Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Stellungnahmen und Empfehlungen des Präsidiums
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Stellungnahmen und Empfehlungen des Präsidiums

 

Text des Kuratorium des Instituts

Der Evangelische Kirchenraum
(Wolfenbütteler Empfehlungen an die Gemeinden, 1991)

Texte der Akademietagung;
Kirche(n) bauen. Aussichten des evangelischen Kirchenbaus

Memorandum zum Verhältnis der Kirche zur bildenden Kunst der Gegenwart

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat 1993 das beigefügte Memorandum zustimmend zur Kenntnis genommen und gibt diesen Impuls aus dem Kuratorium des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an die Gliedkirchen weiter. Er bittet diese, nach Maßgabe der eigenen Verhältnisse und Möglichkeiten der Förderung bildender Kunst der Gegenwart in der Kirche weiter und verstärkt Beachtung zu schenken.

Vorgelegt vom Kuratorium des EKD-Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart

Stärker als vor einigen Jahren ist die bildende Kunst in das Blickfeld des zeitgenössischen Bewusstseins gerückt. Großausstellungen wie die documenta in Kassel melden Rekordbeteiligungen. Insbesondere die zahlreichen Museumsbauten der achtziger und neunziger Jahre in Westdeutschland erfreuen sich eines regen Publikumsverkehrs.

Der Grund für das wachsende Interesse an der Kunst der Gegenwart liegt u.a. darin, dass man in den Kunstwerken einem unverbrauchten Angebot hinsichtlich der Fragen nach Sinn, Symbol, Mythos, Lebens- und Weltdeutung zu begegnen hofft. In Kreisen einer neuen Bildungsschicht wird der Umgang mit Kunst bereits zu einer Art Ersatzreligion, zumal die Kunstpräsentation, die Überhöhung von Künstlern und Ausstellungsmachern mitunter quasireligiöse Formen annehmen.

Trotz mancher auffälliger Erscheinungsformen innerhalb der Kunstszene ist daran festzuhalten, dass man über die bildende Kunst auf einzigartige Weise mit den Hoffnungen und Ängsten, Sehnsüchten und Abgründen der existentiellen Lebenssituation konfrontiert wird. Wandlungen im Selbst- und Weltverständnis werden von den Künstlern meist früher wahrgenommen als von den übrigen Zeitgenossen. Über die Kunstwerke und die Künstler wird das Kreative geweckt, so dass der Umgang mit Kunst das Handeln von Einzelnen und Gruppen phantasievoller, offener und wahrhaft schöpferisch werden lässt.

Über viele Jahrhunderte hatten Kunstwerke der jeweiligen Zeit in Kirchen einen festen Platz. Diese Werke zu bewahren, zu pflegen und zu nutzen, ist eine bleibende dringliche Aufgabe. Aber auch heute gilt es, trotz mancher Schwierigkeiten - an die Tradition früherer Generationen anknüpfend - die Kunst der Gegenwart in den Kirchenräumen zur Geltung zu bringen. Dies war früher einfacher, weil das Christliche die gemeinsame gesellschaftliche Klammer war, heutzutage aber aufgrund der Ausdifferenzierung der Gesellschaft Kirche und Kunst als voneinander getrennte, eigenständige Bereiche empfunden werden.

Wenn für einen kirchlichen Raum ein zeitgenössisches Kunstwerk ausgewählt wird, wird häufig dem schwächeren, anspruchslosen Werk der Vorzug gegeben. Oft wird künstlerischer Arbeit eine nur dekorative und illustrative Rolle zugewiesen, so dass Maßstäbe des Gefälligen und des leicht Verständlichen in der Bewertung dominieren. Bildende Kunst von Rang ist jedoch weniger schmückendes Beiwerk, als vielmehr seismographischer Hinweis auf Aspekte der Gegenwart. Solche authentische Kunst regt an zu Reflexion und Interpretation, befruchtet den Dialog mit dem christlichen Glauben und eröffnet neue Wege zur Verkündigung und zur gottesdienstlichen Feier. Auf solche Weise die Kunst der Gegenwart zur Geltung zu bringen, ist weitgehend noch nicht in das Bewusstsein kirchlicher Entscheidungsträger getreten.

Andererseits darf nicht vergessen werden, dass es Einzelpersonen, Initiativgruppen, Teams und Gremien auf verschiedenen Ebenen innerhalb der Kirche gibt, die sich verstärkt um den Dialog von Kirche und Gegenwartskunst bemühen. Das geschieht über exemplarische Kunstausstellungen, die Einbeziehung von Kunstwerken in das gottesdienstliche Geschehen (z. B. Bildmeditationen, Bildpredigten, Performances), die Verwendung von Kunstwerken bei Akademietagungen und sonstigen Veranstaltungen der Erwachsenenbildung sowie im Religionsunterricht. Vereinzelt sind kirchliche Kunstinitiativen weit über die Region hinaus aufgrund ihres hohen künstlerischen Standards, ihrer Originalität oder aufgrund ihrer neuartigen Erschließung theologischer Inhalte bekannt geworden.

Eine Umfrage des Kirchenamtes der EKD hinsichtlich der "Förderung bildender Kunst in den Gliedkirchen" verdeutlicht jedoch, dass es noch immer große Defizite gibt. Zwar haben 7 Landeskirchen eine Stelle oder Einrichtung, die sich - über das kirchliche Bauamt hinaus - mit der Frage der Einbeziehung von Kunstwerken in die Kirchen befasst, in 17 Landeskirchen ist dies aber nicht der Fall. Kunstdienste gibt es aufgrund einer seit 1928 durchgehaltenen Tradition in den Gliedkirchen der neuen Bundesländer und in der Nordeibischen Kirche noch immer; anderswo fehlen sie. Haushaltstitel zur Förderung bildender Kunst gibt es in 8 von 24 Landeskirchen. Kunstwettbewerbe werden nur in Ausnahmefällen durchgeführt. Sofern Gemeinden vor der Aufgabe stehen, ein Kunstwerk in den Kirchenraum aufzunehmen, bedürfen sie der Unterstützung und Beratung.

Zur Verbesserung des Verhältnisses von Gegenwartskunst und Kirche werden folgende Maßnahmen vorgeschlagen:

  1. In jeder Landeskirche sollte ein aus kompetenten Personen zusammengesetzter Kunst-Beratungsausschuss eingerichtet werden, in welchem anstehende Kunstprojekte erörtert werden. Die Beratungen beträfen Werke, die zur Entscheidung anstehen, ebenso wie die Begleitung des Planungsprozesses (beispielsweise bei der Auswahl der Künstler oder bei der Vorbereitung eines Wettbewerbs).
  2. Unabhängig von dem Ziel, Kunstwerke auf Dauer in kirchlichen Räumen zu installieren, bleibt die Aufgabe aktuell, im kirchlichen Kontext Ausstellungen durchzuführen, im Gottesdienst und bei Tagungen die Begegnung mit Künstlern und Kunstwerken zu vermitteln. Dafür ist eine Zusammenarbeit mit Künstlern, Kunstvermittlern (Museen, Kunstvereine, Galerien) und Bildungseinrichtungen (Medienzentrale, Einrichtungen der kirchlichen Erwachsenenbildung, evangelische Akademien) erforderlich. Dazu hat sich die Form eines Arbeitskreises "Kirche und Kunst" bewährt, in dem die im Bereich der Kunst engagierten Kräfte innerhalb der Landeskirche, gesammelt werden und. ihre Arbeit bündeln.
  3. Alljährlich oder zumindest jedes zweite Jahr sollte die Landeskirche - vergleichbar dem "Aschermittwoch der Künstler" auf katholischer Seite - einen "Sonntag der Künste" veranstalten, in welchem außer einem besonders gestalteten Gottesdienst auch ein Empfang der Künstler durch Repräsentanten der Landeskirchen stattfindet.
  4. Jede Landeskirche sollte jährlich einen festen Betrag zum Ankauf von Kunstwerken, zur Durchführung von Wettbewerben oder zur speziellen Förderung eines Künstlers oder eines Ausstellungsprojektes bereitstellen.
  5. Mittelfristig wäre ein(e) Kunstbeauftragte(r) oder die Einrichtung eines Kunstdienstes wünschenswert, um auf landeskirchlicher Ebene eine Brückenfunktion zwischen Gegenwartskunst und Kirche wahrzunehmen. Dies könnte auch ein(e) Kunstpfarrer(in), ein(e) kirchlich verbundener) Kunstwissenschaftler(in) oderein(e) Kunstpädagoge(in) sein.
  6. Obgleich es erforderlich wäre, dass die zukünftigen Pfarrer(innen) und Religionslehrer(innen) bereits im Studium lernten, mit Bildern und Räumen umzugehen, ist angesichts der Diskussion um die Studienzeitverkürzung nicht damit zu rechnen, dass solche Themen in die Prüfungsordnungen zum 1. Examen neu aufgenommen werden. Allerdings sollte in der Vikarsausbildung und speziell in der Pfarrerfortbildung der Umgang des Pfarrers (der Pfarrerin) mit dem überkommenen Gebäude und der Gegenwartskunst eigens thematisiert werden.

Das Verhältnis von Kirche und Gegenwartskunst lässt sich sicher nicht auf organisatorischem Wege allein befriedigend lösen, zumal gerade hier Charismen, Talente und persönliche Motivationen ins Spiel kommen. Gleichwohl wäre die Arbeit in diesem Bereich effizienter, wenn auf landeskirchlicher Ebene entsprechende Instrumentarien, Personen und Geldmittel bereitstünden. Die Kirche wäre schlecht beraten, wenn sie die Charismen in und außerhalb der Kirche nicht nutzen würde.

Das Kuratorium des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart legt dem Rat und den Gliedkirchen der EKD dieses Memorandum vor und möchte anregen,

  • zu prüfen, was die eigene Kirche zur Förderung bildender Kunst tut und ob dies genügt,
  • nachzuahmen, was es an guten Beispielen in anderen Kirchen gibt,
  • Personen und Mittel freizustellen für einen den eigenen Verhältnissen entsprechenden Beitrag zur Förderung von Gegenwartskunst in der Kirche.

Hannover, im Februar 1993



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