Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Stefan Strumbel - Künstler des Monats August
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Stefan Strumbel - Künstler des Monats August
Holy Heimat

Jede Rehabilitierung des Begriffs der Heimat muss sich an einer Wirkungsgeschichte bewähren, die Heimat aus gutem Grund mit dumpfer Sitte verbindet, mit einem Terror der Tradition, einer ideologischen Verklärung des Ursprünglichen und mit einem bornierten Widerstand gegen die posttraditionale Pluralität an Lebensformen und Lebensstilen in der Moderne.  

"What the fuck is heimat?" Die Frage, die Stefan Strumbel als riesiges Grafitti auf die Wand im Museum am Markt  in Karlsruhe sprüht, ist also mehr als berechtigt. Die Antwort, die er in seiner Ausstellung gibt, nicht minder. 

Heimat, so verstehe ich die Arbeiten von Stefan Strumbel, ist ein prägendes Bildreservoir, eine Vertikale der Bilderinnerung, die bis in mythische Zonen reicht, ein richtungsgebendes visuelles Muster von dem man nicht ohne Weiteres los kommt - "Heimat ist die stärkste Droge der Welt" (Stefan Strumbel, Holy Heimat, Katalog S. 78) -, mit dem man aber auch nicht ohne Weiteres weiterkommt.

Es sei denn man ist  Künstler. Dann kann man sich den zum Klischee abgesunkenen Bildmotiven annehmen und deren uneingelöstes Potential mit Mitteln der Kunst herausarbeiten. Und so arbeitet Stefan Strumbel mit großer Lust an den Ikonen des Schwarzwald-Idylls, an Kukucksuhr und Bollenhut, aber auch am Bildvorrat des dörflichen Kirchenbarock und befreit sie im Medium seiner Grafitti-Ästhetik zu neuem Leben. Das Schwarzwald-Mädel wird maskiert und bewaffnet und fragt: "Who killed bambi?". Der Gekreuzigte steht auf seinem Kreuz wie auf dem Sprungturm im Freibad. Im Beichtstuhl findet sich eine von sanftenm Rot umstrahlte nackte "Heimathure", nur mit Bollenhut bekleidet. Und das Karlsruher Schloss betritt man durch eine riesige Strumbel-Kukucksuhr, die dem Besucher als roten Teppich die Zunge herausstreckt.

Die Verflüssigung einer erstarrten Bildtradition geht offensichtlich nicht ohne Provokation, Tabubruch und Ironie. Man kann die Bilder der Heimat nur retten, wenn man das Heimatidyll ästhetisch attackiert. Knochenkreuze, Totenköpfe, Sturmgewehr und Handgranaten sind immer wiederkehrende Momente, die Strumbel in das traditionellen Schmuckwerk der Kukucksuhren einschleußt.

Um so erstaunlicher, dass Strumbel mit diesem Verfahren der Destruktion und Restruktion von Bildmotiven der Heimat auch bei einem Milieu Erfolg hat, das im Verdacht steht Heimat ausschließlich affirmativ zu verteidigen: Einer ländlichen katholischen Kirchengemeinde. In Goldscheuer, einer kleinen Gemeinde bei Offenburg, gestaltete Strumbel 2011 den Inneraum der Kirche neu (Katalog S. 20-33). Zwar hält er sich im Vergleich zur der Kircheninstallation, die in der Ausstellung in Karslruhe zu sehen ist in Goldbach sichtlich zurück. Aber die Provokation, die christliche Ikonographie mit den Mitteln von Grafitti und Street-Art zu erneuern, bleibt auch in der Kirche in Goldbach bestehen. 

Stefan Strumbels Strategie der Destruktion und Restruktion von Heimatbildern funktioniert, weil Heimat, auch für die, die in ihr leben, nie nur Ort dumpfer Sitte ist, sondern immer auch ein Synomym für Renitenz. Das Lokale, Besondere, Singuläre der Heimat ist nämlich auch eine aus den Quellen der Romantik gespeisten Kraft des Widerstandes der Peripherie gegen das Zentrum, eine Quelle, die Stefan Strumbel gekonnt und lustvoll anzapft.  

Thomas Erne

 

Stefan Strumbel, Holy Heimat, Museum beim Markt Karlsruhe, 28.7. - 25.11. 2012, Di-Do 11-17 Uhr und Fr-So 10-18 Uhr; Stefan Strumbel, Werkschau, Schloss Neuenbürg, 5.8. - 21.10.2012. Katalog zur Ausstellung: 17,90 Euro

http://www.landesmuseum.de

http://www.schloss-neuenbuerg.de

Stefan Strumbel, Holy Opening, Kirche in Goldscheuer

 

 



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