Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: MEDIUM RELIGION
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MEDIUM RELIGION
ZKM I Zentrum für Kunst und Medientechnologie - Ausstellung vom 23.11.2008–19.04.2009

Thomas Erne

"Der Lichtstrahl des Scheinwerfers zeichnet einen Kreis um den Besucher. Geht er weiter verfolgt ihn der Lichtstrahl wie von Geisterhand bewegt. Dann hört er eine elfengleiche Stimme, die von oben, aus dem Licht, an sein Ohr dringt. „Tanze doch“ flüstert die Stimme. Poesie der Medienreligion. Im Spiel der Zeichen überschreitet sie Grenzen und eröffnet neue Spielräume. Die Arbeit im Foyer des ZKM in Karlsruhe ist leider nicht Teil der von Peter Weibel und Boris Groys kuratierten Ausstellung „Medium Religion“. Deren inhaltliches Zentrum ist Corpse of Art, eine Arbeit zu Malewitsch vom slowenischen Künstlerkollektiv IRWIN. Die Arbeit zeigt Malewitsch, aufgebahrt unter seinem „Schwarzes Quadrat“ von 1913. Im Kunstwerk Malewitsch´ wird die reine Medialität der Kunst deutlich, diesseits gegenständlicher Figurationen. Die Leiche Malewitsch offenbart die reine Medialität des Menschen. Kein Sinn trübt im Tod die „Haltung der Meinungslosigkeit“ (Begleitheft, 26).

Das ist Religion: Die „Nullebene der Meinungsfreiheit“, so der Medienphilosoph  Boris Groys (29). Geht man, wie Groys, von Religion als inhaltsleere Selbstgegenwart aus, die sich im Ritual als pure Wiederholung artikuliert, dann ist Religion selber die verborgene Message of Media, das geheimnisvolle Zentrum ihrer „wesensmäßigen Repitivität“ (42). Religiös ist nicht der Inhalt, etwa die gesamte Bibel, die der Roboter in bios [bible] von  robotlab (2007), anmutig mit Tinte und Feder auf Papier schreibt, sondern das Abschreiben, der Vorgang der technischen Reproduktion.

Religion sind die minimalistischen Loops und Bildschnitte, die der Komponist Steve Reich mit der Videokünstlerin Breyl Korot in der wunderbaren Arbeit The Cave (1993) aus der Sprachmelodie von Juden, Christen und Muslimen herausspinnt, die er zum Grab ihres gemeinsamen Ahnvaters Abraham befragt. Religion ist  das Schweben im Aufsteigen der Dinge und Fallen der Körper in Paul Chans Videoprojektion 1st Light (2005).

Nun wird aber in der Moderne der religiöse Impuls in der Repetivität der globalen Medien ortlos. Es bleibt als Refugium des Sakralen nur der eigene Körper. Der wird „Ort des stummen repetitiven Martyriums“ (38), um der allgegenwärtigen Meinungsmacht zu entkommen. In dieser Leseart  gibt es eine Verbindung zwischen den „Martyrien“ des krebskranken Christoph Schlingensief, die er in Der König wohnt in Mir (2008) offenbart, Günter Sarees Sterbetuch (1973), mit dem er seinem Tod zum finalen Kunstwerk stilisierte,  oder dem bestürzenden El escandalo de lo Real (2006-2007) von Susana Pilar Delahante Matienzo, die sich mit dem noch lebenden Sperma eines toten Spenders befruchten ließ.

Es sind ins „Extremistische“ gewendete Versuche (vgl. S. 37) den religiösen Impuls zu bewahren in der Sphäre einer alles durchdringenden und vereinnahmenden visuellen Kommunikation. Die Ausstellung hinterlässt daher nicht zufällig einen düsteren Eindruck. Man muss nur Boris Groys Video Lecture The Immortal Bodies (2007) bis zum bitteren Ende durchstehen: Das Video zeigt als Schlusssequenz die Kopulation mit einer Leiche.

Sollte dies nun der wahre Zustand der Religion unter Bedingung moderner Medien sein? Todessehnsüchtig, extremistisch, düster? Die dokumentarischen Arbeiten, etwa Joshua Simon Shahids Videocollage von Selbstmordattentätern oder Tom Cruises Scientology Video legen das nahe. Doch ist das überhaupt Religion, was die Ausstellung zeigt?  Sehnsucht nach einer Reinheit im inhaltsleeren Ritual, das scheint doch selber die Keimzelle extremistischer Kurzschlüsse zu sein. Anders gefragt: was bekäme man zu sehen, wenn inhaltliche Fülle, nicht Leere die Religion kennzeichnet, weil der Basissatz für das Medium Religion nicht die „Meinungslosigkeit“ (29), sondern die Inkarnation des Logos ist: „Und das Wort war Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ (Joh 1,14). 

Für weitere Infos: www.zkm.at

 

  Titelbild: Alexander Kosolapov, This is my Blood, 2002 (c) Guelman Gallery, VG Bild-Kunst, Bonn 2008



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