Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Eric Sturm
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Objekt, Stadtsedimente, 80 x 40 x 20 cm
Eric Sturm

Erik Sturm

"NECKARTORSCHWARZ"

Die Wahl des Materials bestimmt den Ausdruck und den Inhalt von Kunstwerken sehr wesentlich. In der Materialwahl geht Erik Sturm verblüffende Wege. Doch seine Verwendung von exzentrischen Grundstoffen ist auch deshalb so überzeugend, weil das Konzept dahinter stimmig ist.  Man kann und muss eine Beziehung herstellen zwischen dem Material und dem geistigen Prozess,  der zu dem verwendeten Stoff geführt hat. Nur so übt das Werk seine suggestive Wirkung aus, die zwischen ironischer Distanz und unmittelbarer Betroffenheit schwankt.

Erik Sturm greift mit seiner Materialwahl in NECKARTORSCHWARZ das Thema der Lebens- und Naturzerstörung auf, das wohl jedem Zeitgenossen unter die Haut geht. Der Künstler sammelte dafür an einem beispielhaften Ort der menschenverschuldeten Umweltzerstörung unter Einsatz seiner Gesundheit rußigen giftigen Feinstaub von Autoabgasen ein. Mit Mundschutz und Handschuhen ausgerüstet, kratzte er die schwärzlichen klebrigen Ablagerungen von Fensterbänken ab, sammelte  das schwarze Gift in Schraubgläsern, um dann zuhause daraus unter Zufügung von Kleister und Wasser ein künstlerisches Malmittel herzustellen und einen neuen Schwarzton zu kreieren: das Neckartorschwarz. Der Name ergibt sich aus dem Herkunftsort des besonderen Materials: Das Neckartor in Stuttgart hat mit  über 100.000 Autos täglich extrem hohe Feinstaub-Messwerte. „An dieser Kreuzung habe ich 32 geschützte Fensterbänke gefunden, an denen sich der Staub über Jahre absetzen konnte. Von diesen Fensterbänken habe 4 Kilo Staub geborgen. Den gefundenen Staub habe ich wie ein Pigment behandelt, zu Farbe verarbeitet, in Tuben gefüllt und 12 (monochrome) Bilder damit gemalt“. Todesernst und Ironie paaren sich hier: Es entstanden aus einer bedrohlichen Substanz „neckartorschwarze“, ästhetisch reizvolle Bildwerke. Die nachhaltig verstörende Wirkung entfalten die Bilder allerdings nur, wenn man um ihre Herstellungszusammenhänge weiß.

Kunst verfügt oft über eine seismografische Wahrnehmung allgemeiner gesellschaftlicher Bewegungen und Empfindungen. Und sie formuliert ihre Anliegen und Erkenntnisse auf assoziative und indirekte Weise. So gelingt es, vielschichtige Assoziationen zu wecken und Emotionen auszulösen und unvermerkt  intellektuelle Ausflüchte vor unangenehmen Wahrheiten zu unterlaufen.

Seine Themen und sein Material entdeckt Sturm auf Streifzügen durch Stadtlandschaften. Phänomene, die ihm etwas über unsere Zeit und unser Leben zu erzählen vermögen, greift er heraus und sucht sie durch verstärkende Eingriffe in seinem Sinn aussagekräftig zu machen.

Es geht darum, aus aufgespürten Randphänomenen durch Änderung von Konstitution oder Konstellationen über das Objekt Hinausweisendes, nämlich Befindlichkeiten und Zustände vor Augen zu stellen. Um zu solchen Transformationen des Belanglosen oder Banalen zu gelangen, scheut Erik Sturm keinen Aufwand.

Im Jahr 2012 suchte er in Stuttgarts Stadtlandschaft nach besonders „dicken“ Litfaßsäulen, d.h. solchen, die nie gesäubert wurden und deren Beklebung sich so über Jahre in unzähligen Schichten angelagert hatte. Er wurde fündig in Stuttgart-Feuerbach. Die gefundene Litfaßsäule war eingesponnen in einen Kokon aus über drei Jahrzehnten Bekanntmachungen, Veranstaltungshinweise, Werbeplakate. Sturm ließ die komplette Säule abbauen und in die Akademie der Künste transportieren. Dort löste er mit Fachleuten aus der Papierrestaurierung Teile der festverbackenen Seiten voneinander. Im Rahmen einer vielteiligen Installation stellte er die  Plakat-Präparate zu einer besonderen Gegenwartsarchäologie zusammen. (Claudia Breinl)

Abbildungen: Abb. 3: “Neckartorschwarz“ 2014–2015, 3 Bilder,  4 Kilo Feinstaub, Leim, Wasser, je 45 x 60 cm, Foto: © EMH - Jens Schmitt; Alle anderen Fotos: Galerie Reinhold Maas, Reutlingen. galeriereinholdmaas.de

Erik Sturm, * 1982;  Diplom Visuelle Kommunikation an der Merz Akademie; Studium  an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Christian Jankowski; erhielt im Rahmen des 2. Kunstpreises der Ev. Landeskirche in Württemberg den Förderpreis 2016.

eriksturm.eu

Die Ausstellung »Zeit Stadt Wert« mit Arbeiten von Erik Sturm ist bis 29.Juli 2016 im Hospitalhof Stuttgart zu sehen.



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