Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Rudolf Stegers, Entwurfsatlas Sakralbau
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Rudolf Stegers, Entwurfsatlas Sakralbau
vorgestellt von Thomas Erne, Marburg

Rudolf Stegers, Entwurfsatlas Sakralbau, 248 Seiten, 80 Farbabbildungen, 420 s/w-Abbildungen, 500 Zeichnungen, Birkhäuser Verlag Basel, 2008. 89.90 €; 145 CHF ISBN-13: 978-3-7643-6684-1

Atlanten des Kirchbaus aus der Feder von Architekturkritikern, die uns von fremden Ländern und Menschen und ihrem Reichtum an religiösen Gebäuden berichten, bilden inzwischen ein Periodikum eigener Art. 2000 erschien Jean Wolfgang Stocks Band zum modernen Kirchenbau in Europa. 2004 erweiterte Phyllis Richardson den Gegenstandsbereich um Synagogen, Moscheen und Tempel. 2008 setzt Rudolf Stegers Entwurfsatlas Sakralbauten die Reihe Länder und Religionen übergreifender Darstellungen religiöser Architektur fort. 2012 dürfen wir vermutlich einen Weltatlas erwarten, der uns dann die buddhistische und hinduistische Sakralarchitektur der Gegenwart erschließen wird.

Stegers Entwurfsatlas, Titel ist Programm, verbindet im Textteil historische Darstellungen zu Kirche, Synagoge und Moschee mit Fachbeiträgen zur Entwurfspraxis religiöser Gebäude. Der Bildteil zeigt 69 religiöse Bauten ab 1970, davon fünf Synagogen und acht Moscheen. Jedes Bauwerk ist mit einem anregenden Text, Lageplan, Grundriss und ausgezeichneten Fotos versehen. Eine Bibliographie zu den behandelten Architekten, ein Orts- und Namensregister komplettiert den sorgfältig edierten Band.

Die Auswahl an christlichen Kirchen gliedert sich nach Achsen- und Zentrumskirchen. Auch Stegers historischer Abriss folgt diesem äußerlichen Schema, als sei die Geschichte des Kirchbaus primär ein Drama zwischen radialer oder axialer Bauweise (vgl. 15; 21). Dagegen leuchtet die Behandlung von Krematorien und Aussegnungshallen als eigenständiger Typus religiöser Architektur ein. Kirchen sind funktional einfach und atmosphärisch anspruchsvoll, Krematorien sind anspruchsvoll in beidem und verlangen eine eigenständige Synthese von symbolischer Form und technischer Funktion.

Für die Auswahl der Gebäude war maßgeblich, dass „jedes auf seine Weise ein Vorbild“(9) ist. Man würde nur gerne wissen, worin die Kriterien der Vorbildlichkeit bestanden. Fragt man sich, was einen Kirchenraum zu einem Raum der Kirche macht (vgl.33), in der Tat eine der systematischen Grundfragen einer Theologie des Kirchenbaus, ist eine mögliche Antwort seine Akustik, eine andere sein Licht. Die baukonstruktiven Beiträge zu Akustik von Dorothea Baumann und Christina Niederstätter und zum Licht von Eva-Maria Kreuz sind die Entdeckungen in diesem Band. Besonders das Kapitel zur Akustik bearbeitet ein vernachlässigtes Thema der religiösen Architektur. Akustik ist nicht nur Hörbarkeit des Wortes. Der Eindruck des Raumes, Größe, Weite oder intime Intensität wird durch seine Akustik geformt.

Roman Hollenstein entfaltet kenntnisreich den Typus der modernen Synagoge. Unscharf wirken seine Ausführungen zur Theorie der Synagoge. Dass in den USA der Synagogenbau „weitgehend ohne eine Theorie des jüdischen Sakralbaus“(44) auskommt, kann auch theologische Gründe haben. Das alte Testament legt ein sakrales Verständnis der Synagoge nicht unbedingt nahe.

Negar Hakim beschreibt die Entwicklung zum modernen Moscheebau und dessen Grundproblem, die Vermittlung von regionaler Tradition und innovativer Formensprache. Analytisch schärfer müsste man die religionspolitische Konfliktlage fassen (vgl. 53), die in Europa mit dem Neubau von Moscheen verbunden ist.

Spätestens bei der Lektüre des Beitrages von Rudolf Stegers zum Kirchenbau fragt man sich, warum der Verlag die systematischen Ausführungen zu religiösen Bauten nicht einem Theologen oder Religionswissenschaftler anvertraut hat. Das beginnt beim Begriff des Sakralbaus. Mag sein, dass kein Lektor dem Titel „Entwurfsatlas Gottesdienstgebäude“ eine Chance gibt (vgl. 9). Aber Moscheen, Synagogen, auch evangelische Kirchen sind keine Sakralbauten, auch wenn das besser klingt. Zutreffend wäre der Titel für orthodoxe Kirchen. Die kommen in dem Band aber überhaupt nicht vor. Man stößt in dem Kirchbaukapitel auf Wissenswertes, die Entwicklung des Kirchbaus im sozialistischen Europa (vgl. 25) oder der Hinweis auf den Beitrag der Gegenwartskunst zum modernen Kirchbau (vgl. 33-35). Aber die theoretische Rahmung ist wenig belastbar. Nur eine Tiefenbohrung als Beleg. Der Begriff der „Kunstreligion“ stammt zwar von Friedrich Schleiermacher. Das Phänomen einer Verschmelzung von Kunst und Religion, das er mit diesem Begriff bezeichnet, sah er aber äußerst kritisch. Wie kann dann Schleiermacher mit Otto und Eliade zur „Verblendung von [kunstreligiösen] Schöngeistern“ (32) gezählt werden, gegen die Stegers meint eine strikte Trennung von „religiöser und ästhetischer Erfahrung“ geltend machen zu müssen?

Gleichwohl ist es ein Vergnügen in diesem Band zu blättern. Er liegt gut in der Hand, ist gut lesbar, ausgezeichnet gestaltet, bietet Entdeckungen bei fremden Ländern und Menschen - mein Favorit ist die Kapelle der Dornenkorne von Fay Jones, USA (80f.) – und gibt einen guten Überblick über den gegenwärtigen Stand der religiösen Architektur in den drei abrahamitischen Weltreligionen.

 



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