Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Dorothea Seror - Künstlerin des Monats Juni
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Dorothea Seror - Künstlerin des Monats Juni

Buddha`s waiting

Vom 20.-22. April 2012 fand in München der Kultur-Kirchen-Kongress unter dem Titel „Gastspiel Kunst und Kirche“ statt. Die Besucherinnen und Besucher konnten bei dieser Veranstaltung einer besonderen Performance beiwohnen. Während die verschiedenen Workshops zu Themenfeldern rund um das Verhältnis von Kunst und Kirche tagten, begann die Künstlerin Dorothea Seror, sich in einem Netz, welches im hinteren Teil der St. Markus Kirche gespannt war, in einen Kokon einzuspinnen. Den ganzen Tag über versenkte die Künstlerin sich voller Konzentration in diese Tätigkeit, saß nahezu regungslos in ihrem Netz und sponn Faden für Faden, so dass das Geflecht um sie herum immer dichter wurde. Immer wieder näherten sich Kongressteilnehmer der Performance, um Dorothea Seror bei ihrem Sich-Versenken in ihre Tätigkeit zuzusehen und zu beobachten, wie sich ihr Werk Stück für Stück vervollständigte. Es war nicht bloß das Staunen über ihre Beharrlichkeit, Stunde um Stunde in einer doch recht unbequem anmutenden Pose in dem Netz zu sitzen, die die Blicke immer wieder auf sich zog, sondern vor allem ihre unermüdliche Konzentration auf ein und dieselbe Tätigkeit. So wie die Künstlerin ihre ganze Konzentration auf das Spinnen ihres Kokons fokussierte, hatte man beim Betrachten ebenfalls das Gefühl, sich zu sammeln.

Als die Künstlerin sich am Abend gänzlich verpuppt hatte, kam es dann zum Höhepunkt der Performance. In ihrem engen Kokon zerschnitt sie mehrere Beutel mit schwarzer Farbe, die sie über sich goss und die in großen Tropfen aus dem Kokon auf den Kirchenboden floss. Sie begann mit einem großen Messer ihren Kokon zu zerschneiden. Zunächst sah man nur einen pechschwarzen Arm aus den gesponnenen Fäden hervorragen, dann einen Kopf, ein Bein. Tastend suchte sie nach Halt in den gespannten Seilen, bis sie sich ganz und gar mit Farbe beschmiert auf den Kirchenboden herunterließ.

Das Bewegende an dieser Befreiung aus dem Kokon war vor allem, dass man als Betrachterin ein Gefühl dafür bekam, dass diese Inszenierung sich nicht en detail proben ließ. Das Suchen nach Halt in den gespannten Seilen und das vorsichtige Heraustasten aus dem Kokon war echt und so wurde das, was durch das Übergießen der Farbe auf die zuvor weiße Kleidung, die blonden Haare und die Haut inszeniert wurde, auch im Vollzug der Performance sinnlich erfahrbar. Bei der Befreiung aus dem Kokon geschah tatsächlich etwas Neues, noch nie Dagewesenes.

Der Titel der Performance entstammt einer Liedzeile des Songs „Beeing Boiled“ der Gruppe Human League, der sich mit der Gewinnung von Seide beschäftigt.

Auch dieser Titel zeigt die besondere Fokussierung auf die kontemplative Tätigkeit des Kokon-Spinnens, auf diese zunehmende Einkehr, die zu der Erneuerung führt.

Dorothea Seror sagt selbst über ihre Performance: „Die Verpuppung, die zum Zwecke die Verwandlung der Raupe zum Schmetterling hat, ist Sinnbild für die Wandlungsfähigkeit eines Lebewesens, der Psyche, Sinnbild für die Auferstehung.“ Die Performance fand in einer Kirche statt, einem Ort, in den Menschen kommen, um die Zerstreuung des Alltags für einen Moment zu unterbrechen und sich zu sammeln, bei sich zu sein. Die Religion hat aufs Engste mit dem Wunsch nach Verwandlung zu tun. Menschen wollen in der Besinnung auf sich selbst im Horizont des Evangeliums eine Daseinsweitung erfahren, ein Gespür dafür bekommen, dass sie mehr sind als die Summe all dessen, was andere Menschen von ihnen denken. Bist du in Christus, so bist du eine neue Kreatur!

Für mich hat das Miterleben der Performance von Dorothea Seror gerade auf diesen Satz ein neues Licht geworfen. Den neuen Menschen anzuziehen ist offenbar gar nicht so leicht. Die Verwandlung, die wir durch das Evangelium erleben können ist ähnlich tastend und vorsichtig, wie Dorothea Serors Befreiung aus ihrem Kokon, immer wieder mit Unsicherheiten behaftet. Die große allumfassende Veränderung bleibt aus. Aber es sind eben diese kleinen Veränderungen, wie ein veränderter Blick auf uns selbst oder unsere Beziehungen, die uns zeigen, dass wir das Potential neu zu werden, bereits in uns tragen und dass es sich deshalb lohnt, auch auf die ganz große Veränderung zu hoffen: in Christus eine neue Kreatur zu werden.

Text: Katharina Scholl /  Fotos Anna Fiore/ @ Dorothea Seror VG Bild-Kunst Bonn

 

 



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