Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Heft 1/ 2012
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Heft 1/ 2012
Partizipation

Die Arabellion verdankt sich einer neuen medial vermittelten  Beteiligung der Bürger in Tunesien, Libyen und  Ägypten an ihrem poltischen Schicksal. Auf den ersten Blick mag das ein äußerlicher Anlass sein, um Partizipation in Kunst und Kirche zum Thema zu machen.  Aber es ist doch auffällig, dass zur gleichen Zeit wie in der Politik die Bürgerbeteiligung Raum gewinnt, prozedurale, performative und partizipative Formen in der Kunst an Bedeutung gewannen.

Das gilt nicht nur für das partizipative Theater, wo, wie Christoph Scheuerle  zeigt, die Grenze zwischen Schauspieler und Zuschauer, Kunst und Leben durchlässig wird.  Auch in den bildenden Künsten entwickeln sich partizipative Formen. Rein Wolfs zeigt, wie Joseph Beuys` Idee einer sozialen Plastik gegenwärtige Künstler inspiriert; Vera Pirker erinnert an das Konzept der radikalen Partizipation im Werk von Yoko Ono und der Performance-Künstler Christian Jankowski erläutert im Interview, wie er mit seiner Kunst unser Nachdenken über die Wirklichkeit schärft.  In der Architektur, die als Kunstform sehr weit von partizipativen Prozessen entfernt zu sein scheint, zeigt Bernhard Steger, wie der Architekt Ottokar Uhl den Begriff von Architektur revolutioniert und den Planungsprozess demokratisiert. Und Andreas Vetter analysiert am Beispiel der Architekturphotographie, was sich ändert, wenn der Benutzer als konstitutiver Bestandteil des Bildes von Architektur wahrgenommen wird. René Thun zeigt, wie die Neue Musik die Hierarchien zwischen Komponisten und Hörern abbaut und jedem Menschen die Fähigkeit zur schöpferischen Hervorbringung von Musik zutraut. 

Blickt man auf den reichhaltigen Ertrag, der sich im Blick auf Partizipation in den Künsten der Gegenwart zeigt, dann ist die assoziative Verbindung zum demokratischen Frühling in der arabischen Welt mehr als ein Zufall. Das Thema der Partizipation scheint vielmehr einen systematischen Zusammenhang herzustellen zwischen sozialen und kreativen Prozessen, der der Kunst nicht äußerlich ist. Bei John Dewey findet sich ein solcher Zusammenhang. Dewey versteht die Kunst nicht vom Werk, sondern vom Vollzug her, das Artefakt vom Arte-facere. Dewey situiert auf diese Weise die Kunst in den sozialen Prozessen des Alltags und versteht sie als ein Medium der gesellschaftlichen Selbstverständigung. Gibt es eine wesentliche Verbindung sozialer und ästhetischer Prozesse? Das ist die Frage, die kunst und kirche mit dem Thema der Partizipation verfolgt. Eine Frage, die im Diskurs um einen iconic turn nur am Rande und als sekundäres Phänomen einer originären Bilderfahrung zur Sprache kommt. Jörg Probst versucht, diese Lücke zu schließen, indem er zeigt, wie die Observation in die Partizipation hineinwirkt.

Der Typus einer Ästhetik, der Kunstanalyse als Gesellschaftsanalyse treibt, ist unweigerlich mit dem Namen Hegels verbunden. Joachim Ringleben erinnert in seiner Auslegung des Abendmahls an das Potential der Ästhetik Hegels. Religiöse Erfahrung ist ein unverzichtbares Ferment der Durcharbeitung der künstlerischen und kulturellen Manifestationen lautet seine an Hegel gewonnen These. Albert Gerhards zeigt die Ambivalenz des Begriffs der Partizipation für die religiöse Erfahrung auf. In der Liturgie der Messe ist Partizipation unverzichtbar und zugleich begrenzt, denn sie ist eine Teilhabe an Christus, die nicht konstituiert, woran sie Teil hat.

(Thomas Erne/Carin Schirmacher)

 

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