Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Günter Grohs
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Günter Grohs

Mit der aktuell abgeschlossenen Sanierung des Doms St. Petri Bautzen  wurde erreicht, aus einer sich aus der Nutzung durch zwei Konfessionen erklärlichen heterogenen Mischung von Mobiliar, Kunst und Architektur einen ganzheitlichen Eindruck von freundlicher Würde zu schaffen. Einen nicht geringen Anteil an dem nun  in sich geschlossenen Raumkonzept haben die neuen Chorfenster von Günter Grohs.

Der St. Petri-Dom in Bautzen ist die älteste von den sechzig Simultankirchen Deutschlands. In St. Petri wird seit dem 16. Jahrhundert der Chor für den katholischen, das Langhaus für den evangelischen Gottesdienst genutzt.  Eine Simultankirche ist nicht ökumenisch orientiert, aber durch die räumliche Nähe ergeben sich viele Kontakte.

Die sechs Chorumgangsfenster und zwei Emporenfenster im katholischen Raumteil sollten nicht klar verglast bleiben. Das ungebrochen einfallende Licht war scharf und überstrahlte den Hochaltar. Zudem war der Ausblick nach draussen nicht mehr erwünscht.

Glaskünstler müssen den Spagat zwischen Architektur und Denkmalpflege, freier Kunst und inhaltlichen Vorgaben schaffen. In Kirchen wird ihnen gern ein Symbolprogramm oder eine Bibelstelle zur Darstellung vorgeschlagen, die Architektur und Denkmalpflege stellt ebenfalls Ansprüche. Es allen Recht zu machen und dabei die künstlerische Handschrift und Überzeugung weiterzuentwickeln, und wie man an diesen Anforderungen künstlerisch wachsen kann, ist bei Günter Grohs zu beobachten.

Er arbeitet seit über 30 Jahren vorwiegend mit Glas. Er studierte Ende der 70er Jahre in Halle an der Burg Giebichenstein und lernte das Handwerk in den Glaswerkstätten Quedlinburg (www.schneemelcher.de). Seit 1986 führte er in seinem Heimatort Wernigerode noch seine eigene Glaswerkstatt. Es steht ihm alles an Ausdrucksmöglichkeiten und Techniken des Materials zu Gebote. Er kann den Prozess zwischen Entwurf, Karton und Umsetzung fachgerecht begleiten, weiß genau, wie eine Farbe, eine Glassorte, ein Bearbeitungsprozess sich im Licht auswirkt. 

Viele bedeutende Kirchenräume hat er  schon mit Glasfenstern ausgestattet (z.B. die Wipertikirche Quedlinburg, den Dom in Halberstadt, die Stiftskirche Gernrode, die Dominikanerkirche Bamberg). Auf erzählende Darstellungen hat  Grohs dabei immer verzichtet, - nichts desto trotz hat er mancherorts einfühlsam historische Figurenfenster in ungegenständlicher Bildsprache ergänzt.

Im Laufe seiner langen Schaffenszeit hat sich sein Stil gewandelt. Noch bis in die 90er Jahre ist er bestimmt von hellen Farbwerten, dem Wechsel von opaken Flächen und Durchsichtigkeit und geometrischer Linienführung. Die Fenster nehmen sich zurück, sind Einlass für Licht und neutral in der Aussage. Sie dienen der Architektur und stehen in der Tradition der „GermanSchool“ der Glasmalerei, die immer die Architektur, in der sie wirken sollte in den Vordergrund stellte.

Doch dann entwickelt Grohs langsam und ganz organisch einen malerisch-poetischen Zugang, der seinen Fenstern mehr Lebendigkeit  und Ausdrucksstärke verleiht. Dafür arbeitet er mit Überzügen und Einreibungen von Schwarzlot, bearbeitet industrielle Gläser experimentell durch thermische Verformungen, um dem steril wirkenden Material Plastizität und Expressivität zu verleihen. Figürlichkeit bleibt weiterhin ausgespart, aber aus dem geometrischen Formenkanon lässt er nun  reiche ornamentale Muster entstehen. Sie schweben mit filigraner Leichtigkeit im Licht oder verdunkeln sich fast bedrohlich. Aus Farben und Formen webt er Atmosphären, die von klassisch hell und heiter, wie in der Petri-Pauli-Kirche Eisleben bis zu geheimnisvoll glühend in der Stiftskirche Gernrode reichen.

Grohs geht bei seinen Entwurfskonzepten immer von einem formalen Leitthema aus, das er sich aus dem jeweiligen Bauwerk erschließt. Die unaufdringliche Präsenz und dezent atmende Lebendigkeit verdanken seine Werke dann der Kombination von starren und flexiblen, konkreten und diffusen Elementen, klaren und gebrochenen Farben, glatten und unebenen Flächen, die in architekturorientierten Proportionen auf den Fenstern verteilt sind.

In Bautzen ist sein Hauptthema das gotische Rippengewölbe und seine Schlusssteine sowie die Goldfassung diverser Ausstattungsgegenstände. In den Fenstern sind diese Elemente zu Stern- oder Kreuzfragmenten uminterpretiert und leuchten wie gerade erst hingeflogen vor einem zartblau bis ocker gehaltenen grafischen Hintergrund auf.

Bemerkenswert ist noch, dass die hervorragenden handwerklichen Glaskenntnisse von Günter Grohs ihn auf innovative Ideen in der künstlerischen Ausdruckspalette bringen. So beließ er die Rechteckscheibenverglasung aus den 1950er Jahren, um sie als äußere Schutzverglasung zu nutzen. Die neuen Glastafeln wurden innen vor die alte  Außenverglasung montiert. Deren Durchscheinen auf die neuen Fenster kalkulierte Grohs im Entwurf als Echo auf die plastisch ausgebildeten inneren Querverstrebungen ein und verstärkte dadurch das Gefühl einer Tiefendimension.

Industrieglas, im Gegensatz zu mundgeblasenem Glas mit seinen Lufteinschlüssen, steht in der Gefahr, monoton zu wirken. Dagegen muss man einiges unternehmen. So sind hier die Gläser dadurch strukturiert worden, dass sie im Brennofen auf manuell hergestellte Gipsreliefs aufgelegt wurden. Danach wurden sie in mehreren Schritten mit Schwarzlot und transparenten Schmelzfarben bemalt.

Die neuen Verglasungen wurden in Zusammenarbeit mit der Glasmalerei Peters, Paderborn, in den Jahren 2015 – 2016 ausgeführt und bildeten den Abschluss der umfangreichen Innensanierung der Domkirche.

Text: Claudia Breinl / Fotos: mit freundlicher Genehmigung von Günter Grohs und dem Fotografen Frank Bilda

(Lit.: Hg. Holger Brülls, GegenLicht– Günter Grohs, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2013; Heinz Henke, Wohngemeinschaften unter deutschen Kirchendächern, Engelsdorfer Verlag 2008)

www.guenter-grohs.de

Glasmalerei Peters, Paderborn, 2015 – 2016

Architektonische Betreuung der Domsanierung: Schaufel Architekten, Dresden



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