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In der Berliner St. Matthäus-Kirche lohnt es sich derzeit zweimal hinzusehen. Auf den ersten Blick: Ein weiß leuchtendes Triptychon über dem Altar, etwas versetzt davor zwei weltrunde Kerzenleuchter, rechts neben dem Altarraum ein Bilderrahmen auf einer Tragestange. Im Kirchenraum zur Linken eine einzelne Aureole, zur Rechten ein schwarzes Rechteck in weißem Bilderrahmen. Auf den zweiten Blick: Ein Triptychon ohne Figuren, ein Kerzenleuchter ohne Kreuz, Bilderrahmen ohne Bild und ein Heiligenschein ohne Heiligen. Was bleibt ist das Licht: Neonlicht über dem Altar, Kerzenlicht auf dem Weltenleuchter, das Schlohweiß des Bilderrahmens und ein gezimmerter Glorienschein.
Sie sind der Abglanz dessen, was bleibt, wenn die sakralen Symbole, Figuren und Inhalte verschwunden sind und die Formen des Sakralen ihren Platz halten: Die Dreiteilung des Altarbildes, die Rundform des Kerzenständers, die Rahmen, der Strahlenkranz – sie alle fungieren als Leerstellen des Heiligen, die das Heilige als Abwesendes evozieren. „Instrumente“ nennt sie der 1976 in Villingen im Schwarzwald geborene Holzbildhauer und Künstler Thomas A. Straub und lässt damit sowohl das Messinstrument als auch das Musikinstrument anklingen: Denn während die gezielten Profanisierungen des Künstlers durch die Reduktion von religiösen Inhalten als Gradmesser für Sinn und Geschmack des Unendlichen dienen können, bleiben sie zugleich als Hohlformen des Heiligen Resonanzräume zeitgenössischer Einbildungskraft.
Ihren Raum füllt das Licht, das – traditionell als visueller Ausdruck der Gottesnähe verstanden – den entstandenen Leerstellen als gestaltloses Medium eine unerwartete Fülle verleiht. Diese breitet sich – wie das Licht auch – im Raum aus. Und plötzlich wirken die leeren, aber beleuchteten, Seitenwände der Kirche, die sonst Bilder zeigen, wie Teile einer Ausstellung, die nicht nur Lichtkunstwerke, sondern das Licht selbst in seinen unterschiedlichen Gestalten zum Gegenstand hat. Freilich – das zeigen die deutlich sichtbaren Kabel am neonkühlen Triptychon – nicht im Sinne einer Wiederverzauberung der entstandenen Leerstellen, sondern als Frage nach den Quellen eines womöglich gerade an diesem Ort zu suchenden „inneren Lichtes“.
Text und Fotos: Hannes Langbein
Künstler:
Thomas A. Straub, geboren 1976 in Villingen (Schwarzwald), besuchte die Fachhochschule für Holzbildhauerei in Oberammergau und studierte an der Kunstakademie Karlsruhe, an der er 2007 als Meisterschüler von Prof. H. Klingelhöller abschloss. Er konzentriert sich in seinen Arbeiten auf Elemente der Skulptur, Installation und Konzeptkunst sowie auf grafische Entwürfe. Für seine Arbeiten, die sich oft im Schwellenraum von sakral und profan bewegen, erhielt er 2010 den Kunstpreis der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg.
Autor:
Hannes Langbein, geboren 1978 in Jena, studierte Theologie in Heidelberg, Zürich, Princeton und Berlin. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Referent im Büro der Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin und promoviert seit 2009 am Institut für Bildwissenschaften in Rostock
evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart