Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Anja Luithle - Künstlerin des Monats Juni
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Anja Luithle - Künstlerin des Monats Juni

Anja Luithles Arbeiten werden unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Rollenzuschreibung an Frauen und der Frage diskutiert, ob das, was Menschen ausmacht, auch mechanisch simuliert werden kann, also unter dem Aspekt der Androiden. Der erste Aspekt scheint zentral in der achtteiligen kinetischen Installation ‚domestic affairs’ auf. Die Besen drehen, rütteln und schütteln sich und lassen an Hausfrauen aufgetragenes Staubwischen, Reinemachen und Kehren denken. Dass Putzen lustbesetzt sein und auch Spaß machen kann, weiß jeder, der wieder einmal Ordnung geschafft und die Wohnung auf Vordermann gebracht hat. Die andere Seite ist auch bekannt. Weil Hausarbeit wenig Anerkennung bringt, handeln heutige Paare im Detail untereinander aus, wer was übernehmen wird. Die dreiteilige kinetische Installation ‚Broadway’ simuliert dagegen den großen gesellschaftlichen Auftritt und die Lust am Leben. Das von Anja Luithle liebevoll ‚Max’ genannte Objekt bringt den Aspekt der Androiden in den Blick. Es wächst, ohne dass es der Betrachter richtig merkt und schrumpft dann wieder. Man fragt sich, wem ‚Max’ entgegenwächst. Das Wachsen und Schrumpfen kann an Maschinenmenschen ebenso denken lassen wie an Vorstellungen vom neuen Menschen im Christentum, in der säkularen Religionsgeschichte und in der Diskussion um mögliche Eingriffe in den genetischen Code.

Die genannten Aspekte gehören zweifellos zum Werk von Anja Luithle und sind aus ihm abzuleiten. Ihre erstmals in der Breite gezeigten Linolschnitte auf Originalstoffen legen gleichwohl nahe, das Gesamtwerk von der breiteren Frage nach der menschlichen Existenz her zu verstehen. Wer bin ich, wozu bin ich da und was passiert, wenn ich weg bin? Anja Luithles Arbeit ‚Komme gleich wieder’ besteht aus zwei weißen Bikiniteilen und dem handschriftlichen ‚Komme gleich wieder’. Wie in allen Arbeiten fehlt auch hier der menschliche Körper. Was macht den Menschen aus, Körper, Leib, Seele oder Geist? Oder alles zusammen? Im Triptychon ‚sum sum sum’ kombiniert Anja Luithle Augustinus’ ‚Si enim fallor sum’ mit René Descartes’ ‚Dubito ergo sum’. Sie schließt: Wenn ich mich irre, wenn ich scheitere, bin ich. Wenn ich zweifle, bin ich. Also bin ich, wenn ich zweifle und scheitere. Man könnte ergänzen, dass ist, wer auftritt, tanzt, wächst und wiederkommt. Die Arbeiten setzen die Chancen und Abgründe der menschlichen Existenz und des Lebens ins Bild, seine lustvollen Momente, Zeiten des Scheiterns und Zweifelns und auch den Tod. Deshalb empfiehlt es sich, sich vor Anja Luithles Arbeiten für die Aspekte zu öffnen, auf die sie anspielen. Sie zeigen einem dann Seiten, die man bisher verdrängt oder übersehen hat.

Text: Helmut A. Müller; Fotos: K. Pfotenhauer

 Eine Ausstellung mit Arbeiten von Anja Luithle ist noch bis 12. Juni 2011 im Hospitalhof Stuttgart (www.hospitalhof.de) zu sehen.

 

 

Vita

1968 geb. in Offenbach/Main

1988-95 Studium an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste Stuttgart

seit 1993 mannigfache Preise und Stipendien

www.anjaluithle.de

 

 



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