Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Johannes Stückelberger, Wolkenbilder
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Johannes Stückelberger, Wolkenbilder
vorgestellt von Thomas Erne

 

Johannes Stückelberger, Wolkenbilder. Deutungen des Himmels in der Moderne, München 2010. ISBN 978-3-7705-4106-5 Preis: 58 Euro.

Astronomie ist die einzige Naturwissenschaft, die der Vatikan in eigener Regie durchführt. Doch der forschende Blick in den Himmel, so George V. Coyne, Leiter der Specola Vatiacana, brachte das päpstliche Observatorium bisher keinen Schritt weiter in der Erkenntnis Gottes. Das ist feine Ironie. Von einer naturwissenschaftlichen Betrachtung des Himmels wird nach Kopernikus, Kant und dem Scheitern der Physikotheologie auch der Leiter des päpstlichen Observatoriums nichts anderes erwartet haben.  

Vielleicht wäre den vatikanischen Astronomen mit einem Blick in Johannes Stückelbergers Studie „Wolkenbilder - Deutungen des Himmels in der Moderne“ eher gedient?  Das Buch basiert auf einer Habilitationsschrift, die der Autor 2002 unter dem Titel „Blicke ins Unendliche“  an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel eingereicht hat. Im Zentrum stehen vier Künstler der Moderne und ihre Beschäftigung mit dem Himmel. Doch wer eine Erkenntnis Gottes im Himmelsblick der Kunst sucht, wird auch dort enttäuscht werden. Stückelbergers Leitthese für die Deutung des Himmels in der modernen Kunst geht von einer Säkularisierung göttlicher Attribute, von einer ästhetischen Diesseitigkeit des Unendlichen aus. Was der Fromme einst am Firmament wahrnahm, die Unendlichkeit Gottes in der Unendlichkeit des Kosmos, das wird in den Wolkenbildern von Ferdinand Hodler, Alfred Stieglitz, Sam Francis und Gerhard Richter in eine immanente Transzendenz überführt. Die Blicke der Künstler gehen zwar ins Unendliche, aber es ist ein Unendliches im Diesseits, ohne Referenz auf einen alles umfassenden Gott. Der Himmel über den Künstlern ist unendlich, aber leer (vgl. S. 364). 

Was aber zeigen die Wolkenbilder dann in der Moderne? Folgt man der Skizze des Naturverständnisses mit seinen Wandlungen seit Kopernikus, die Stückelberger seinen Bildanalysen voranstellt,  dann geht es um Anschauungen des Unendlichen im Endlichen, so die Formel des protestantischen Theologen Friedrich Schleiermacher, die Stückelberger zustimmend zitiert (vgl. S. 11). Die Wolkenbildern thematisieren die Ganzheit der Natur in direkter Beziehung zum Menschen, also das, was Kant das ästhetische Verhältnis nannte:  Die Welt wird bezogen auf das Subjekt und sein Gefühl der Lust oder Unlust (vgl. KrU §1). Kants dritte Kritik liefert auch das Stichwort für die große Linie, der Stückelberger die Wolkenbilder zuordnet. Es sind Annäherungen an eine Wirklichkeit, die unanschaulich, überwältigend, unendlich ist. Diese Darstellungen an den Grenzen des Darstellbaren gehören in die Tradition einer Ästhetik des Erhabenen, ein „Leitthema der Moderne“ (S. 70). Und doch überrascht in der sorgfältig gearbeiteten Studie wie intensiv sich die Moderne, auch in ihren abstrakten Formen, mit der Natur beschäftigt, so sehr, dass eine eigene Bildgattung der Himmels- und Wolkenbilder gerechtfertigt ist. Man wird an Joachim Ritters Kompensationsthese erinnert: Landschaftsbilder kompensieren den Verlust einer Einheit von Mensch und Natur – Ritter nennt dies das ptolemäische Weltbild –, die in der technisch-wissenschaftlichen Objektivierung der Natur verloren geht. In der Kunst schafft sich das ptolemäische Weltbild sein Ausdrucksmedium, weil Natur als Ganzheit nicht ungesagt und ungesehen bleiben kann. Stückelberger setzt den Akzent allerdings anders. Der Himmelsblick in der Moderne ist keine Kompensation, sondern eher eine Kopernikanisierung der Kunst, eine Fortsetzung des kopernikanischen Weltbildes mit ästhetischen Mitteln. Der Blick in den Himmel wird in der modernen Kunst dynamisiert. Natur ist kein Sein, sondern im Werden und kann daher auch nur wahrgenommen werden, wenn der Betrachter seinen invarianten ptolemäischen Standpunkt verlässt und im Sehen beweglich wird. Der Blick ins Unendliche wird selber unendlich. Die Wolkenbilder der Moderne reflektieren und überschreiten im Sehen die eigene Sichtweise und den jeweiligen Standpunkt (vgl. S. 26f.).

Die umfangreiche Bildanalyse ist das Herzstück des Buches. Stückelberger entwirft in den Himmelsblicken der Künstler eine Typologie der Anschauungsformen des Unendlichen im Endlichen. Ferdinand Hodlers Himmel repräsentiert eine umfassende Einheit. Alfred Stieglitz´ Himmel ist ein Spiegel menschlicher Empfindungen angesichts des Unendlichen. In Sam Francis Bildern ereignet sich Himmel als eine Überwältigung menschlicher Wahrnehmung und Gerhard Richter sieht im Himmel ein Gleichnis für die Natur, die aus Zufall und Chaos besteht. 

Doch die Bildanalyse dient nicht der empirischen Überprüfung kunstphilosophischer Thesen. Stückelberger traut den Bildern eine Wirkung sui generis zu. Es geht ihm um eine wechselseitige Korrektur und Anreicherung von begrifflicher Erkenntnis und Wahrnehmung der Bilder. Aus dieser Spannung entsteht ein staunenswerter Reichtum an Aspekten, Facetten, Varianten der Anschauung des Unendlichen im Endlichen. Und da es dem Autor gelingt diese Fülle zu bändigen und den Leser in ihr verlässlich zu orientieren ist die Lektüre des Buches nicht nur lohnend, sondern auch ein Vergnügen. Nur die Schlussbetrachtung fällt schmal aus, nicht nur dem Umfang nach. Hier wäre die Gelegenheit gewesen die Linie weiter auszuziehen. Man hätte gerne erfahren, welche Folgen sich aus den Himmelsblicken der Künstler für das Selbst- und Weltverhältnis in der Moderne ergeben, beispielsweise für die Religion.

Wohin sollen die Astronomen der Specola Vaticana denn ihre Blicke richten, wenn das göttliche Attribut der Unendlichkeit in der wissenschaftlichen Objektivierung der Natur verloren geht oder in der ästhetischen Anschauung aufgehoben wird? Sind denn die Wolkenbilder die Kunstreligion der Moderne? Die Erfüllung der romantischen Idee die Religion in Kunst aufgehen zu lassen? Gerhard Richter, der in großer Klarheit über die Antriebe und Motive seiner Kunst Auskunft gibt, legt diese Deutung nahe, „…weil die Kirche als Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen und Religion zu verwirklichen, nicht mehr ausreicht, ist die Kunst, als veränderndes Mittel, einzige Vollzieherin der Religion, das heißt Religion selbst“ (S. 363). Man braucht sich jedenfalls nach der Lektüre dieses Bandes nicht mehr zu wundern, dass es vielfältige Überschneidungen, Irritationen und Inklusionen zwischen Kunst und Religion in der Moderne gibt. Denn Stückelbergers Analyse der Wolkenbilder zeigt, dass es sich bei der Kunst um ein ähnliches „Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen“, handelt wie bei der Religion. Es ist die subjektive Bezugnahme auf das Ganze der Wirklichkeit, das die  ästhetische Anschauung des Unendlichen in der Kunst mit der „unmittelbaren Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins“ (Schleiermacher) im religiösen Gefühl verbindet. Fragt sich nur, was beide dann noch trennt.

Thomas Erne



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