Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Reinhard Hoeps, Religion aus Malerei?
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Reinhard Hoeps, Religion aus Malerei?
vorgestellt von Thomas Erne

Reinhard Hoeps (Hg.), Religion aus Malerei? Kunst der Gegenwart als theologische Aufgabe, Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2005, 202 Seiten.

 

Am 25. Juni 2004 verlieh die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Münster Arnulf Rainer den theologischen Ehrendoktor. Festvortrag, Laudatio und eine Reihe von Vorträgen, die zu diesem Anlaß von Kunstwissenschaftlern (Hoppe-Sailer, Blum), Theologen (Larcher, Müller, Lehmann, Hoeps) sowie Religions- und Kunstdidaktikern (Bertrand-Pfaff, Gärtner, Hölscher) in Münster gehalten wurden, sind in diesem von Reinhard Hoeps herausgegebenen Band versammelt. Da es sich bei Arnulf Rainers Kunst, wie Hoeps in seiner Laudatio bemerkt, um „Fundamentalmalerei“ handelt, die an „Ursprungsfragen der Malerei“ (S. 201) arbeitet, würdigt dieser Band nicht nur Arnulf Rainers Werk. Die theologische Ehrenpromotion des Malers bietet den Autoren zugleich die Gelegenheit für eine prinzipielle Bestandsaufnahme des Verhältnisses von katholischer Theologie und Kirche zur bildenden Kunst der Gegenwart.

Besonderes Gewicht hat dabei der Beitrag von Karl Kardinal Lehmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Lehmann legt ein eindeutiges Bekenntnis zur Autonomie der modernen Kunst ab, angesichts der aktueller Debatte um das Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom alles andere als selbstverständlich. Autonome Kunst soll in den Diskurs der Theologie „fundamental eingreifen, ihn also nicht nur ornamental umspielen“ (S. 27). Die Auseinandersetzung mit der autonomen Gegenwartskunst ist nach Lehmann sogar so bedeutsam für die katholische Theologie und Kirche, dass er es für eine strategische Zukunftsaufgabe hält eine kompetente katholische Bildtheologie in der Ausbildung hauptberuflicher Theologen zu verankern. Das Programm der beiden Arbeitsstellen für christliche Bildtheologie in Köln und Münster soll im Dreischritt von Bildanthropologie, Bildtheologie und religionspädagogischer Bilddidaktik nicht nur Anschluss an den kunstwissenschaftlichen Diskurs und seinen „iconic turn“ (G. Boehm) gewinnen, sondern zugleich der katholischen Theologie und Kirche erlauben den ganzen Menschen anzusprechen, neben den reflexiven und sittlichen, auch seine expressiven und emotionalen Seiten: „Künstlerisch-ästhetische Ausdrucksformen gehören eben schlechthin zum Menschen“ (S. 26).

Nun wird die moderne Autonomie der Kunst zwar oft beschrieben, aber selten wirklich ernst genommen. Soll der Titel des Bandes „Religion aus Malerei?“ die von Lehmann emphatisch betonte und von allen Autoren des Bandes geteilte Autonomie der Kunst nicht dementieren, dann kann die Frage nur auf eine Suchbewegung zielen, die unter der Bedingung einer grundlegenden Differenz von Kunst und Religion versucht den Zusammenhang zweier autonomer Dimensionen menschlicher Kultur wieder neu zu denken. Sichtet man die Beiträge im Blick auf diese Frage, wie die ästhetische Eigengesetzlichkeit der Kunst von der christlichen Religion unterschieden ist und doch mit ihr zusammenhängt, dann lassen sich in diesem Band drei Typen von Antworten unterscheiden.

Zum einen kommt die Kunst in den Blick als Ort der Imagination von Weltsichten, die eine religiöse Weltsicht korrigieren oder ergänzen. Die „Welt im Spiegel der Kunst“ stellt nach Karl Lehmann „unser oft eindimensional fest zementiertes Weltbild immer wieder heilsam in Frage“ (S. 19).  Mann kann auch versuchen die Weltsichten der Kunst im Horizont eines „Letztbedeutsamen“ (S. 50) zu zentrieren. Es ist, so Gerhard Larcher, eine „autonome analoge Imagination“ und „indirekte Rekonfiguration“ (S. 72). Im „scheinbar gar nicht religiösen Thema können sich in der Moderne Verweiskonstellationen auf ein ganz Anderes, auf ein Unbedingtes in Spiritualität, auf Körpererfahrung, Passion und auf Eingedenken von hoher religiöser Relevanz  zeigen“ (S. 72). Analogische Verfahren sind allerdings rhetorischer Natur. Ihre Plausibilität verdanken sie keinem fundamentum in re, sondern der suggestiven Kraft der Analogie selber, etwa wenn „Andy Warhol mit seinem „griechisch-katholischen Hintergrund (il cenacolo)“ mit „Bill Viola (The greeting), James Turell u. a.“ eine „authentische Offenheit und Interesse am malerischen Bildarchiv der großen christlichen Narratio“ (S. 71) verbinden soll. 

Zum zweiten kommt die Kunst als Erfüllung einer individuellen Lebenspraxis in den Blick. „Subjektive Plausibilität“ (S. 163) fundiert nach Gerd Blum die Kunst Arnulf Rainers „in der entweder sich vollziehenden oder ausbleibenden subjektiven Berührtheit des Betrachters durch das Bild“.  Mit diesem „bescheidenen“ ästhetischen Anspruch, Kontakt satt Analogie, verzichtet die Kunst Rainers auf jegliche „theologische ... Letztbegründung“ (S. 162). Wenn Bildordnung nicht mehr in Weltordnung fundiert ist, bleibt auf der Ebene subjektiver Erfahrung trotzdem noch einiges offen. Der Zusammenhang von Kunst und Religion entwickelt sich daher nach Erich Franz, wenn ein Kunstwerk mein Sehen affiziert und zugleich im Werk „mein Sehen in Widerspruch mit sich selbst gerät“ (S. 45). Dann kann sich die Wahrnehmung in einer religiösen Erfahrung mit ästhetischer Erfahrung vollenden. Die durch die Kunst angestoßene Bewegung führt über Berührung und Bruch im (ästhetischen) Sehen zum innerlich beteiligten (religiösen) Schauen. Oder, so die These von Klaus Müller, die Kunst treibt über den „Bereich des überschaubar Gewohnten“ (S. 148) hinaus  und es kommt „durch ein Ineinandergreifen von Askese und Verwundung ... zu jener ästhetische Intensität, die aus sich [!] an das Religiöse gemahnt“ (S. 151).

Zum dritten kommt die Kunst als Distanz zu sinnstiftenden Strategien in Blick. Richard Hoppe-Sailer entwickelt die Distanzierungsleistung der modernen Kunst an Malewitisch und Barnett Newman. Deren Werke machen es dem Betrachter unmöglich „das Bild auf etwas anderes als auf eben dieses Bild selbst zu beziehen“ (S. 191.) In dieser sinn-losen Selbstbezüglichkeit, die auf keinen externen Sinn, auch kein „Letztbedeutsames“ (Larcher) verweist und Linie als Linie, Fläche als Fläche zeigt, sind diese Werke an sich selber sinnvolle Grenzerfahrungen. Es ist eine „bildstiftende Bildbestreitung“ (S. 199), in der Arnulf Rainer ein Virtuose ist, wie ihm Reinhard Hoeps in seiner Laudatio attestiert. Rainers theologische Relevanz, so Hoeps, besteht nicht darin, dass er christliche Motive  übermalt. Das christliche „Motiv“ liegt nicht im Gegenstand, sondern in der Form seiner (autonomen) Malerei. Man kann das etwas zugespitzt so verstehen: Rainer stellt nicht die Passion Christi dar, sondern bei ihm wird die Darstellung, die Form des Bildes, selber zu Passion. Folglich sieht der Betrachter auch nicht, was er schon weiß, etwa das Kreuz Christi und sein stellvertretendes Leiden, sondern die Form der selbstbezüglichen Malerei, ihre Darstellungsweise als solche lässt ihn am eigenen Leib spüren, was es heißt zu leiden. Diese vermittelte Unmittelbarkeit der Malerei Malewitsch´, Newmans und Rainers ist eine Art von ästhetischer Meditation, „das Vermögen [eines Bildes] ... in eine Zwiesprache mit dem Betrachter zu treten“ (S. 201), die sich der kontemplativen Dimension des christlichen Glaubens nähert.

Einen eigenen Verifikationshorizont bieten die drei kunst- bzw. religionsdidaktischen Beiträge. In der Arbeit mit Schülern und Erwachsenen werden die Theorieansätze des Bandes einem Härtetest unterzogen. Sie kommen dabei an ihre Grenzen (vgl. S. 86),  teilweise scheitern sie (vgl. S. 122), werden aber auch konkretisiert: „Damit das Christusbild nicht zu einem geistig-intellektuellen Prinzip verflüchtigt, bedarf es immer wieder des Fingers in der Wunde“ (S. 114).

Zwei weiterführende Fragen möchte ich anschließen. Dem Anlass und dem Charakter der Vortragsreihe geschuldet ist die offene Systematik. Wie aber wären denn die verschiedenen Perspektiven zu vermitteln? Handelt es sich, so meine Vermutung, um sich wechselseitig ergänzende Korrekturen von unvermeidbaren Einseitigkeiten? Ist z.B. die Reduktion auf subjektive Plausibilität bei Blum ein Korrektiv des analogischen Überschwangs und umkehrt Larchers Beziehungsreichtum eine Ergänzung der begrifflich klaren, aber auch kargen Kontemplation, die moderne Kunst bei Hoppe-Sailer und Hoeps leistet? Und wie verhält sich die spezielle Bildtheologie zur Religionsästhetik insgesamt, die alle, auch Wort-, Ton-, Bau- und Bewegungskünste umfasst? Schließlich bleibt die Frage, ob die Auseinandersetzung mit der autonome Gegenwartskunst Theologie und Kirche, katholische wie evangelische, unverändert lässt. Karl Lehmann rechnet zu Recht mit „Risiken und Nebenwirkungen“ (S. 27). Eine Nebenwirkung könnte die Anerkennung einer Pluralität autonomer Sinndimensionen sein, auch eine Pluralität der Theologie (und Kirchen), denn man kann nicht die Autonomie der Kunst betonen und an einem, alles umfassenden theologischen Letzthorizont festhalten. Insgesamt ist dieser Band nicht nur für Freunde von Arnulf Rainer anregend und lesenswert. Er zeigt das hohe Niveau, auf dem die katholische Theologie, begrifflich, geschichtlich und didaktisch der zeitgenössischen visuellen Kunst begegnet und wie viel an schöpferischen Impulsen sie für ihre eigenen Themen aus dieser Auseinandersetzung gewinnt.

 



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