Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Micha Ullmann - Künstler des Monats Dezember
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Abb. 2
Micha Ullmann - Künstler des Monats Dezember

Sieben Stufen

Micha Ullmann ist geboren in Tel Aviv 1939 nachdem die Eltern von Thüringen gerade noch auswandern konnten. Er studierte an der Jerusalemer Bezalel-Kunsthochschule, wo er von 1970-78, dann in Haifa 1979-89 lehrte. Nach einer Gastprofessur in Düsseldorf und einem DAAD-Stipendium in Berlin wirkte er als Professor für Bildhauerei an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste von 1991-2005. Seit 1996 ist er Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Er erhielt das Ehrendoktorat der Hebräischen Universität in Jerusalem und zahlreiche Preise und Ehrungen. Er lebt in Israel in Ramat Hasharon.

Die Staatsbibliothek Berlin würdigte 2012 mit dem  Max-Herrmann-Award seine Bodenplastik von 1995 (leere) „Bibliothek“, einsehbar von oben her, unter dem Bebel-Platz, mit der er der Bücherverbrennung durch Nazi-Studenten im Mai 1933 zu gedenken anhält.

Dieses Werk zeigt Charakteristika seiner stillen Land-Art, die mit der Leere des Raums die Evokation des Vergessenen und Vernichteten bewirkt und andererseits den Betrachter, der sich selber einbezogen sieht, zur Re-Aktion, zur Entdeckung der Position und zur Arbeit an der möglichen, einzuholenden Fülle anregt. Einer großen Anzahl von immer unspektakulären und zugleich aussage-intensiven Arbeiten im öffentlichen Raum weltweit schloss sich soeben die Installation „Stufen“ in der Berliner evangelischen Kunstkirche St. Matthäus an: diese Stufen sind durch eine Glasplatte einsehbar, führen in Siebenzahl in die Tiefe, welche die Schöpfungstage ebenso wie die sieben Stufen zum Mikwe-Bad anklingen lassen.

Die im Menschenformat von 2 x 2 Metern in dem bislang krypta-losen Fußboden angelegte „Grube“ ist zur Hälfte mit rotem israelischen Wüstensand gefüllt, der die Stufen – vorne das Weiß der Kirchenwand wiederholend – trägt. Die Glasplatte erlaubt die Spiegelung, durch die Seitenfenster hindurch, des Himmels, der brennenden Sakristeikerze – und des Betrachters. Dies in einer Kirche, die sich der Pflege der Liturgie verschrieben hat, zugleich sich erinnernd des hier ordinierten Theologen Dietrich Bonhoeffer, welcher mahnte: gregorianisch singen darf nur, wer für die Juden schreit. Ein jüdischer Künstler aus einst aus Deutschland vertriebener Familie erinnert hier in einer Kirche stumm an das, was uns allen ansteht.

 „Die Zahl 7 hat eine große Bedeutung in der Religion: Sie ist ein Hinweis auf den Zeitlauf der Natur. Sieben Tage hat die Woche, ein Viertel des Mondmonats. Den Mond wird man manchmal auch in der Tiefe der Grube sehen. Die Treppenstufen sind eine Einladung nach unten oder nach oben zu gehen mit Hilfe der Phantasie. Man geht runter die eigene Länge und Höhe gleichzeitig, mit sieben Schritten.“ (Micha Ullman, 2008)

(Manfred Richter)

Anlässlich des Projektes  ist eine Publikation erschienen, die  neben den neuesten Sand-Zeichnungen Ullmanns auch  Fotomaterial sowie eine DVD zum Entstehungsprozess der Bodenskulptur enthält. Die Publikation ist über das Büro der Stiftung St. Matthäus zu erhalten. www.stiftung-stmatthaeus.de

Micha Ullman. Mit Texten von Markus Dröge, Matthias Flügge, Wolfgang Huber, Christoph Markschies, Christhard-Georg Neubert, Alexander Ochs, André Schmitz, Micha Ullman, herausgegeben von Anne-Catherine Jüdes, Matthias Flügge, Christhard-Georg Neubert.

 

 

Abb. 1: Alte Bibliothek Berlin, Denkmal für die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 aus den  Jahren 1994/95

Abb. 2: Stufen, St. Matthäus-Kirche am Kulturforum Berlin, 2012, Foto: Andreas Rost

Abb. 3: Micha Ullman, Stufen, 2012, Erster Tag, Zeichnung, 71 x 100 cm, Roter Sand auf Papier - Courtesy ALEXANDER OCHS GALLERIES BERLIN | BEIJING

 



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