Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Geteilte Weltsichten? Christian Boltanski Vanitas und Arnulf Rainer Female in Salzburg
  //  Recherche  //  Kunstausstellungen
suche   //   intern   //   drucken
x
Geteilte Weltsichten? Christian Boltanski Vanitas und Arnulf Rainer Female in Salzburg

von Thomas Erne

Salzburg ist international bekannt als Mozartstadt, weniger als ein Zentrum der Gegenwartskunst. An exponierter Stelle, auf dem Mönchsberg, macht das neue Museum für Moderne Kunst deutlich, dass sich das ändern soll. Und in der Salzburger Altstadt setzt die Kunstaktion der Salzburg Foundation unübersehbare Akzente. Ein Ensemble namhafter Geldgeber spendiert der Stadt jedes Jahr einen namhaften Künstler. Im vergangenen Jahr war es Christian Boltanski. Vor drei Jahren durfte Stefan Balkenhol eine riesige goldene Kugel auf den Platz hinter dem Dom stellen. Eine Welt aus Gold, die nur einen Menschen trägt. Hoch und erhaben steht er auf dem Scheitelpunkt, aber allein. Der Verlust der Anderen, das ist ein hoher Preis für eine herausragende Stellung. Angesichts der Exzesse marktliberaler Ideologie gewinnt Balkenhols Solitär  auf dem Golden Globe eine eindringliche Aktualität.

Kunstprojekt Salzburg 2007
Stephan Balkenhol - Sphaera
Kapitelplatz (c) Salzburg Foundation, Foto: Manfred Siebinger und Thomas Erne

Anselm Kiefer bekam 2002 eine Kunstkapelle auf dem Weg zum Festspielhaus. Eine hohe schmale weiße Box mit einer sakralen zweiflüglichen Eingangstür aus Glas, rechts die Bücherwand aus Blei, überwuchert von Ästen, links ein Ingeborg Bachmann gewidmetes Ackerbild und an der Stirnseite stehen die fünf Vokale des Alphabets, die der Installation ihren Namen gibt: A-E-I-O-U.

Kunstprojekt Salzburg 2002
Anselm Kiefer - A.E.I.O.U. (c) Salzburg Foundation, Foto: Wolfgang Lienbacher und Thomas Erne

Aber nicht nur die Salzburg Foundation stiftet Kunst in Salzburg. Im Foyer des Festpielhauses hängen zwischen den Eingangstüren vier großformatige Kreuze, eine Dauerleihgabe des Sammlers Karlheinz Essl. "Dreams with the Wrong Solutions" nennt Robert Longo die Kreuze in schwarz, rot, blau und gold, die mit ihren ausgebreiteten Querbalken dem Publikum der Mozartfestsspiele in feinem Tuch und edlem Pelz die Türen und den Ausgang aus ihren musikalischen Träumereien in die Stadt zeigen.

Richard Longo, Dreams with the wrong Solutions 1992 Eingangsfoyer Festspielhaus © Tourismus Salzburg, Photo Karl Forster
Photo Thomas Erne

Im Hof des Residenzschlosses steht die Skulptur „we“ von Jaume Pensa. Eine sitzende menschliche Hohlform, der kollektive Sprachkörper aus einem Buchstabengitter, an dem jeder Mensch mit seinem Sprechen baut.

Jaume Pensa, We (c) Galerie Mario Mauroner, Contempary Art Vienna
Photo: Thomas Erne

Die Skulpturen in der Salzburger Altstadt verbinden eine gemeinsame Haltung. Es geht ihnen um konsensfähige Angebote geteilter Weltsichten im öffentlichen Raum. Um elementare Aspekte eines „We“: das menschheitsübergreifende Phänomen der Sprachlichkeit (Pensa), das kollektive Gedächtnis, aus dem sich die Identität einer Nation speist (Kiefer), die sozialen Grenzen des Erhabenen (Balkenhol) oder der diskrete Charme religiöser Orientierung (Longo). In Salzburg tritt die Kunst der Moderne aus ihrer  „splendid isolation“ hinein in den städtischen Raum. Sie irritiert und regt an, Passanten, Flaneure, Gäste und Einwohner. Das geht in einer Stadt, die begehbar ist und die mit ihrem Rhythmus von Wegen und Plätzen, Kirchen und Palästen den Namen Stadt verdient.

Kunstprojekt Salzburg 2009 Christian Boltanski - Vanitas (c) Salzburg Foundation Foto: Wolfgang Lienbacher

Christian Boltanski Vanitas

Auch die Arbeit des französischen Künstlers Christian Boltanski reiht sich ein in den Reigen gemeinsamer Weltsichten im öffentlichen Raum, auch wenn seine Installation zur Vergänglichkeit, site specific, im Verborgenen liegt. Man muss hinunter in den Keller des Bewußtseins, in die wieder freigelegte spätromanische Krypta des Salzburger Doms, die früher als Grablege diente. Vanitas, das lateinische Wort für Eitelkeit, Nichtigkeit, ist seit der Antike der Titel für die Vergänglichkeit des Menschen: Er weiß, dass er vergeht, aber er will nicht wahrhaben, dass es so ist. Trivial ist daher der Satz, dass alle Menschen sterben müssen, aber nicht trivial ist, dass ich dazu gehöre. Darüber Klarheit zu schaffen im Medium sinnlicher Anschauung ist in einer Stadt wie Salzburg, die eine hohe Kompetenz in Sachen Eitelkeit hat, eine lohnenswerte Aufgabe. Boltanski löst sie mit subversiver Eleganz. Sein Totentanz kommt leicht und schwebend daher. Opferlichter werfen Schattenfiguren auf eine weiße Wand, die den Besucher in den  weiten und niedrigen Raum hineinführen. Auf die Natursteinwand hinter dem Altar fällt im Sekundentakt der Schatten des Todesengels aus dem Himmel auf die Erde, verschwindet, fällt wieder und so weiter. Diese ahnungsvolle Poesie des Schattenhaften und Träumerischen würde man auch der Nachbarkrypta gönnen. Dort liegen die verstorbenen Erzbischöfe Salzburgs in einer martialischen Marmorästhetik aufgebahrt. Wäre da nicht diese Stimme. Es ist die Stimme der telefonischen Zeitansage. Eine monotone Frauenstimme, die unbeteiligt und ungerührt von aller Poesie die Realzeit ansagt, Minute um Minute: „Beim nächsten Signalton ist es …“ Das ist kein Ort mystischer Versenkung. Das ist ein Ort subtiler und beharrlicher Aufklärung, an dem das Ich auf einmal nichts mehr spürt als die Zeit, die ihm sonst so unmerklich bleibt.

Kunstprojekt Salzburg 2009
Christian Boltanski - Vanitas
(c) Salzburg Foundation / Foto: Wolfgang Lienbacher

Arnulf Rainer. Female

Von Hegel stammt die Einsicht, dass die Künstler in der Moderne sich wie Dramatiker zum Vorrat an früheren Kunstformen verhalten. Arnulf Rainers Werk ist ein faszinierender Beleg dieser These. Rainers Gesamtwerk lässt sich als eine Rehabilitierung des Museums in der Kunst der Moderne verstehen. Es sind Reflexionen des affektiven und effektiven Status der vergangenen Bilder im Medium des Bildes. Das gilt auch für die Arbeiten „Female“.  Frauenbilder – die Ausstellung im Museum hoch über der Stadt zeigt über 200 Arbeiten - ziehen sich wie ein roter Faden durch Rainers Schaffen. Photographien von Frauen, erotische zumal, gibt es seit der Erfindung der Photographie im Überfluß. Rainer bedient sich aus dem reichen Fundus, aber er nimmt vor allem Bilder einer verbrauten Erotik, erotische Cartes Postales aus den 1920er Jahren, Schlüsselloch-Photographien aus den 1960er Jahren. Diese Erotik wirkt erloschen. Posen, die einst anstößig und erregend waren, sind heute vor allem komisch. Auf diesen Stoff legt Rainer seine Kommentare. Es sind keine Übermalungen, sondern Weiter- und Fortmalungen. Dynamisch breite Pinselstriche, Linien und Krakeleien, die wie Zündsätze wirken. Rainers Pinsel ist ein Zauberstab, der eine verschüttete ikonische Kraft in den Photos freisetzt und effektiv werden lässt. Der Funke springt wieder über. Manche Bilder scheinen erotisch zu explodieren. Auch Rainer arbeitet an der Vergänglichkeit. Aber er sucht sie nicht bewußt zu machen, sondern im Medium der Kunst zu besiegen. Seine Kunst ist die Auferstehung der Kunst in der Arbeit an ihren vergangen Formen.

Ohne Titel, 1977, Zyklus: Frauensprache (c) Arnulf Rainer
Orient Mastalize, 1977, Zyklus: Frauensprache (c) Arnulf Rainer
Vertikale Rückenzeichnung, 1976 (c) Arnulf Rainer

Es gibt allerdings eine Ausnahme. In der Reihe „Frauen in der Kunstgeschichte“, Darstellungen von Madonnen und Göttinnen, konzentriert Rainer das Auge des Betrachters auf das Auge der heiligen Frauen. Es sind Augen, die den Betrachter nicht sehen, die überhaupt nichts sehen, kein Objekt in der res extensa, der Welt der Körper. Es sind Augen die nach innen blicken, in die res cogitans, die Innenwelt. Sie sehen nicht etwas, sondern sie sehen ihr Sehen. Hier genügt  Rainer der Hinweis, der Pinselstrich, der rahmt und das Wesentliche frei läßt. Denn im Blick, der sich selber sieht, wird Rainers Kunst der Reanimation nicht benötigt. Sehen, das sich sieht, Zeit, die an sich selbst spürbar wird - hier berühren sich die Arbeit Boltanskis im Untergrund und die Frauenbilder Rainers in den lichten Höhen der Stadt Salzburg. Sie begegnen sich am Ort der Mystik, an dem die Welt der Erscheinung transparent wird für eine umfassendere Wirklichkeit.

Ohne Titel, 2008 aus der Serie: Frauen in der Kunstgeschichte (c) Arnulf Rainer

MdM Mönchsberg: Arnulf Rainer. Female, 22.10.2009-7.2.2010, Kuratorin Margit Zuckriegl, www.museumdermoderne.at

 

Text: (c) Thomas Erne



  //  Geteilte Weltsichten? Christian Boltanski Vanitas und Arnulf Rainer Female in Salzburg  //  LAb[au] m0t1fs   //  Drei. Das Triptychon in der Moderne  //  MAN SON 1969  //  MEDIUM RELIGION  //  Markus Muntean/Adi Rosenblum  //  Mark Rothko Retrospektive HH  //  "Die Zeit, die bleibt"  //  Der ganze Himmel  //  Ausnahmezustand  //  SIX FEET UNDER  //  Jannis Kounellis "Via Crucis"  //  Paramente  //  Roland Dörfler
   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart