Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Künstlerkirche Aulhausen
  //  Recherche  //  Künstler des Monats  //  2016
suche   //   intern   //   drucken
x
Abb.8: Andreas Skorupa, Unbegreiflichekti Gottes, Schöpfung Foto: Sven Fritz
Abb.9: Andreas Skorupa, Detail
Abb.10: Andreas Skorupa, Auferstehung, Foto: N. Miguletz
Abb.11: Julius Bockelt, Harmonie..., Foto: Sven Fritz
Abb.12: Birgit Ziegert, Ursprung, Foto: Sven Fritz
Abb.13: Markus Schmitz, Göttliche Vergebung, Foto: N. Miguletz
Abb.14: Markus Schmitz, Unterscheidung der Geister, Foto: Sven Fritz
Künstlerkirche Aulhausen

Art Brut oder Outsider Art sind Fachbegriffe für autodidaktische Kunstwerke, die abseits des etablierten Kunstsystems entstehen, meist von psychisch Gestörten, von mehrfach Behinderten, Gefangenen, Außenseitern oder einfach gesellschaftlich Unangepassten. Die verbalen Bezeichnungen sind vielfältig: „Bildnerei von Geisteskranken" (Hans Prinzhorn, Heidelberg), "Zustandsgebundene Kunst" (Leo Navratil, Gugging), "Naive Kunst", im anglo-amerikanischen Sprachraum Begriffe wie "Outsider Art" (Roger Cardinal), "Visionary art", "Self-taught art" oder "Raw Art". Im Kunstbereich hat sich die von Jean Dubuffet eingeführte Bezeichnung Art Brut durchgesetzt und wesentlich zur Anerkennung marginalisierter Kunstformen beigetragen.

Kunst und Psychiatrie konnte erstmals im 20. Jahrhundert zusammen gedacht werden. Bis dahin galten die Gestaltungen der Patienten nur als diagnostische Hilfsmittel. Aus kunstwissenschaftlicher Sicht wurde ihnen keine Beachtung geschenkt.  „Bildnerei der Geisteskranken“ nannte der Kunsthistoriker und Psychiater Hans Prinzhorn (1886-1933)sein berühmtes Buch, das 1922 die kreativen Arbeiten psychiatrischer Patienten würdigte und bis heute  widmet man sich an der Heidelberger Universität dem Erbe der Prinzhorn Sammlung mit ihrem historischen Bestand an Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden, Skulpturen, Textilien und Texten, die Insassen psychiatrischer Anstalten zwischen 1840 und 1945 geschaffen haben. Das Museum Sammlung Prinzhorn zeigt regelmäßig Ausstellungen und ist wissenschaftliche Einrichtung, die das Schicksal der hier vertretenen Künstler und Künstlerinnen und deren Werke  erforscht.

Der künstlerischen Anerkennung  der Außenseiterkunst in der Kunstszene vorausliegend hat es also die Förderung  von künstlerischem Arbeiten zu therapeutischen Zwecken schon gegeben. Bekannte Namen sind z.B. das Künstlerhaus Gugging oder  La Tinaia - Centro di Attività Espressive in Florenz. Mittlerweile gibt es international zahlreiche betreute Ateliergemeinschaften, Kunstwerkstätten oder auch der Kunsttherapie nahestehende Angebote für die Kunst der alternativ begabten Menschen. Es fanden zahlreiche bedeutende Ausstellungen statt, die diese Künstler im Rang neben andere Künstler der Moderne stellten. Es gibt Galerien, die sich auf Art Brut spezialisiert haben, seit 2000 den Euward, den Europäischen Kunstpreis Malerei und Graphik von Künstlern mit Behinderung. Mittlerweile gibt es für Outsiderkunst ein eigenes Segment des Kunsthandels mit internationalen Messen (der Kunstköln und der New Yorker Outsider Art Fair) sowie spezielle Magazine wie die englische Zeitschrift Raw Vision.

Zu den betreuten Ateliergemeinschaften gehört seit 2001 das „Atelier Goldstein“ von der Lebenshilfe e.V.  in Frankfurt. Es ist ein Zusammenschluss von Künstlern mit Handicaps wie Down-Syndrom oder Autismus, die die Bühnenbildnerin Christian Cuticchio zusammengebracht hat, um Ihnen Entfaltungsraum und praktische Unterstützung für ihre künstlerische Arbeit zu ermöglichen. " Wir wollen mit dem Projekt keine Behinderten integrieren, sondern künstlerische Positionen zeigen, die eine Herausforderung für den Betrachter sind. Wir sind keine Gutmenschen, wir sind subversiv", so ein Statement der Leiterin des Atelier Goldstein Christiane Cuticchio.

Ein bislang einmaliges Projekt konnte nun von dem Goldsteiner Künstlerkollektiv für eine Kirche verwirklicht werden. Das St. Vincenzstift im Rheingau beauftragte 2009 die Künstlerinnen und Künstler mit der Innenraumgestaltung der Marienkirche Aulhausen. Die ehemalige Zisterzienserinnenkirche aus dem 13. Jahrhundert stand lange leer. Nach einer architektonischen Überarbeitung  blieb ein schlichter Raum mit kalkverputzten Wänden, mit einer einfachen Holzdecke und kleinen hochgelegenen Rundbogenfenstern.

Unter der Leitung von Bischof em. Franz Kamphaus wurde ein theologisches Bildprogramm entwickelt. Auf dieser Grundlage entwarfen die Goldsteinkünstler zusammen mit den künstlerischen  Mitarbeitern des Atelier Goldstein das Gestaltungskonzept. Es erforderte ein diffiziles Vorgehen,  die Intentionen und Stile der KünstlerInnen mit den Gestaltungsbereichen im Raum und dem theologischen Programm abzustimmen.  Die Kooperation mit den Handwerkern bei der adäquaten Umsetzung in die entsprechenden Dimensionen mit den diversen Materialien und die Realisierung an Ort und Stelle waren zu organisieren. Dies alles ist mittlerweile in die Tat umgesetzt und basiert auf den Entwürfen von Andreas Skorupa, Julius Bockelt, Markus Schmitz, Birgit Ziegert, Stefan Häfner, Julia Krause-Harder und Franz von Saalfeld.

Ein Teil der Faszination der Kunst von Behinderten, der Art Brut oder Outsider Art ist ja seit Beginn der künstlerischen Anerkennung dieser Werke ihre stilistische Unabhängigkeit und Spontaneität, ihre Ursprünglichkeit und Wahrheit. Darum ist es umso erfreulicher, dass sich auch nach den vielfachen Übertragungs- und Umsetzungsstadien, die für eine „Kunst am Bau“ nötig sind,  die Intensität und Eindrücklichkeit der Kunstwerke erhalten hat. Die Bildfindungen haben so viel Kraft und Ausdruckswillen, dass auch die mehrfache Vermittlung in andere Medien und Materialien diese Wirkung nicht schmälern konnte.

Die pastellfarbenen Töne, die für die Glasfenster in der Kapelle gewählt wurden, lassen viel helles Licht hinein und verraten mit ihrer ungewöhnlichen Farbpalette sogleich, dass es sich hier nicht um historische Scheiben handeln kann.  Die Bildsprachen der beteiligten KünstlerInnen haben starke Eigenständigkeit. Deutlich erkennbar von Andreas Skorupa sind die gelängten, kopflastigen Figuren mit ihren winzigen Gesichtszügen, die einen individuellen mimischen Ausdruck zeigen. Die ornamental zersplitterten Gestaltungen von Markus Schmitz, die bei seinen freien Arbeiten zu komplizierten Scherenschnitten werden, befassen sich hier mit den expressiven Gewandfalten eines Reliefs der Mutter Gottes. Die weichen großzügigen Formen von Birgit Ziegert haben eine optimale Verwirklichung in Form einer Bodenzeichnung gefunden, die als Engelsflügel beschrieben wird. Als Raumabtrennung fungiert die kalligrafisch konsequent durchgestaltete, strenge und konzentrierte Textilarbeit von Julia Krause-Harder. Ein weicher gedrungener Corpus,  groß, schwer, ungeschlacht - sich ausliefernd: die stehende Christusfigur von Julius Bockelt. Von Stefan Häfner stammen die Entwürfe für die Prinzipalstücke. In den 60er Jahren hatte der Bildhauer Erwin Heerich Faltobjekte aus Pappkarton entwickelt, die er als eigenständige Skulpturen verstand. Formal sind die plastischen Arbeiten für Altar und Ambo diesen Vorgängern verwandt.

Im Zusammenspiel aller Elemente des Kapellenraums befinden sich das Dekorative und das Expressive in einem ausgewogenen Verhältnis. Alle Werke strahlen eine innere Selbstverständlichkeit aus, mit der sie die theologischen Inhalte und Symbole im Bild beglaubigen.

So unterschiedlich die Künstlerpersönlichkeiten und deren seelische Befindlichkeit, so unterschiedlich sind auch die Stilmittel der KünstlerInnen. Trotzdem fügt sich jedes Element in die Gesamtstimmung des Raumes zwischen Heiterkeit und Schmerz, zwischen Leichtigkeit und Ernst. Die Kunstwerke entfalten in dem kleinen Kirchenraum  eine  Intensität, die es leicht macht, das Alltägliche zu  verlassen und sich auf eine „andere Ebene“ zu begeben.

(Text: Claudia Breinl, Fotos: Sven Fritz, Norbert Miguletz)

www.marienkirche-aulhausen.de

www.atelier-goldstein.de

Noch bis zum 22. Mai zeigt das Diözesanmuseum  Haus am Dom in Frankfurt  den Entstehungsprozess hinter der künstlerischen Neugestaltung der Marienkirche.

 

Die KünstlerInnen:

Stefan Häfner, 1959 geboren in Frankfurt am Main / Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main

Julius Bockelt, 1983 geboren in Frankfurt am Main / Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main

Julia Krause-Harder, 1973 geboren in Kronberg im Taunus / Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main

Markus Schmitz, 1980 geboren in Köln / Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main

Andreas Skorupa, 1967 geboren in Frankfurt am Main / Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main    

Birgit Ziegert, 1966 geboren in Frankfurt am Main / Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main

Franz von Saalfeld,1961 geboren in Ingelheim am Rhein / Lebt und arbeitet in Ingelheim am Rhein

 

 



  //  Barbara Bux  //  Georg Hüter  //  Evgeny Antufiev  //  Lutherdenkmal Berlin  //  Eric Sturm  //  Künstlerkirche Aulhausen  //  herman de vries  //  Claire Morgan
   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart