Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Benita Joswig - Künstlerin des Monats Oktober
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Benita Joswig - Künstlerin des Monats Oktober

Lichtwerk

Das Dunkle, Trübe, Verschlossene, noch Ruhende wird mit der Schaffung des Lichtes - so wie es in der Genesis beschrieben wird - zum Leben erweckt.
Der Kommentar Gottes ist dann, dass es gut ist!
Er taucht die Welt zunächst in verschiedene Graustufen, langsam wird es lichter, die Konturen zeichnen sich ab, die Farben tauchen wie aus dem Nichts auf: Good Morning, Bonas Dias, Bonjourno, Bonjour... auf der ganzen Welt zu den unterschiedlichsten Zeiten begrüßen Menschen das Licht, den Tag, den Morgen. Das Dunkle, die Nacht, bleibt als Ahnung zurück.
Wir stehen auf einer Lichtung, guter Hoffnung, dem Tag die Hand zu geben.
Getragen und bewegt wird die Welt vom Geist Gottes - so wird es auch in der Genesis formuliert: Da war die Finsternis und über dem Angesicht der Urflut schwebte der Geist Gottes, die Ruach, wie sie auf Hebräisch genannt wird. Die Ruach, die sich als "bewegte Kraft, die bewegt" übersetzen lässt. Sie schafft Weite, Raum, setzt in Bewegung, führt aus der Enge heraus. Dieses Wort wird auch in seinem ursprünglichen Zusammenhang mit Geburt, die neues Leben hervorbringt, in Verbindung gebracht und die Ruach kann schließlich mit Wind, Geisthauch, Atem, Lebenskraft, Vitalität übersetzt werden. Unsere Rede vom Heiligen Geist hat hier ihren Ursprung.
Das Schöpfungsbild mit den fischartigen Wesen, die sich aus den Urfluten mit ihren Körpern und Zünglein und Händen vortasten steht deswegen am Anfang des Bilderzyklus. In Beziehung dazu steht die Ruach, personifiziert als Frauenfigur, die wie in einem Kokon ruhend und doch bewegt dem Schöpfungsrausch gegenüber tritt - uns, die wir durch die kleine Kirchentür eintreten. Neben ihr der Pfingstbaum, der an den brennenden Dornbusch erinnert, aus welchem Gott sich dem Menschen offenbart und Gott sich selbst aus dem Busch als "Ich bin der ich bin" vorstellt.
Der rote Geistträger gegenüber vom Schöpfungsbild flutet in den Kirchenraum, auf seinem Kopf ein Boot - die Bootschaft.
Über der Eingangstür zwei Feuerwesen, Wächter. Wesen des Geiste,s abwartend und doch Entflammte. Aus ihren Köpfen wachsen Flammenzungen. Auf alten Bildern werden die vom Pfingstgeist Ergriffenen mit eben solchen Geistzünglein auf den Köpfen dargestellt. Interessant, sie wachsen genau da heraus, wo der menschliche Körper als Letztes zusammen wächst und was bei den Neugeborenen die empfindlichste und weichste Stelle des Körpers bleibt - die Fontanelle.
Der Engel - das Bild vorne an der Kanzel – schein, als sei er gerade eingetroffen. Unter ihm die Welt, eine kleine Pfütze im All, noch nicht gelandet und doch da. Getragen nur von einer Andeutung von Flügeln, ein Wirbel aus großen Pinselstrichen, ganz im Off und doch hier, als Bild, gemalt für diese Kirche.

Benita Joswig

 

Fensterbilder auf Plexiglas für die Kirche in Heiligkreuz/Weinheim

Die Glasmalereien in der Heilig Kreuz Kirche bei Weinheim stammen von Benita Joswig. Den Text schrieb sie für die Ausstellungseröffnung in der Kirche im Jahr 2009. Die sechs Werke befinden sich momentan noch in der Kirche.

Benita Joswigs eigene Worte fangen die besondere zarte Kraft und nachhaltige Ausstrahlung ein, die von ihren Malereien auf Glas ausgehen. Was zunächst an diesen Glasfenstern irritieren kann, ist die konsequent malerische Herangehensweise der Künstlerin: spontan, gestisch, riskant. Keine Bleiruten, kein musivisches Zusammenfügen bunter Glasscheiben, keine Sandstrahl- oder Ätztechnik, kein Druckverfahren. Es ist eine asketische und bescheidene Form, die aber stimmig ist zu den Inhalten, die Joswigs Arbeiten motivieren. Man kann hier von einer arte povera der Glaskunst sprechen.

Der gedankliche Hintergrund, ja, das ganze Wesen der Künstlerin fließt nicht nur in Farben und Formen, sondern auch durch dichterischen Wortfindungen in ihre Werke ein. Handschriftlich- kalligrafisch eingefügte Wörter, Sätze tauchen mehr und weniger deutlich in allen Arbeiten auf. Joswigs Themen sind vielfach reflektiert. Sie ist nicht nur Bildende Künstlerin sondern auch promovierte Theologin.  Auch in den Gedankengängen der Theologin setzt sich ihre künstlerische Schöpfungskraft durch und läßt sie eine radikal subjektive und einzigartige Ausdrucksweise zwischen freier Kunst,  theologischem Wissen und individuellen Glauben finden. Sie gerät deshalb auch in ihrer Kunst nie in die Gefahr des Dekorativen, Ornamentalen, zu Glatten und oberflächlich Brillanten, wozu die Techniken der künstlerischen Arbeit mit Glas verführen können. Ihre Gedanken und Botschaften, die von tiefer Menschlichkeit geprägt sind, werden eins mit der Erscheinungsform und verstärken sich gegenseitig. Es ist eine bescheidene Sprache, die man erst aufs zweite oder dritte Mal versteht, die ein achtsames und emphatisches Hinschauen braucht. Dann entfaltet sich hinter der gewissermaßen armen Erscheinung eine reiche und freie Gefühlswelt und eine besondere Sprache für Religion.

Aktueller Anlass für uns, die Künstlerin Benita Joswig erneut vorzustellen (siehe auch „Künstlerin des Monats Juli 2008) ist die von ihr für den Eingang der Bibliothek für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart gestaltete Tür. Hier enthüllt die auf den ersten Blick verwirrend und unstrukturiert erscheinende Malerei, die alles Gefällige verweigert über die eingefügten handschriftlichen Zeichen ein Gebet aus tiefer Not, das in seiner Wahrhaftigkeit ergreift.

Claudia Breinl

 

 

 



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