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Es dauert eine Weile bis Mark Rothko in der Hamburger Retrospektive seiner Werke einen da hat, wo er den Betrachter seiner Bilder haben will: Im Zustand einer absoluten Präsenz. So als ob es doch die eine Grundfigur des Seins gäbe, organisieren seine Bilder den Betrachter und stellen ihn in den Horizont einer auratischen Intensität. Man tritt ein in den Raum, den die großen Farbfelder aufspannen und weiß, was eine mystische Erfahrung ist: Ganz erfüllt zu sein ohne einen bestimmten Inhalt. Dazu bedarf es aber eines „gedehnten Blicks“. So nennt Wilhelm Genazino die Verzögerung der Wahrnehmung, die im wiederholten und geduldigen Schauen die Welt identifizierter Gegenstände überschreitet zugunsten der lebendigen Co-Präsenz mit den Erscheinungen. Die Hamburger Ausstellung führt den Betrachter in ein solches „vertieftes Verhältnis“ (G. Boehm) zu den Bilder Rothkos, indem sie ihn den Weg abschreiten lässt, den Rothko als Maler selber nahm: von den figürlichen Mythenbildern vor dem II. Weltkrieg über die Auflösung des Zeichnerischen bis zur vollständigen Abstraktion von jeglicher Bedeutung in den meditativen „Multiforms“, großformatigen Kompositionen von Farbräumen. Erstaunlich ist der Erfolg der Hamburger Ausstellung. Sie hätte Rothko sicher gefreut, obgleich seine Bilder dem Hype ihrer Vermarktung widersprechen. Ihr Inhalt ist eine Transzendenz von Innen, ein inneres Leuchten der Bilder, deren viele Farbschichten an ihrer Oberfläche wirken, ohne sichtbar zu sein. Diese Qualität geht in der Reproduktion verloren. Man muß schon persönlich in den Dialog mit den Originalen treten, um die Intensität zu erfahren, die sie in den gesellschaftlichen Diskurs einspeisen wollen. Bis zum 14. September besteht dazu noch die Möglichkeit in der Hamburger Kunsthalle.
Thomas Erne
Mark Rothko Retrospektive, Hamburger Kunsthalle bis 14. September 2008
H. Gaßner/C. Lange/O. Wick (Hg.), Mark Rothko Retrospektive, Katalog zur Austellung mit Beiträgen von G. Boehm, H. Gaßner, K, Koschkar, C. Lange, R. Maurer, J. Stewart, O. Wick, München 2008 (29 €).
evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart