Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Lars von Trier - Künstler des Monats April
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Lars von Trier - Künstler des Monats April

Lars von Trier ist vermutlich einer der eigenwilligsten Regisseure der Welt.

In seinen Filmen fühlt man sich immer ein wenig wie ein Besucher in einer Metzgerei. Fachmännisch wird da vor den Augen des Zuschauers eine Geschichte mit scharfer Klinge von all dem Hollywoodspeck getrennt, den man sonst im Kino erwartet.

Der Däne hat sich für sein filmisches Schaffen eine besondere Art der Askese auferlegt. Im Jahre 1995 verfasste er zusammen mit Thomas Vinterberg das Dokument Vow of Chastity. Mit diesem Keuschheitsgelübde schwor er sein filmisches Schaffen durch inszenatorische sowie technische Reduktion auf das Wesentliche zu konzentrieren: Kein künstliches Licht, keine Hintergrundmusik, Dreh nur an Originalorten, Handkamera usw.

Durch diese eigentümliche Form schafft er es die inhaltliche Konsequenz seiner Geschichten auch optisch mitzugehen. 

So puritanisch die Gemeinde ist, in welcher Bess in dem Film Breaking the Waves lebt, so puritanisch ist auch der Blick auf ihr Leben. Ganz nah dran ist von Trier an seiner Hauptfigur. Und er führt nicht weniger als ein Passionspiel mit ihr auf.

Und als ganz am Ende dann doch die Tristesse eines elend langen Martyriums durch ein überirdisch schönes Bild aufgelöst wird, kann der Zuschauer es kaum noch annehmen.

Auch der langsam erblindenden Selma in Dancer in the Dark wird eine Passion zuteil. Jedoch dieses Mal in Form eines Musicals. Die Geräusche einer Fabrikhalle oder der Rhythmus einer Eisenbahn geben den Takt für Tanz- und Gesangseinlagen vor. Und als am Ende Selma ihre Existenz für das Augenlicht ihres Sohnes verliert, hört ihr Gesang nicht mit ihrem Leben auf.

Waren Breaking the Waves und Dancer in the Dark schon weit entfernt von der Ästhetik des Hollywoodfilms, so ist der Film Dogville in dieser Hinsicht noch radikaler. Denn hier fehlt beinahe die komplette Ausstattung. Eine Bühne mit Kreidestrichen und dem Nötigsten an Interieur wird zu einem kleinen amerikanischen Dorf zur Zeit der großen Depression. Von Trier hat alles, was die Dorfbewohner voneinander trennen könnte, einfach abgeschafft. Mit dieser Brecht'schen Verfremdung ermöglicht er so den unverstellten Blick auf die gesamte Gemeinde.

Grace, die auf der Flucht vor ihrem Vater einem Gangsterboss, in Dogville hängenbleibt, bringt den Alltag der dort lebenden Menschen komplett aus dem Gleichgewicht. Das zunächst warmherzige und ebenso warm beleuchtete Dörfchen wandelt sich für Grace immer mehr zu einem totalitären Staat, der sie und ihren Körper in einer menschenunwürdigen Weise ausbeutet. Lars von Trier gönnt sich in der Darstellung von Grace eine wunderschöne Bildkomposition, als er sie auf der Laderampe eines Lastwagens voller Äpfel in einen solchen beißen lässt während die Abdeckplane halbdurchlässig darüber wabert. Wie ein Apfel, der Inbegriff der Versuchung, kommt Grace auch den Dorfbewohnern vor, die in einer Weise mit ihr verfahren, dass selbst dem Zuschauer die Gnade  arrogant vorkommt, ebenso wie Graces Vater. Und am Ende sind alle Kreidestriche bis auf den Hund Moses ausgelöscht, der jetzt zum Leben erwacht und bellt.

Der Wald in von Triers letztem Film Antichrist ist schön und häßlich zugleich. In einer Tour de Force lässt er Sie und Ihn dort aufeinandertreffen. Und ganz nebenbei scheinen ihm Einstellungen von solch erhabener Schönheit zu gelingen, dass sie den fundamentalen Konflikt von Mann und Frau fast vollständig zu überstrahlen drohen. Dennoch ist jener Wald auch das Innenleben seiner beiden Figuren. Und die Wildnis, die sich dort in Dunkelheit und Nebel vor dem Zuschauer ausbreitet, ist gelingendes Abbild des Gefühls der Depression. Der Regisseur, der selbst mit schweren Depressionen kämpft, malt in Antichrist sich selbst.

Lars von Trier ist ein radikaler Künstler und es ist nur konsequent, dass er in seinem nächsten Film Melancholia die Welt endgültig untergehen lassen will.

Stefan Geil



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