Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: 1/2014
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1/2014
Müll

Müll

Die Hölle muss man sich wohl als eine Müllhalde vorstellen. Nicht nur, weil das bekannte Bild der Feuerhölle seinen ‚Sitz im Leben‘ in einer brennenden Müllhalde aus altisraelischer Zeit gehabt haben könnte (Kurt Marti), sondern auch, weil die Halbwertzeit des real existierenden Atommülls eine unübersehbare Dauer zeitigt, welche in theologischer Tradition als sogenannte „Immerzeit“ der Hölle bzw. dem Fegefeuer zugeschrieben wurde (Joachim von Soosten) – ganz zu schweigen von den elektronischen und synthetischen Hinterlassenschaften der westlichen Welt, die vor allem in den ärmsten Regionen der Erde ganze Landschaften in Todeszonen zu verwandeln drohen (Markus Vogt).

Die Künste haben das Problem erkannt. Und setzen im Angesicht der voraussichtlichen Unlösbarkeit des Problems u.a. auf theologische Kategorien: „Bannung durch Kult!“ sagen die einen angesichts des strahlenden Atommülls (Bazon Brock/Winfried Baumann). Andere setzen angesichts der zunehmenden Vermüllung der Weltmeere mit Plastikmüll auf die konsumprägende Hinweiskraft der Künste (Angeli Sachs). Wieder andere setzen auf die transformative Kraft der Kreativität, indem sie den Plastikmüll der Meere in neue Formen gießen (Gerd Rohling) oder mit ausgedienten Kanistern die Geschichte ihres Landes erzählen (Romuald Hazoumè) – Techniken künstlerischen ‚Recyclings‘, die in theologischer Perspektive einen bezaubernden, aber begrenzten Vorschein auf das transformative Handeln Gottes am Ende der Zeiten darstellen können (Markus Mühling).

Begonnen hat das künstlerische Interesse an Abfallmaterialien bereits Ende des 19. Jahrhunderts im Horizont der Industrialisierung, deren (bis dato unbekannte) Abfallprodukte nicht nur das Versprechen noch unbestimmten Materials in sich bargen, sondern – spätestens im Nachhall des Ersten Weltkrieges – auch ein (bisweilen melancholisches) Bewusstsein für das Verlorene und Ausgegrenzte schürten (Dietmar Rübel) – ein Interesse, das sich in der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts in einem (bisweilen messianisch geprägten) „Denken der Reste“ niederschlug: Nicht zuletzt in Walter Benjamins berühmter Figur des „Angelus Novus“, dem als „Engel der Geschichte“ die vergebliche Aufgabe beschieden ist, die Trümmer des 20. Jahrhunderts zu sammeln und wieder zusammenzufügen... (Manfred Schneider)

Bis heute hat das Motiv des Engels nicht an Strahlkraft verloren, wenn sich etwa der brasilianische Künstler Artur Bispo do Rosário dazu berufen fühlt, ausgesonderte Dinge seines Umfelds – Knöpfe, Schuhe, Konserven, Besteck etc. – zu sammeln und für das endzeitliche Weltengericht zu präparieren (Monika Leisch-Kiesl). Oder wenn die Berliner Künstlerin Jenny Michel ihre eigene künstlerische Arbeit an den Palimpsesten menschlicher Paradiesvorstellungen als – allerdings beglückende! – Sisyphusarbeit an den verstreuten Fragmenten postmoderner Ideen- und Gedankenwelten versteht.

Vor diesem Hintergrund erscheint der gedankenverlorene „Waldgang“ entlang menschlicher Hinterlassenschaften (Christian Lehnert) wie ein Streifzug auf den Spuren eines unmöglichen Paradieses.

Redaktion: Hannes Langbein



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