Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Klaus Simon
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Klaus Simon

Christus im Baum

Der Bildhauer Klaus Simon weiß, dass er nur im Dialog mit dem Material arbeiten kann. Sein Material ist Holz, sind genauer gesagt Bäume, die gefällt werden mussten. Durch den Künstler erhalten sie eine besondere Würdigung und ein Weiterleben als Individuen. Äste und natürliche Verformungen, sowie Risse und Bruchstellen bestimmen die Gestaltung und werden durch die Eingriffe des Künstlers zur Aussage. Sie verlieren ihre Zufälligkeit und werden zu etwas Vielsagendem.

Klaus Simon: „Der Baum in seiner Versehrtheit, als gewachsenes Holz ist für mich der Ausgangspunkt. Die geeigneten Bäume sind meistens gigantisch groß und überaltert. Sie sind nur stehen geblieben, weil sie Naturdenkmale waren, die für die Holzwirtschaft völlig uninteressant sind. Ich bekomme einen solchen abgestorbenen Baum, und wenn es geht, fotografiere ich ihn noch stehend und dann wird er langsam in einem Prozess zu einer Skulptur transformiert. Wenn man eine Figur in einem solchen Stück Holz gründen will, muss man sich schon genau überlegen, wie man sie in diesem Baum-Torso einrichten kann. Aber wenn es gelingt, erhält man eine doppelte Aussage: Im Zentrum bleibt der Baum, der eine Biographie hat, und dieses gelebte Leben schlägt sich in der Gestalt nieder. Gerade die Risse und Verformungen sprechen von der Lebenszeit.“

Eine solche Verwandlung konnte die Gemeinde der Evangelischen Johanneskirche in Hanau im letzten Jahr  mitverfolgen. Zu ihrem Leidwesen musste eine große kaukasische Flügelnuss gefällt werden. Sie stand seit der Erbauung (1960) vor der  Gebäudegruppe von Kirchenbaumeister Heinrich Otto Vogel. Die eindrücklichen Bauten aus Gottesdienstraum, Kirchturm und  verbindendem Wandelgang in Bruchsteinoptik erfuhren vor kurzem eine architektonische Neugestaltung, da man Gemeinderäume  brauchte. Der schon vorhandene Wandelgang wurde zu einem Gebäudetrakt zwischen Kirchturm und Gottesdienstgebäude vergrößert. Um im Winter die Kirche nicht immer heizen zu müssen, sollten in Zukunft manche Gottesdienste in den neuen Gemeinderäumen abgehalten werden. Diesen fehlte aber noch ein Etwas, das markieren konnte, wenn der Kaffeesaal zu einem Gottesdienstraum wechseln sollte.

Eine kluge Überlegung war, die Problematik um die gefällte kaukasische Flügelnuss mit dem Bedarf  eines liturgischen Objekts zu verbinden, zumal die Menschen der Verlust des Baumes wirklich schmerzte und sie schon deshalb einen inneren Bezug zu einem daraus gebildeten Gegenstand haben würden.

Die in Kunstprojekten in der Kirche engagierte Pfarrerin Margit Zahn lud Klaus Simon ein. Er schien der Richtige für ein kommunikatives und sensibles Verfahren, wie es bei der Vermittlung von Gegenwartskunst in einer Kirchengemeinde notwendig ist und sie kannte seine Arbeit mit alten Bäumen. 1988 schuf Klaus Simon seinen ersten Altar "Ulmensterben" für die Kunststation St. Peter in Köln. Seitdem hat er nicht nur für viele Kirchenräume Objekte aus alten Bäumen gemacht, sondern auch, wie in Hanau, für den öffentlichen Stadtraum gearbeitet.

Ein beratendes Gremium mit externen Fachleuten für Kunst und Architektur und Vertretern der Kirchengemeinde begleitete den Prozess in der Johanneskirche Hanau, die Kommunikation  mit dem Künstler und die Vermittlung in die Gemeinde.

Im Bearbeitungsprozess (Klaus Simon hatte die Arbeiten an dem Baum vor Ort und für die Öffentlichkeit zugänglich durchgeführt) stellte sich heraus, dass der Baum im Inneren schon sehr zerstört war. Es konnten also nur noch relativ kleine Objekte herausgearbeitet werden, ein zusätzlich geplanter Wandfries mußte entfallen.

Klaus Simon hat eine Kombination aus Ambo und Wandkreuz geschaffen, in der beide Teile  direkt aufeinander bezogen sind. „Kreuzspannung“ nimmt nicht viel Raum ein, ist aber von seiner Ausstrahlung unübersehbar. Es verkörpert mit geringen Gesten vieles von dem, was in der Geschichte der Kruzifixe mit  viel formalem Aufwand zum Ausdruck gebracht wurde. Im Blick auf diese Bildgeschichte wird das Ensemble sofort verständlich. Die Astansätze als Ärmchen und die gewundene wundenähnliche Maserung ermöglichen die Assoziation zu einem Corpus. Verbindet man vor dem inneren Auge dieses Kreuz mit dem Ambo, so entsteht virtuell eine schön geschwungene Linie,  die Spannung und Vibration erzeugt. So maßstäblich zierlich die Setzung im Raum ist – es mindert nicht ihre Suggestion und Anziehungskraft. So schafft es das Werk präsent zu sein ohne Dominanz und in  dem nüchternen Raum einen sinnlichen und inhaltsreichen Akzent zu setzen. Welch eine Glück für die Gemeinde, dass der Künstler Klaus Simon die Fähigkeit hatte,  aus Reduktion so viel Aussagekraft zu gewinnen. 

Klaus Simon (geb. 1949) lebt in Krefeld.

Johanneskirche Hanau, Frankfurter Landstraße 17, 63452 Hanau

Fotos: Klaus Simon / Text: Claudia Breinl 

©VG Bild Kunst 2017



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