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Manon de Boer wurde 1966 in Kodaicanal (India) geboren und absolvierte ihre künstlerische Ausbildung an der Akademie van Beeldende Kunsten in Rotterdam und an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Brüssel und Amsterdam und erhielt u. a. auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival von Marseille 2004 den Prix Georges de Beauregard und wurde für den besten Experimantalfilm beim vierzehnten Curtas Vilado Condo Film Festival in Portugal (2006) ausgezeichnet.
Vom 8. Februar bis zum 27 April sind im Frankfurter Kunstverein unter dem Ausstellungstitel „Die Zeit, die bleibt“ acht Filminstallationen und Videoprojektionen von Manon de Boer zu sehen. In diesen Werken beschäftigt sich die Künstlerin auf eindrucksvolle und bewegende Weise mit der Frage in welchem Verhältnis der Mensch zu seiner ganz individuellen Vergangenheit steht und wie wir Zeit eigentlich wahrnehmen.
Der jüdische Philosoph Walter Benjamin hat in seinen Geschichtsphilosophischen Thesen versucht ein Geschichtsdenken zu destruieren, das vergangene Geschichte missversteht als hinter uns liegendes, lebloses Relikt. Der immer drängender treibende Fortschritt sei dafür verantwortlich, dass wir der zurückliegenden Geschichte jegliche Gegenwarts- und Zukunftsrelevanz absprechen. Erlösung ist, so Benjamin, in der Welt nur möglich, wenn wir den Gang der Geschichte radikal unterbrechen, indem wir uns der Vergangenheit zuwenden und uns in eine wirkliche Beziehung mit ihr begeben durch aktive Erinnerung und Vergegenwärtigung. Wenn das passiert, hält das Messianische Einzug in die Wirklichkeit.
In Anlehnung an die Geschichtsphilosophie Benjamins beschäftigte sich der Italiener Giorgio Agamben ebenfalls mit dem Phänomen des Erinnerns in einem Essay aus dem Jahr 2002, in dem er das Erinnern selbst als das immer wieder erneute Fotografieren desselben Objektes beschreibt: So wie kein Foto dem anderen genau gleicht, ist auch keine Erinnerung an das gleiche Ereignis exakte Kopie einer anderen, sondern die Erinnerung ist ein immer wieder neu zu vollziehender Akt der Vergegenwärtigung. Immer wieder muss Dasselbe erinnert werden, aber eben immer wieder anders, damit wir eine tatsächliche Beziehung zum Vergangenen aufnehmen. Ganz radikal gesagt gibt es in der Erinnerung keine Lüge, sondern nur die erneuerte Variation unserer Erinnerung. Für das menschliche Subjekt sind diese Akte des Erinnerns unverzichtbar für den Aufbau einer Beziehung zum eigenen Selbst und dem Verständnis der eigenen Beziehung zur bevorstehenden Zukunft.
Wie aber lässt sich nun eine solche „messianische Konzeption von Zeit“, die doch im Gegenüber einer chronologischen scheinbar jegliche rationale Vernunftkategorien überschreitet und sich im Grunde nicht in Gänze denken lässt sinnvoll für die Wirklichkeit zur Sprache bringen? Einer mögliche Antwort auf diese Frage bin ich bei meinem Besuch der Ausstellung von Manon de Boer begegnet: es ist die Kunst. Manon de Boer hat sich den Essay von Georgio Agamben, der den gleichen Titel trägt wie die Ausstellung trägt, als thematische Leitlinie ihrer Werke gewählt.
Drei Werke der Künstlerin haben mich bei meinem Besuch besonders beeindruckt. Zum einen war es die Arbeit Sylvia, March 1 & 2, 2001 Hollywood Hills, einen der ersten Ausstellungsteile, die der Besucher zu sehen bekommt. An die Wand projiziert ist eine attraktive Frau in den mittleren Jahren, die eine Zigarette raucht. Sie spricht nicht und was sie denkt bleibt dem Beobachter unbekannt. Sie schaut die ganze Zeit in die Kamera, deren Anwesenheit ihr offenbar bewusst ist, nur einmal wendet sie ihr während des Films den Rücken zu. Bei der Frau, die auf der Projektionsfläche erscheint handelt es sich um die Schauspielerin Sylvia Kristel, die Emanuelle in den gleichnamigen Erotikfilmen spielte. Neben der Projektionsfläche erblickt der Besucher eine Texttafel, Es handelt sich um das Skript verschiedener Unterhaltungen, die Manon de Boer mit Sylvia Kristel geführt hat. Die Texte berichten jeweils von demselben Zeitabschnitt in Kristels Leben, nämlich ihrem Umzug von Paris nach Los Angeles, aber bei jedem Mal des Erzählens erzählt sie eine andere Geschichte. Bei jedem Akt des Erinnerns kommt ein anderes Verhältnis der Schauspielerin zu ihrer Vergangenheit zur Sprache und so wird auch bei jedem Erzählen ihre Vergangenheit eine andere. De Boer versucht hier einen besonderen Aspekt der Konstruktion von Zeit zur Sprache zu bringen: die Wiederholung.
In einem nächsten Ausstellungsraum begegnet mir die Schauspielerin Sylvia Kristel erneut. Die Arbeit Sylvia Kristel – Paris (2003) ist ein 40-minütiger Film, in dem sie von ihrer Ankunft aus ihrer Heimatstadt Amsterdam in Paris erzählt. Im Verlauf des Films erzählt sie dieselbe Geschichte zwei Mal und während ihres Sprechens führt uns der Film in die Straßen von Paris. Es sind viele „geschichtsträchtige“ Straßen und Gebäude, die der Beobachter zu sehen bekommt. Orte, an denen sich viele Geschichten ereignet haben und eben auch die von Sylvia Kristel. Man bekommt als Zuschauerin das sonderbare Gefühl, dass die Orte, die der Film zeigt eigentlich gar nicht real existieren, sondern dass sie sich vielmehr durch die jeweiligen Geschichten, die sich an ihnen ereignet haben, konstituieren. Der Zuschauer wohnt dem ganz intimen und individuellen Akt des Erinnerns der Schauspielerin bei und sein Blick wendet sich so ganz von selbst auf seine eigenen Lebenserinnerungen. Manon de Boer war bei den beiden beschriebenen Arbeiten nicht wichtig, was Sylvia Kristel erinnerte, sondern wie sie die verschiedenen Schlüsselereignisse in ihrem Leben immer wieder auf eine andere Weise miteinander verband. So wird der Akt des Erinnerns zu einer sich stets wandelnden Vergegenwärtigung der Vergangenheit.
Eine weitere Arbeit, die mir besonders ins Auge gefallen ist, war der Film Attica (2008). Im September 1971 kam es in dem us-amerikanischen Gefängnis Attica zu einem Aufstand, an dem fast die Hälfte aller Insassen beteiligt waren. Um sich von unwürdigen Haftbedingungen zu befreien, nahmen die Häftlinge 30 Gefängniswärter als Geiseln. Fast alle Geiseln und Häftlinge kamen ums Leben. Der Komponist hat basierend auf den Ausspruch des Gefangenen Sam Melville 1972 ein Stück mit dem Titel „Attica“ komponiert. Diese Komposition wird in der Filmprojektion von Manon de Boer aufgeführt und während die Musiker spielen macht die Kamera eine 360°-Drehung, wobei die Musiker nach der Hälfte in einem Spiegel zu sehen sind. Es wird also eine Art endlose Wiederholung erzeugt. Im Eingangsbereich des Projektionsraumes hängt eine Texttafel mit Worten des Gefangenen Richard S. Clark: „Attica is in front of me“. So destruiert de Boer in ihrer Arbeit, ähnlich wie Benjamin, ein Verständnis der Vergangenheit als eine überwundene, tote Nichtigkeit, und stellt die Vergangenheit als das konstituierende Moment für Gegenwart und Zukunft heraus.
In diese 360°-Bewegung will uns die Künstlerin Manon de Boer in ihrer Ausstellung mitnehmen. Unsere Vergangenheit liegt vor unseren Augen und sie ist vielleicht das einzige, was wir tatsächlich und wahrhaftig sehen.
evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart