Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Gerhard Richter - Künstler des Monats Juli
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Gerhard Richter - Künstler des Monats Juli

Seestücke und Wolkenbilder

Gerhard Richter Seestück, 1969
Caspar David Friedrich Kreuz an der Ostsee, 1815
Gerhard Richter Seestück(Gegenlicht), 1969
Gerhard Richter Seestück, 1969

Gerhard Richter nennt seine Werke „fiktive Modelle, weil sie eine Wirklichkeit veranschaulichen, die wir weder sehen noch beschreiben können“; oder auch: ein „Gleichnis, das für das Unsichtbare steht, aber es nicht ist“ (Gerhard Richter, Texte, Frankfurt, 1993, S. 92; 7). Dass diese Kunstwerke das Darstellungsproblem der Religion aufgreifen – sie beziehen sich im Sichtbaren auf ein Unsichtbares -, bestätigt Gerhard Richter, der in großer Klarheit über seine künstlerischen Antriebe und Motive Auskunft gibt: „[…] weil die Kirche als Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen und Religion zu verwirklichen, nicht mehr ausreicht, ist die Kunst, als veränderndes Mittel, einzige Vollzieherin der Religion, das heißt Religion selbst“ (Gerhard Richter, Texte, Frankfurt 1993, S. 32).

Nimmt man Richters Aussage ernst, dann macht er in der Deutung seiner Deutung etwas explizit, was er in den Werken selbst diskret behandelt. In seinen See- und Wolkenbildern findet sich kein explizites religiöses Symbol wie in manchen Werken Caspar David Friedrichs, etwa seiner Seelandschaft mit Kreuz im Vordergrund. Bei Richters Seestücken, die Johannes Stückelberger (Wolkenbilder. Deutungen des Himmels in der Moderne, Münchewn 2010, 301ff.) in den Zusammenhang einer immanenten Unendlichkeit in der Kunst der Moderne einreiht, handelt es sich folglich um eine besondere Gattung religiöse Kunstwerke, nämlich solche, die erst in der Deutung durch den Künstler, der die ästhetische Transzendenz an eine transmundane Ursache zurückbindet, ausdrücklich zu einem explizit religiösen Werk werden.

Jemand, der die Auslegung Richters nicht kennt, kann es als ein atmosphärisch dichtes Wolkenbild lesen. Das Werk nimmt zu der Option, es religiös zu deuten, die auch der Künstler für plausibel hält, keine explizite Stellung. Insofern ist es kein religiöses Kunstwerk, aber es ist ein Kunstwerk mit religiösem Charme: es umspielt eine religiöse Aura, die den Charakter einer Anmutung, vielleicht sogar einer Verführung hat, es mit einer religiösen Deutung dieses Werkes zu versuchen.

 

Thomas Erne

 

 




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