Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Frank Hiddemann, Site-specific Art im Kirchraum
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Frank Hiddemann, Site-specific Art im Kirchraum
vorgestellt von Katharina Scholl

„Kunst als fremder Gast“

Frank Hiddemann, Site-specific Art im Kirchenraum. Eine Praxistheorie, Berlin 2007.

Frank Hiddemann ist Praktischer Theologe. Nach einer Assistenzzeit an der Ruhr-Universität Bochum arbeitete er als Studienleiter für Medien, Kunst und Kultur an der Evangelischen Akademie Thüringen. Als Vorsitzender des Evangelischen Kunstdienstes Erfurt und als Freier Kurator gestaltete er zahlreiche Kunstprojekte in Kirchenräumen.
Unter dem Titel „Site-specific Art im Kirchraum“ legt Hiddemann eine Arbeit vor, in der er sich aus theoretischer wie aus praktischer Perspektive mit Kunstarbeit in Kirchen auseinandersetzt. Seine leitende Fragestellung ist dabei, wie sich Kunstwerke und sakraler Raum „begegnen“ können ohne gegenseitige In-Besitznahme, sondern mit einem neu entstehenden Prägnanzgewinn innerhalb des je eigenen Blickes auf die Welt.
Seine Praxistheorie, die diesen Prägnanzgewinn und die dazu notwendigen methodischen Gesichtspunkte zur Sprache bringen will, bettet er ein in einer Relektüre der Schriften von Paul Tillich, was im Rahmen einer Arbeit, die sich aus theologischer Perspektive mit künstlerischen Themen befasst zunächst nicht besonders originell erscheint. Das interessante und besondere allerdings an seinem Umgang mit Tillichs Konzeptionen ist, dass er nicht dabei stehen bleibt Tillichs Theologie als grundlegende Legitimation für die Auseinandersetzung mit Kulturphänomenen aus theologischer Perspektive zu nutzen, sondern aus Tillichs inhaltlichen Verhältnisbestimmungen zwischen Kultur und Religion  einen eigenen praxistheoretischen Vorschlag generiert, der Tillichs theologische Grundbegriffe für die konkrete Kunstarbeit in Kirchräumen übersetzt. Zentrum für Hiddemanns Relektüre ist der Begriff der „Situation“. Die Religion hat, nach Tillich, das zum Gegenstand, „was uns unbedingt angeht“. Sie ist also unbedingtes Ergriffensein und nicht bloß abstraktes Prinzip. Deshalb ist es notwendig, dass sich das religiöse Prinzip, um Existenz zu gewinnen, mit außerreligiösen Kulturphänomenen verbindet. Kultur ist also gleichsam die Form der Religion, während die Religion die Tiefendimension der Kultur darstellt.   Indem er diesen Zusammenhang zum Ausgangspunkt seiner eigenen theoretischen Überlegungen macht, hebt er die Angewiesenheit der Theologie auf die existenzielle Analyse der Zeitsituation durch Kunstwerke in besonderem Maße hervor.

Die existenzielle Bedingung für das religiöse Prinzip sich mit außerreligiösen Phänomenen situativ zu verbinden um in die konkrete Geschichte eintreten zu können findet in Hiddemanns Arbeit seine Entsprechung indem er das Phänomen der „Site-specific Art“ einführt. Hierbei handelt es sich um eine Kunstbewegung der 60er und 70er Jahre, bei der die etablierten Orte der Kunst, wie Museen und Galerien, zunehmend wegen ihrer programmatischen Ausklammerung zeitgebundener und sozialer Kontexte von Künstlerinnen und Künstlern kritisiert und verlassen wurden. Der sogenannte White Cube, der weiße, von inneren und äußeren Störungen befreite reine Kunstraum wurde ausgetauscht durch verschiedenste Orte und die Kunst konnte so, nachdem sie die durch die White Cubes verursachte Kontextentzogenheit überwunden hatte, ihre eigene Kraft wiederentdecken sich auf das Umfeld, in das sie hineinspricht, zu beziehen. Im Rahmen seiner eigenen praxisbezogenen Überlegungen will Hiddemann die besondere Qualität solcher situations- und kontextbezogener Kunst für Kunstarbeit in Sakralräumen herausstellen. Durch eine sehr erhellende Eintragung spitzt er seine Relektüre der Tillichschen Schriften zu, indem er vorschlägt diese als „Site-specific theology“ zu lesen.  

Unter dieser theoretischen Folie entfaltet der Autor die Darstellung verschiedener eigener Erfahrungen mit Kunstarbeiten, die er in Erfurt und Neudietendorf konzipiert und durchgeführt hat. In Bezug auf Kunstarbeit in Kirchen versteht er das jeweilige Kunstwerk als einen „fremden Gast“ und in dieser symbolhaften Bezeichnung ist gleichsam sein Kernprogramm für Kunstarbeit in Sakralräumen enthalten. So ist in der Bezeichnung „fremder Gast“ sowohl sein Plädoyer für temporäre Kunstarbeit in Kirchen und die Ablehnung dauerhafter Ausstellungen enthalten, als auch eine bestimmte Verhältnisbestimmung zwischen Kunst und Raum. Das Werk soll sich kontextsensibel zum Sakralraum verhalten, soll also überhaupt einen Bezug zu ihm herstellen und in der konkreten Begegnung zwischen Raum und Kunstwerk soll eine Kontextreflexivität entstehen, also eine Korrespondenz zwischen Kunstwerk und Sakralraum. In den Darstellungen seiner Arbeiten kann Hiddemann überzeugend vermitteln, dass seine theoretischen Überlegungen als Maßstäbe für die Praxis wirksam sind.

Sehr eindrücklich ist dabei seine Beschreibung ästhetischer Raumexperimente mit Film im Kirchraum. Hiddemanns Konzept der Kontextreflexivität scheint gerade im Fall der Begegnung zwischen dem Medium des Films, der ja eigentlich keine Konkurrenz außerhalb seiner selbst erlaubt, und des Sakralraumes, der wohl zunächst mit seinen Lichteffekten und sonstigen räumlichen Ablenkungen nicht als idealer Ort für eine Filmvorführung gelten kann. Eindrücklich macht Hiddemann allerdings deutlich, wie in dem konkreten Raumexperiment im Refektorium des Predigerklosters in Erfurt mit der Filmvorführung des Stummfilms „Die Passion der Jeanne d`Arc“ neue Rezeptionsmöglichkeiten für den Film sowie auch für den Sakralraum erschlossen werden können. Das Raumexperiment fand am 6. September 1997 im Rahmen der Kunst-Dienstarbeit statt. Der vorgeführte Film konzentriert sich auf die Tage des Prozesses von Jeanne d´Arc und hat deshalb eine eigentümliche theatrale Ästhetik. Er spielt beinahe ausschließlich vor Klostermauern und wurde auf den gotischen Bogen projiziert, in dem sonst das Altarkreuz hängt, also ein Ort mit deutlicher liturgischer Funktion. Diese Projektion des Klosterraumes in den Klosterraum führte zu interessanten Effekten. Ein Tor zum Früher tat sich auf , ein Zeitloch, in dem die Gesichtslandschaften der Inquisitoren im Heute auftauchten.

Ebenfalls beeindruckend ist Hiddemanns Beschreibung einer Arbeit der Leipziger Künstlerin Natascha Mehler im Turm der Ägidienkirche in Erfurt. Im Rahmen ihres Auftrages ein Kunstwerk für den Kirchraum herzustellen, forschte sie in der Geschichte des Kirchraumes und fand heraus, dass die Kirche im Mittelalter, an der via regia gelegen, als Beichtkapelle gedient hatte. Auf diesen Impuls hin entwickelte sie eine Arbeit in der acht mit Webpelz ausgeschlagene Verstärkungstrichter die erotischen Konfessionen, die die Wände der Kirche gehört haben mussten, als erotische Lyrik wieder „ausschwitzen“. In seinen Dokumentationen berichtet Hiddemann nicht nur von den Arbeiten und Ausstellungen selbst, sondern auch von den Schwierigkeiten zwischen Künstlern und Gemeinden, die er als Vehikel auffasste einen Streit über Kunst anzuregen. So ist die Ausstellung in der Ägidienkirche nur auf Umwegen vom Kirchenvorstand der methodistischen Gemeinde genehmigt worden.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Dokumentationen befragt er nun gegenwärtige praktisch-theologische Entwürfe auf ihre Konsistenz und formuliert abschließend seine eigene Position. Dabei distanziert sich Hiddemann sowohl von einer theologischen Bildhermeneutik, wie sie Markus Zink vertritt, sowie von einer religiösen Medienhermeneutik, wie sie sich in den Entwürfen von Wilhelm Gräb artikuliert und auch von einer frommen Kunsthermeneutik, die Anne Steinmeier entfaltet..   

Mit seiner Kunstarbeit in Kirchen will der Autor eine erneuerte Wahrnehmung sakraler Räume erzeugen, wobei die jeweiligen Räume zwar ihre eigene Struktur erhalten, sich aber hin und wieder öffnen sollen für die Irritation, Unterbrechung und Veränderung durch zeitgenössische Kunst. Um diese Transformationen, welche die Kunst in den Kirchenräumen bewirkt adäquat aufzunehmen, müssen diese in den liturgischen Veranstaltungen der Kirchen auftauchen. So darf der Kirchenraum eben nicht zum Galerieraum werden, sondern er soll sich durch die Kunst zu einem Kommentar im Gottesdienst aufrufen lassen.
Eine solche Korrespondenz soll, laut Hiddemann, nicht im Modus des Events stattfinden, sondern als Genre, dass den Menschen, die daran partizipieren, ein „temporäres Zuhause“ geben kann. In diesem „temporären Zuhause“ soll ein Dialograum der besonderen Art erschaffen werden. Was zunächst problematisch erscheint, nämlich dass sich bei Kunstarbeit in Kirchen zwei Welten mit plural strukturierten Eigenlogiken und einem je eigenen Blick auf die Welt begegnen, fasst Hiddemann in seiner Darstellung als Positivum auf. Er sieht darin die Chance, dass sich durch einen solchen „Dialog zwischen zwei Welten“ eine Art „Reich des Dazwischen“ konstituiert. In diesem Grenzbereich können sich dann Sinnüberschüsse und erneuerte Deutungshorizonte entwickeln, an denen sowohl der sakrale Raum als auch die zeitgenössische Kunst partizipieren können. Diese Partizipation soll dann zu einem Prägnanzgewinn im Hinblick auf die jeweils eigene Identität führen.

Der Autor hat seiner Arbeit ein Zitat von Michail M. Bachtin vorangestellt: „Ohne eigene Fragen kann man etwas anderes und Fremdes nicht schöpferisch verstehen (nur freilich muss es sich dabei um ernsthafte, echte Fragen Handeln)“. Ganz im Zeichen dieser Proklamation führt Frank Hiddemann durch seine eigenen ernsthaften Fragen in seiner Arbeit überzeugend  vor, wie Erhalt eigener Identität  und bereichernde Begegnung mit dem Andersartigen vereinbar sind.



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