Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Ben Willikens - Künstler des Monats März
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Ben Willikens - Künstler des Monats März

Kreuzweg

Seit rund vierzig Jahren sind Innenräume mit wechselnder Charakteristik das Thema der Gemälde, Skizzen, Gouachen und Siebdrucke von Ben Willikens. Den Beginn seiner Laufbahn als Maler sieht er in den 70er Jahren, als er seine Anstalts-Bilder, damals aus dem Erlebnis eines Klinikaufenthalts malte. Hinfälligkeit und Verlorenheit des Menschen in einer gleichgültigen Umwelt wurden hier schmerzhaft realistisch wiedergegeben.

Auch in seinem berühmten Abendmahl nach Leonardo aus den späten 70er Jahren erinnert der menschenleere  Raum an eine Zwangsanstalt,  wenngleich die Lichtregie hier schon einen transzendenten Ausweg weist. Er ist der Maler der schweigsamen Innenräume, die auf  vielfältigen Abschattierungen von Grau aufgebaut sind. Auch für Kirchen hat Willikens seine Raumvisionen gestaltet, sei es als Fresko, als Altarbild oder wie hier, in Form eines Kreuzwegs.

Wenn auch einige der jüngeren Werke von Ben Willikens mittlerweile Farbakzente zeigen, bei dem hier vorgestellten Kreuzweg in 13 Stationen ist er konsequent bei seinen Grisaille-Tönen. Sein Medium ist diesmal nicht die Malerei, sondern die Fotografie.

Die  13 Szenen kommen mit wenigen Elementen aus, die variiert werden. Ihre Konstellation, ihre  Beleuchtung, die Perspektive werden verändert, aber es bleiben als Darsteller ein Stuhl, ein Tisch, eine Leiter, ein Tuch…und alter schmutziger Schnee. Menschliche Figuren kommen nicht vor… trotzdem geht beklemmende aber auch anrührende Intimität von diesem Kreuzweg aus. Um Empathie zu erzeugen braucht es hier kein Personal.

In den zentralen Leidensszenen Jesu werden wir vom Künstler mit besonders strenger Bildverweigerung konfrontiert. Was gibt es noch zu sehen? Man erkennt eine amorphe Masse, schwer genauer zu bestimmen, aber irgendwie abstoßend.  Zunächst ist gar nicht klar, dass es sich um Schnee handelt. Statt  reinen weißen Schnee, der in der Poesie oft als Leichentuch der Erde apostrophiert wird, statt einer friedlichen märchenhaften Schneedecke, sehen wir eigentlich eine bittere Perversion von Schnee.

 Fünf dieser Schneebilder kommen vor: als Kreuzaufnahme, als erster Sturz, als zweiter Sturz, als Kreuzigung und als Tod. Die Stürze werden in Form einer kippenden Bildebene gezeigt, die Todesszene ist ein Foto- Negativ,  hier ist eine schwarze lavaartige Verkrustung aus dem Schnee geworden.

Alle anderen Stationen spielen sich in einem Innenraum aus Beton ab, der schmal und hoch zu sein scheint und an eine Gefängniszelle erinnert. In der gerasterten Wand läßt Willikens in zwei Stationen wie zufällig eine Kreuzform auftreten. Protagonisten der Handlung sind Tisch und Stühle, die einander zugewandt sind oder einzeln stehen, in Frontalsicht oder Aufsicht aufgenommen sind, und durch den Lichteinfall ihren Charakter erhalten.

Durch  Negativumkehrung verwandelt sich die erste Szene der Urteilsverkündung am Ende des Kreuzwegs in ein Auferstehungsbild. So ergibt sich formal eine Klammer. Auch beim „Treffen mit der Mutter“ und dem „Schweisstuch der Veronika“ arbeitet Willikens mit dieser Umkehrung. Sie bewirkt ein geheimnisvolles Aufstrahlen in der Nüchternheit und  Kälte dieses Kreuzwegs. In der zu- und abnehmenden Helligkeit, die vielfache Schattierungen von Grau entstehen läßt, entwickelt sich  innerhalb jeder einzelnen Bildstation und im Verlauf des ganzen Zyklus ein eisgefrorenes stummes Drama von Leid und Tod und Auferstehung. Man kann den Dom St. Kilian in Würzburg beglückwünschen, dass er dieses Werk aufnehmen darf.

(Claudia  Breinl)

Abbildungen: Kreuzweg, Fotografie auf Leinwand, 2010,  Fotos: Michael Steinle, www.modular.de 

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

www.benwillikens.de

 

Werke von Ben Willikens in Kirchen:

 Exerzitienhaus Himmelspforten, Würzburg

Altarwandbild St. Theresia", Münster

"Totenraum", Raumkonzeption und Wandgemälde, Herz-Zentrum, Bad Krozingen

"Weseler Altar" im Willibrordi Dom zu Wesel

"Altarwandbild St.Hedwig", Stuttgart-Möhringen



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