dame an der Kasse des Supermarktes; der Freund, der sich seit Monaten schon nicht mehr gemeldet hat; das verpatzte Bewerbungsgespräch oder der Stapel unbezahlter Rechnungen auf dem Küchentisch – es gibt Tausende von kleinen oder großen Sorgen, die uns auf der Seele lasten. Wir brauchen Rat oder eine Schulter, an der wir egoistisch sein und Rotz und Wasser heulen dürfen. Das Gebet ist für Millionen von Menschen seit Jahrhunderten ein innerer Ort der Besinnung und Auseinandersetzung mit dem Leben und seinen Lasten. Hinter geschützten Kirchenmauern hat jenes intime Zwiegespräch seinen Platz. Dieser Tage jedoch bleiben die Kirchenbänke leer und der Mensch mit seinen Sorgen allein. Die logische Konsequenz dieses Mangels besteht für Petra Missomelius, Medienkünstlerin und Dozentin an der Philipps-Universität Marburg, in der Errichtung einer zeitgemäßen, einer interaktiven und „Elektronischen Klagemauer“. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Digitale Welten“ im Marburger Kulturzentrum Trauma hat man eben jener „Lust am Jammern“, wie die Künstlerin sie nennt, freien Lauf lassen können.

 Erleichterung verschafft ein Schlag auf den Buzzer, der das Mikrofon einschaltet, in welches man leise flüstern oder wütend brüllen kann. Anders als ihr berühmtes Vorbild bietet diese Klagemauer jedoch nicht nur das Ventil, sondern auch den Raum für Resonanz. Von zufällig ausgewählten Klangeffekten unterlegt, hallen im abgedunkelten Theaterraum die Sorgen derjenigen wider, die vor einem da gewesen sind. Wir nehmen uns Zeit für deren Ängste. Wir erleben den Raum und die Menschen. Manches, das wir ins Mikro lamentieren wollten, verliert in der Relation plötzlich an Gewicht. Das Päckchen wird etwas leichter, so leicht, dass wir es wieder tragen können. Anderes lassen wir am besten gleich zurück an diesem wohltuenden Ort gegenseitiger (An-)Teilnahme.

 Der Besuch der „Elektronischen Klagemauer“ ist ein spannendes Kommunikationsexperiment, an dessen Ende man im besten Fall sich selbst und dem Leben einen Schritt näher gekommen ist.

 

Kurzvita Petra Missomelius

Studium der Grafik und Malerei, diverse Arbeiten in experimenteller analoger Fotografie (1977-90), Filmessays  (1991-97), Medien-Installationen und -Performances (ab 1999), die sich mit dem Mensch-Sein heute und der Suche nach Transzendenz beschäftigen, wobei die sinnliche Erfahrbarkeit immer im Mittelpunkt steht. Promovierte Medienwissenschaftlerin, zurzeit tätig am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.

 

Text: Carolina Wolf



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