Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Siehe! Zeitgenössische Kunst in evangelischen Kirchen
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Siehe! Zeitgenössische Kunst in evangelischen Kirchen
vorgestellt von Sarah Pfingsten

In diesem Materialheft und Handbuch werden auf vielfältige Weise Arbeiten aus der christlichen Kunstwelt vorgestellt. Das Buch ist ein Nachschlagewerk für verschiedene Kommunikationen zwischen Künstlern, Theologen und Kirchen. Menschen, die in ihrem Alltag mit der Herausforderung Kunst in Kirchen zu integrieren konfrontiert werden, berichten von Erfahrungen und beschreiben einzelne Kunstwerke, sowie Hintergründe zur Entstehung der Situationen. Der Herausgeber Markus Zink konnte ein Autorenfeld zusammenstellen, das sich durch kunstinteressierte Theologen und theologieinteressierte Kunstwissenschaftler auszeichnet.

Entsprechend den traditionellen Gattungen wurde das Buch unter Einbezug zeitgenössischer Veränderungen und Erweiterungen gegliedert. Beginnend mit (I.), Skulptur, Plastik, Installation (II.) und Vasa Sacra (III.) geht es weiter mit Glas (IV.), Textilkunst (V.) und Raum für Abschied (VI.). Jedem Kapitel wird eine Einführung in die Gattung selbst vorangestellt, sowie eine kurze Beschreibung der Kunstwerke und Hintergründe, um den Leser in die Thematik. Zum Abschluss des Buches finden wir eine Zusammenstellung verschiedener Positionen evangelischer Kunstarbeit, von den Autoren Julia Helmke, Bettina Seyderhelm und Reinhard Lambert Auer vorgestellt.

In pragmatisch großem Schriftbild und dem Layout untergeordneten Bildern eröffnen sich dem Leser verschiedene Arbeiten, die in ihrer Zusammenstellung als Katalog betrachtet werden können. Zeitgenössische Kunstwerke schaffen ihren eigenen Bedeutungszusammenhang unter dem sie betrachtet werden müssen.[1] Es geht weniger um einen religiösen Gehalt in künstlerischen Arbeiten, sondern um Kunst, die im Kirchenraum selbst zum Ausdruck kommt. Die Wirkung der Arbeiten steht nicht mehr für sich, sondern wird durch die Umgebung beeinflusst. Die Werke entfalten ihre Wirkung in Kirchenräumen und treten dabei in Bezug zur Architektur. Es entsteht eine Kommunikation mit dem Raum, als auch mit dem Betrachter. Die Arbeiten werden in einen bereits bestehenden und symbolisch aufgeladenen Kontext integriert, der somit einer stärkeren Spannung unterliegt, als es beim herkömmlichen Ausstellungsraum der Fall ist, in diesem Zusammenhang kann nicht von einer freien Kunst gesprochen werden. Des Weiteren stellt ein solch vielschichtiger Kontext eine andere Herausforderung an die sinnliche Wahrnehmung des Betrachters. Dieser wird nicht nur einer Atmosphäre architektonischer Elemente ausgesetzt, sondern mit Kunstwerken konfrontiert, die eine Wirkung erzeugen, welche sich aus der Zusammenstellung einzelner Raumkomponenten ergibt.

Im Zusammenhang mit Kunst in evangelischen Kirchen fällt auf, dass oft elementare Materialien, wie Holz, Glas und Stein verwendet werden und weniger auf digitale Medien oder Installationen zurückgegriffen wird. Die Arbeiten sind auf eine unmittelbare Wirkung in einem bereits konstruierten Kontext ausgerichtet.

Diese Gegebenheit wird von Reinhard Lambert Auer mit dem „Prinzip der Einfachheit“[2] benannt und kann den geistigen und emotionalen Wert von Kirchenräumen steigern. Künstlerische Arbeiten können eine Beschreibung eines Phänomens der Welt der Erscheinungen darstellen, sowie im religiösen Zusammenhang das Betreten der Schwelle zwischen profanem und sakralem Bereich unterstützen. Ein Beispiel einer solchen Assoziationsmöglichkeit bietet die Skulptur von Thomas Leu, das Großkreuz in der Stiftskirche in St. Servatius in Quedlinburg aus dem Jahr 2006. Die Konturen eines Kreuzes werden durch quadratische Aluminiumbahnen umrissen, aus denen eine leicht verdrehte Skulptur entsteht, welche das Licht des Raumes in sich aufnimmt, durch die vergoldete Innenseite verstärkt und wieder in den Raum abgibt. In dieser Arbeit ist eine Versinnbildlichung des Schwebens und der Schwelle zugleich zu sehen. Der symbolisierte Gekreuzigte befindet sich noch zwischen Himmel und Erde.

An diesem Beispiel wird sichtbar, dass die Kommunikation über Zeichen bei der Auseinandersetzung mit Kunst im Vordergrund steht. Die Symbole werden über Abstraktion zu Illusion und Fiktion. In diesem Prozess kann eine Verbindung zwischen Altem und Neuem stattfinden, wie es an der Skulptur Thomas Leus zu erkennen ist. Es vermittelt des Weiteren dem Betrachter ein funktionierendes Zusammenspiel zwischen historischen und aktuellen Formen, so dass ihm der Zugang zum Werk ermöglicht wird. So hatte ich spontan die Assoziation eines laufenden Menschen, der die Arme angewinkelt hält und dabei die Ellenbogen nach außen wendet, damit er nicht aufgehalten wird.

Kirchengebäude sind historische Konglomerate unterschiedlicher Zusammen-setzung, deren Formen im Laufe der Zeit den Bedürfnissen der Menschen und Gemeinden angepasst wurden. Eine ähnliche Art des Umgangs mit Formen wird nun in der Gegenwartskunst fortgesetzt und auf einer neuen Ebene abstrahiert; Geistiges wird betont dargestellt. Der Kontext, in den die Materialien nach der Ausarbeitung des Künstlers gesetzt werden, erzeugt eine bestimmte Atmosphäre. Hat der Künstler nur bedingt auf die Ortswahl Einfluss, so ist es dem Wert der Arbeit abträglich, da nicht alle Einflüsse in die Ausarbeitung einbezogen werden können. Konzentration im Ausdruck führt zu Vehemenz und Souveränität im Ergebnis.

Des Weiteren ist mir die Arbeit von Stefan Petryga aufgefallen (2003). Hier wird der Betrachter zunächst einem Bezug zwischen den Materialien Glas und Holz gewahr. Konsequent und klar strukturiert werden die neuen Formen in den Kirchenraum integriert. In die verschiedenen hölzernen, rechteckigen Prinzipalstücke wurden Glasbahnen und –elemente integriert. Diese fügen sich geschickt in den Raumkontext ein, sodass eine gewisse Distanz in die Atmosphäre mit einfließt, ohne der Arbeit in seiner Wirkung abträglich zu sein, da eine Selbstständigkeit des Materials bewahrt bleibt. Diese Arbeit sehe ich an der Grenze zwischen Kunst und Design, da die Komposition des Materials in seinen eigenen Bahnen bleibt und nicht in Bezug zueinander tritt. Sie berühren sich nicht, sondern existieren nebeneinander. Die Betonung liegt nicht nur auf einem funktionierenden Gesamtkonzept, sondern auch auf eindringlicher Harmonie.

An dieser Stelle wäre es interessant etwas über die Arbeitsweise des Künstlers zu erfahren. Die Entwicklung von der Idee zur Ausführung, schließlich zum Kunstwerk. Künstler gehen selten von Abstraktem aus, sondern beschäftigen sich vielmehr mit Alltäglichkeiten und der Ausarbeitung von Erfahrungen. Der Prozess der Abstraktion beruht auf konkreten Erlebnissen. Bei manchen Künstlern kommen das Begreifen aktueller Entwicklungen und das Erfassen des so genannten Zeitgeistes hinzu. Hierin liegt ein weiterer Unterschied zum Design, welches sich auf das Aufspüren von Trends konzentriert und die strikte Vermarktung der Objekte. Die Frage, was Kunst eigentlich ist und was gute Arbeiten ausmacht, wann, wie und weshalb sie funktionieren, beschäftigt Künstler und Kunstwissenschaftler dagegen ständig.

Und so darf auch der Einfluss der Umgebung der Arbeiten nicht unterschätzt werden. Die Eigendynamik der Kunstwerke wird durch den Raum beeinflusst und erzeugt einen Dialog zwischen dem Material und dem Geist. Etwas Unbestimmtes bleibt im Umgang mit Kunst bestehen und kennzeichnet einen Moment der Spannung

So können wir an dem von Holger Walter 2003 geschaffenen sensiblen Steinklotz, ein Spiel zwischen Material und Funktionalität des Kunstwerks erkennen, welches auf seine Eigenständigkeit verweist. Der Kontext scheint nicht notwendig, jedoch kann sich eine Arbeit nicht davor verschließen. Ein bis auf die Eckpfeiler ausgehöhlter, rechteckiger Sandstein, dessen Außenseiten ein unruhiges, plastisches, an Wellen erinnerndes Muster aufzeigen, tritt durch Form, Farbe und Beschaffenheit in den historischen Raumkontext ein. Als einen Teilaspekt seiner Wirkung kann man eine „Durchlichtung und Entmaterialisierung“[3] betrachten, so ist aber im Umgang mit dem Material vielmehr eine Verstärkung der Natürlichkeit hervorgetreten, die durch Spuren aus dem Arbeitsprozess unterstützt wird. Die aus dem Steinklotz herausgenommene Masse erzeugt einen neuen Raum und die in diesem Raum entstandenen Schatten wurden vom Künstler in die Komposition mit einbezogen.

Ein Kunstwerk kann eine Verbindung von sakralem und profanem Raum herstellen und die Schwelle zwischen sakralem und profanem Raum aufzeigen, was als eine Aufgabe der Kunst im Kontext der Theologie betrachtet werden kann. Dieses Konzept ist in einer weiteren Arbeit zu sehen, einem Projekt von Meide Büdel. Hier wurde der Altar, als leicht gebogene Stahlplatte in den Raum gehängt, so dass ein Eindruck des Schwebens entsteht und zugleich ein Bereich des Raumes in den Vordergrund gestellt wurde, der ansonsten nur selten vom Betrachter als tatsächlicher Raum wahrgenommen wird. Die Betonung dieses Bereiches unterstützt die Erweiterung des Sichtfeldes der Betrachter, sofern es mit dem Raum korrespondiert.

Auch vom Herausgeber Markus Zink wird zu Beginn des 2. Kapitels (Skulptur, Plastik, Installation) die Diskussion des Übergangs von Kunst und Design aufgegriffen. Kunst kann provozieren und zum Nachdenken bewegen, während Dekoration das alltägliche Umfeld zu einem gemütlichen macht. Die Entscheidung der Integration eines Kunstwerks oder eines Designobjekts in den Kirchenraum ist sehr wichtig. Durch den Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich der Kunstbegriff dahingehend verändert, dass Kunst heute nicht mehr reines Handwerk ist, sondern von der Idee ausgehend das Handwerk vielmehr auf geistiger Ebene stattfindet. Wenn Arbeiten in bestehende Szenerien integriert werden, wie es besonders bei der Textilkunst im christlichen Rahmen der Fall ist, steht die Wirkung eines reinen Kunstwerks in Frage. Es ist in diesem Kontext keine freie Kunst mehr.In diesem Buch sind einige gute Arbeiten enthalten, wie an meinen bisherigen Ausführungen zu sehen ist. Dennoch weist das Werk, sofern es als Handbuch gedacht ist, Mängel auf. Die Gliederung hätte sich ebenso gut auf die Orte, an denen sich die Werke befinden, beziehen können, als auf eine alphabetische Reihenfolge, denn dann könnte sich der Leser einfacher zu Recht finden. Zumal die Nachteile der Gliederung vom Herausgeber bereits in der Einleitung benannt werden. Ist man des Weiteren auf der Suche nach einem Text eines bestimmten Autors, so kann man einige Zeit auf die Suche verwenden, da im Autorenverzeichnis keine Seitenzahlen angegeben wurden. Aber insofern das Buch den Anspruch erhebt ein Katalog zu sein, sollte es weniger, bzw. kleiner dargestellten Text enthalten und den Bildern größere Aufmerksamkeit widmen. Da es sich um Kunstwerke handelt, die nicht ohne ihre Umgebung beurteilt werden können, sollte es auch immer eine Abbildung geben, welche die Position des Werkes im gesamten Raum aufzeigt. Um das Buch als eine Unterstützung für Gemeindepfarrer zu benutzen, sollte es genauere Vorgaben für die Texte zu den Arbeiten geben. Manche Autoren beschreiben den Entstehungsprozess – wie es zur Verwirklichung der Arbeiten gekommen ist, während sich andere auf eine Beschreibung des Werkes konzentrieren. Die Verwendung des Buches sollte klarer definiert werden, um dementsprechend die gestalterischen Mittel anzuwenden. Zu deren Unterstützung kann durchaus auf Produkte aus dem kunstwissenschaftlichen Kontext zurückgegriffen werden.

 

Sarah Pfingsten

 

 


[1] Heinrich Klotz, Kunst im 20. Jahrhundert, S. 17, München, 1994; Michael Lingner, Längst gewusst – nie getan, 2003.

 

[2] Reinhard Lambert Auer, Siehe!, S. 262.

 

[3] Reinhard Lambert Auer, Siehe!, S. 75.

 



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