Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Elisabeth Jooß, Raum
  //  Recherche  //  Rezensionen
suche   //   intern   //   drucken
x
Elisabeth Jooß, Raum
vorgestellt von Thomas Erne

Elisabeth Jooß, Raum. Eine theologische Interpretation, Beiträge zur evangelischen Theologie Bd. 122, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, S. 272.

Raumfragen binden gegenwärtig die Aufmerksamkeit, vor allem der Praktischen Theologie, in einem erstaunlichen Ausmaß. Eine (vermeintliche?) protestantische Raum- und Leibfeindlichkeit weicht einer regen Debatte über die Bedeutung des Raumes, und als Konsequenz daraus auch des Leibes, für die Darstellung und Kommunikation des christlichen Glaubens.

Eine grundlegende Arbeit zum Raum aus Sicht der Systematischen Theologie ist in dieser Lage mehr als willkommen. Zumal Elisabeth Jooß in ihrer Dissertation, die sie am Marburger Lehrstuhl für Systematische Theologie verfasst hat, die liturgische, pädagogische, spirituelle Kirchenraumpraxis nicht normativ überformen will. Ihre Absicht ist vielmehr das kategoriale Raumverständnis herauszuarbeiten, das in den konkreten Raumgestaltungen faktisch in Anspruch genommen wird. Eine praktisch theologische Kirchenraumkunde, die sich mit Hilfe von Elisabeth Jooß ihrer impliziten Hintergrundannahmen bewusst wird, könnte sich freier und geklärter im Raum bewegen, ohne falschen Alternativen aufzusitzen. Um ein Beispiel zu zitieren: Kein Geringerer als Paul Tillich ordnet die Raumgebundenheit dem Heidentum die Zeitgebundenheit der jüdisch-christlichen Tradition zu (vgl. S. 17).

Raum ist wie auch Zeit, Sprache oder Leib ein Grundphänomen. Grundphänomene sind solche, die am Zustandekommen anderer Phänomene beteiligt sind. Raumfragen lassen sich deshalb nicht regional eingrenzen, beispielsweise als exklusives Thema der Physik. Denn Raum ist immer mitgesetzt, wenn irgendetwas zum Thema wird, einschließlich des Raumes selbst. Man kann über den Raum nur sprechen, wenn man ihn zugleich in Anspruch nimmt. Diese Doppelstruktur des Raumes, prinzipiell und aktual zu sein, wird, so die methodische These des Buches, nur in der zeitgenössischen Philosophie und „in der religiösen Vorstellungswelt der jüdisch-christlichen Tradition in spezifischer Weise und explizit symbolisiert“ (S. 26). Die Philosophie greift aktuale Erfahrungen von Raum aus der Lebenswelt wie aus den Einzelwissenschaften auf und arbeitet in dieser Vielfalt prinzipielle Aspekte heraus. Auch die christliche Theologie ist eine integrative Theorie, da es ihr um das „Ganzen des Daseins“ geht, und zwar um die „Deutungen des gesamten Weltgefüges … mit einem unbedingten Geltungsanspruch“ (S. 20), jedoch immer am Ort der vielfältigen Erfahrungen eines individuellen religiösen Bewusstsein. Insofern ist für das religiöse Bewusstsein die Vermittlung von aktual und prinzipiell, von individuellem Vollzug und Gesamtperspektive ebenfalls konstitutiv. Ob nun über diese Strukturanalogie hinaus die beiden „Referenzsysteme“ im Grundphänomen des Raumes sachlich aufeinander bezogen sind, ob also eine Philosophie des Raumes für das christliche Raumverständnis etwas  beizutragen hat und umgekehrt, das ist die Leitfrage der weiteren Untersuchung. Die gegenwartsbezogene theologische Interpretation des Raumes, so lässt sich der methodischer Aufriss deuten, ist jedenfalls ohne eine anspruchsvoll These zum Verhältnis von Philosophie und Theologie nicht durchführbar. 

Aus der Zielsetzung, den Raum kategorial in einer Verschränkung „zweier Referenzsysteme“ zu deuten, ergeben sich die beiden Hauptteile der Arbeit. Einerseits (Kapitel II.) philosophische Raumtheorien - Kant, Husserl und Leibphänomenologie, an die eine Analyse der sensorischen Raumkonstitution (Kapitel III.) anschließt. Andererseits (Kapitel IV.) die Darstellung und Analyse der Bedeutung des Raumes in im Textbestand der Bibel. Abschließend (Kapitel V.) wird die strukturelle Beziehung von philosophischem und theologischem Raumverständnis erörtert.

Raumtheorien, die Elisabeth Jooß als Kandidaten für das philosophische Referenzsystem auswählte, lassen sich der eingangs erwähnten Generalthese zum Raum zuordnen. Sie müssen einerseits relevant sein für aktuale und aktuelle Raumfragen und zugleich einen kategorialen Beitrag für ein prinzipielles Raumverständnis leisten.

Kant ist dabei unverzichtbar. Sein Raumverständnis, das den Raum kategorial als Anschauungsform im subjektiven Bewusstsein verankert, ist der Ausgangspunkt des modernen Raumverständnisses. Husserl führt in seiner Kritik an Kant hinter die subjektive Anschauungsform zurück, indem er nach der Genese dieser Anschauungsform fragt, die bei Kant fix und fertig im Bewusstsein anzutreffen ist. Mit Husserl kommt ein dynamisches Moment in die Auffassung vom Raum. Der Raum konstituiert sich im spontanen Umgang des Subjekts mit der Welt, im Vollzug einer leiblichen Bewegung. Kants transzendentale Anschauungsform entwickelt sich aus Sicht Husserls in einer leiblichen Selbstbewegung und muss in ihr zugleich vorausgesetzt werden.

In der Leibphänomenologie wird schließlich die Schlüsselstellung, die „der Leib in der Raumkonstitution einnimmt“ (S. 75) vertiefend herausgearbeitet. Der Leib wird der Ausgangspunkt für eine differenzierte Sicht des Raumes, vorausgesetzt eine elementare Selbstdifferenzierung im Leiblichen wird beachtet: Der Leib ist immer an der Differenz beteiligt, die durch ihn erfahren wird. Das gilt für die Differenz von Leib und Körper wie auch für den Raum, der als Anschauungsform oder als objektiver Raum die Voraussetzung für das Agieren des Leibes ist und zugleich durch die leibliche Selbstbewegung konstituiert wird 

Kapitel III. vertieft den phänomenologischen Ansatz einer leiblichen Raumkonstitution. Elisabeth Jooß analysiert den Beitrag der verschiedenen Sinnesorgane zur Raumskonstitution, wie im Berühren, im Sehen, Hören, Riechen die Vertikale, Horizontale und Sagittale (Tiefendimension) des Raumes entsteht und wie diese Dreidimensionalität des Raumes in der Eindimensionalität  sprachlicher Zeichen repräsentiert wird. Dieser Abschnitt ist in der Dichte und der Genauigkeit seiner Analyse ein Höhepunkt des Buches.

Im IV. Kapitel geht Elisabeth Jooß den Textbestand des alten und neuen Testaments im Blick auf die Bedeutung des Raumes für die jüdisch-christliche Tradition durch. Ein weiterer Höhepunkt des Buches ist dieses exegetisch-systematische Kompendium biblischer Raumvorstellungen. Sein sachliches Zentrum liegt in der Analyse einer Raum-Christologie im Neuen Testament. Drei Dimensionen der Christologie, die Vertikale in Inkarnation und Himmelfahrt, die Horizontale im irdische Lebensweg Jesu als Multilokalität versus der Monolokalität des Tempels und die sagittale Dimension in Anwesenheit und Entzug des Gekreuzigten und Auferstandenen  werden in der Hinordnung auf das Kreuz gefasst als „revolutionärer Gehalt der Raumdimensionierung in Jesus Christus“  (S. 228). 

Kapitel V. entwickelt als Ergebnis der Untersuchungen eine Verhältnisbestimmung von philosophischer und religiöser Raumvorstellung  Ein Beispiel dieser Korrelation: Der Raum bei Kant als transzendentale Anschauungsform a priori gefasst, ist „als Sachanliegen in der Schöpfungsthematik aufgenommen“ (S. 236). Der Schöpfungsbericht thematisiert allerdings nicht nur die Bedingung der Möglichkeit von Raum, sondern deutet auch sein Woher: Gott ermöglicht und erhält den Raum. Kants Raum als Anschauung a priori wird durch die Nennung des Gottesnamens in einer Weise qualifiziert, „die im Sinne einer Sinndeutung der Grundverfasstheit von Dasein als existentiell bezeichnet werden kann.“ (S. 236). Raum philosophisch als Existential einerseits, und Qualifikation dieses Raumes im existentiellen Vollzug des Glaubens andererseits, das ist die Antwort auf die eingangs gestellte Leitfrage (vgl. S. 234 und S. 28), ob Philosophie und christlicher Glaube im Blick auf den Raum strukturell fruchtbar füreinander sind. Es ist am Ende eine „prinzipielle Aufeinanderverwiesenheit“ von philosophisch-existentialer und religiös-existentieller Raumsymbolisierung. „Nur die Aufeinanderbezogenheit von existentialer und existentieller Symbolisierung macht ein angemessenes Verstehen von Raum im Sinne einer Daseinsrelevanz für den Menschen als Orientierungsfähigkeit möglich.“ (S. 240). Damit ist die religiöse Raumsymbolisierung eine notwendige, wenngleich keineswegs eine exklusive daseinsrelevante Aneignung des Raumes. Streng genommen liefert der christliche Glaube „überhaupt keine Raumtheorie im Sinne philosophisch-ontologischer Raumbestimmung, sondern eine spezifisch existentielle Umgangsform mit dem Existential des Raumes“ (S. 241).

Folgt man der Elisabeth Jooß bis an diesen Punkt – ob gegenwärtige Raumphilosophen ihr Verhältnis zur Religion mit dem Dual von existential und existentiell angemessen beschrieben sehen,  wäre noch zu prüfen -,  dann wird der Leser neugierig, wie denn nun der Raum als ontologische Seinsform in der ontischen Vollzugsform des christlichen Glaubens  konkret Gestalt gewinnt? Wie erlebt die christliche Gemeinde, die nicht in kategorial anderen Räumen lebt, diese Räume durch ihren Gottesbezug?  Und sind dann nicht die durch den Gottesbezug anders erlebten Räum etwas kategorial anderes?

Selbstverständlich ist eine Antwort auf diese Fragen am Ort des Abendmahls zu erwarten. Was Elisabeth Jooß in den knappen Schlussseiten zur räumlichen Inszenierung des Abendmahls bietet, ist aber gerade nicht die Beschreibung der leiblichen  und räumlichen Vollzüge, der Qualifikation der haptischen, olfaktorischen, visuellen, akustischen Raumkonstitution durch den Gottesbezug im Abendmahl, die christologische Umcodierung von Zentrum und Peripherie im Vollzug der Mahlgemeinschaft, die anders bestimmte Ordnung von Vertikalen und Horizontalen in der Kommunikation der Elemente etc.

Wenn es einen Mangel in dieser materialreichen und gedanklich differenzierten Arbeit gibt, dann dies, dass die Arbeit dem Leser zwar den Blick öffnet für theologische Bedeutung des Raumes, am Ende aber diesen Raum der aktualen Gottesgegenwart in der leiblich-räumlichen Praxis der Kirche nicht betritt. Positiv gesagt: Es genügt auch eine so umfangreiche Forschungsaufgabe zu umreißen und grundbegrifflich zu klären. Eine Phänomenologie christlich qualifizierter Raumvollzüge könnte jetzt folgen. Wer sich gründlich mit Raumfragen, vor allem in der Praktischen Theologie beschäftigen will, kommt an diesem Buch jedenfalls nicht vorbei.    

 



  //  Johannes Stückelberger, Wolkenbilder  //  Rudolf Stegers, Entwurfsatlas Sakralbau  //  Reinhard Hoeps, Religion aus Malerei?  //  Frank Hiddemann, Site-specific Art im Kirchraum  //  Robin Margret Jensen, The Substance of Things Seen  //  Elisabeth Jooß, Raum  //  Siehe! Zeitgenössische Kunst in evangelischen Kirchen  //  Protestantismus und Ästhetik  //  Prägnanz der Religion in der Kultur
   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart