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Das Christentum imponierte seiner Umwelt ganz elementar durch seine Gestenkultur. Weniger die faszinierende Synthese von hellenistischem Denken und spätjüdischem Geist, sondern vielmehr die dramatischen Einbildungen am eigenen Leib überzeugten. Gesten der Barmherzigkeit, der Hingabe, des Leidens, der Hinfälligkeit - Pathosformeln also, die sich das Leben und Sterben Jesu leiblich zu eigen machten, stellten die emotionale Basis und verwandelnde Kraft des Christentums bereit. Klaas Huizing (Der inszenierte Mensch, Stuttgart 2002), gegenwärtig der beste Gestentheoretiker der evangelischen Theologie, hätte als Betrachter der Ausstellung von Markus Muntean und Adi Rosenblum im Museum Essl in Klosterneuburg bei Wien seine helle Freude gehabt. Denn mit analytischer Schärfe, kalt und pathoslos, analysieren die beiden Künstler die Grammatik pathetischer Haltungen, die, im Life-Style der Moderne ortlos geworden, in der Bildhauerei, Malerei und Musik bis ins 19. Jahrhundert ein wesentliches Darstellungsmoment waren und dort auch ihr (vorläufig) letztes Residuum gefunden haben.
Die formale These des Künstlerpaares könnte lauten, man versteht etwas erst, wenn es vergangen ist. Die Faszination dieser Bilder beruht folglich darauf, dass sie Zitate großer Bildgesten, begleitet von Collagen musikalischer Pathosformeln von Monteverdi bis Mozart und unterlegt mit gesampelten Sinnsprüchen aus existentialistischen Tiefenbohrungen, in die Comic-Welt der technischen Moderne montieren. In solcher Verfremdung treten die Gesten scharf und emotionslos hervor. Muntean/Rosenblum sind nicht pathetisch, wenn sie zeigen wie Pathos aussieht. Seltsamerweise ist das selten komisch, etwa wenn im Video "Shroud" Pizza und Passion zusammen gereimt werden. Viel öfter ist die unpathetische Erkundung des Pathetischen berührend. So als würde man sich bewußt werden, was verloren geht, wenn man zu diesen Gesten nur noch ein Verhältnis historischer Distanz einnimmt, sei es weil Pathos politisch diskreditiert ist oder diese Gesten, die in der abendländischen Kultur eine so gewichtige Rolle spielten, heute schlicht niemand mehr beherrscht.
Offenbar aber kann der Mensch, weil er sterben muß, nicht ohne Pathos leben - und ohne Gesten der Hingabe kann er das nicht als Christ. Religiös relevant sind daher die Arbeiten von Muntean/Rosenblum nicht aufgrund der Zitate aus dem Gestenkanon christlicher Kunst. Viel aufregender wird es, wenn man die Bilder als Hinweis liest wie das Pathetische heute wieder neue Energie freisetzen könnte. Die Bilder, Musik, Sinnsprüche und Videos erschöpfen sich ja nicht im Vorführeffekt. Es sind Inszenierungen, wo der Betrachter sich Pathosgesten in einem neuen Setting anverwandeln kann. In der visuell-akustischen Versuchanordnung von Muntean/Rosenblum wird man sich der Gesten des Pathetischen bewusst, ohne in ihnen gefangen zu werden. Vielleicht ist diese Gebrochenheit, eine Art von ernüchterte Aneignung, die zeitgemäße Form des Pathetischen. Ob diese Form belastbar ist, müßte sich an der Rezeption von Muntean/Rosenblums Arbeiten zeigen. Die Feldforschung der beiden Künstler im Reich des Pathos ist noch lange nicht abgeschlossen.
Thomas Erne
Austellung vom 12.09.2008 bis 01.02.2009 im neuen Austellungshaus der Sammlung Essl, gebaut von Heinz Tesar
Essl Museum, An der Donau-Au 1, 3400 Klosterneuburg, Österreich
evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart