Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Tadashi Kawamata/ Künstler des Monats Juni
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Fotos: Berthold Stadler
Tadashi Kawamata/ Künstler des Monats Juni

 

Man sieht sie nicht auf den ersten Blick, die „Tree Huts“ des Japanischen Installationskünstlers Tadashi Kawamata. Meist hängen sie irgendwo hoch über den Köpfen, dort, wo das öffentliche Leben andere Bahnen nimmt und der Blick nach oben aus der Mode gekommen ist. Deshalb muss die Sehnsucht aus dem Augenwinkel kommen: Erwachsenenbaumhäuser für Kindsköpfe, Klettergerüste für Aussteiger, Unterschlüpfe für Dahergelaufene – kleine Welten für sich, doch ohne Leiter: hermetisch, abgehoben, zerbrechlich. Es sind einladende und doch unzugängliche Aussichtspunkte, von denen aus die Welt „dort unten“ ganz anders aussehen muss – „Heterotopoi“, „andere Orte“, hat der Philosoph Michel Foucault derartige Orte einmal genannt.

Die Idee, Baumhäuser zu zimmern, kam Kawamata beim Anblick improvisierter Kartonunterkünfte von New Yorker Obdachlosen: Fragile Behausungen aus dem Strandgut der Großstadt, findige Überlebenshilfen, zusammengezimmert mit Materialien, die zur Hand waren. Zur Hand waren dem einstigen Maler die hölzernen Keilrahmen seiner Bilder, die sich – einmal von der Leinwand befreit – in alles Mögliche verwerkeln ließen: in Gerüste, Ummantelungen oder Behausungen, seit 1999 dann in Baumhäuser – immer aber in fragile Raumstrukturen, die Kawamata in den großen Städten der Welt mit lokalen Materialien und ansässigen Helfern realisiert – derzeit im Ruhrgebiet und in Paris, im letzten Winter im und um das „Haus der Kulturen der Welt“ in Berlin.

Dabei baut Kawamata nicht nur Baumhäuser: Schon 1987 umbaute er anlässlich der documenta 8 die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kasseler Garnisonskirche mit einem komplexen Holzgeflecht und 1997 zimmerte er in der Pariser Chapelle Saint-Louis de la Salpêtrière aus dem vorhandenen Kirchengestühl eine „Kathedrale der Stühle“, einen Kirchenraum im Kirchenraum, der – wie Kawamatas Baumhäuser auch – in seiner Zerbrechlichkeit bergend und in seiner Geborgenheit zerbrechlich wirkt. Welches Bauwerk könnte in Zeiten „metaphysischer Obdachlosigkeit“ einladender sein?

link zu einem Kurzfilm über die Tree Huts:

blip.tv/play/gjCBoPw5Ag%2Em4v

 

 

 

Tadashi Kawamata 

Der Künstler wurde 1953 in Hokkaido, Japan, geboren und lebt heute in Paris und Tokyo. Weltweit initiiert er Installationen, die sich immer auf ihre jeweilige Umgebung, auf die Geschichte und Funktion eines Ortes oder Gebäudes einlassen und darauf reagieren.

Autor: Hannes Langbein

Geboren 1978 in Jena. Studium der Theologie in Heidelberg, Zürich, Princeton und Berlin. Seit 2007 wissenschaftlicher Referent im Büro der Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin. Promotion seit 2009 am Institut für Bildwissenschaften in Rostock.

 



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