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Redierunt angeli - Revision des Engelmythos?
Benjamins Interpretation des 'Angelus Novus' von Paul Klee[1]

Horst Schwebel

Aus: Bilder und ihre Macht.

Hg. von Schwebel/Mertin. Stuttgart: Kath. Bibelwerk, 1989. S. 52-6


Religion und Kunst eignet eine Ungleichzeitigkeit: während Theologen im 20. Jahrhundert bereitwillig auf bestimmte mythische Redeformen verzichteten und deren Gehalt in den Duktus zeitgenössischer Rede überführten, lässt sich gleichzeitig in der autonomen Kunst eine Renaissance mythologischer Themen konstatieren. Horst Schwebel untersucht anhand des Engel-Motivs Reaktionen von Theologen, Philosophen und Künstlern. Im Zentrum steht der 'Angelus Novus' von Paul Klee, berühmt geworden durch die Deutung, die ihm Walter Benjamin in seinen Thesen über den Begriff der Geschichte zukommen ließ. In Frage steht, wo heute die Rede von Engeln noch authentisch verwendet werden kann. Schwebel kommt in seiner Untersuchung zu dem Schluss: 'Dort, wo der rationalistische Diskurs im Ausdruck scheitert, wo er auf seine Grenzen stößt, und wo er traditionell die Lücken überspringt, sie verschweigt oder verdrängt, dort ist der legitime und notwendige Platz der Engel.' Dieser Platz ist nicht länger der - erzählte - Mythos, sondern die moderne Kunst: 'Die Erbschaft des Mythos ist auf die Kunst übergegangen.'

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
Gershom Scholem[2]

Mit der Überschrift wird etwas behauptet, gleichzeitig wird eine Frage gestellt. Die Behauptung lautet, die Engel seien zurückgekehrt. Die Frage wäre dann, ob und wie überhaupt über Engel geredet werden kann. Wird mit der 'Rückkehr der Engel' a. der alte Mythos wiederhergestellt, also revidiert? Müsste man b. der 'Revision des Mythos' entgegentreten, weil man sie für einen verkehrten Weg hält? Oder legt sich eine andere Weise des Umgangs mit dem Mythos heutzutage nahe? - Welche Rolle spielt bei alledem die Kunst?

Von der Rückkehr der Engel

Beschäftigen wir uns zunächst mit der Behauptung von der Rückkehr der Engel ins Gegenwartsbewusstsein unserer Kultur. Dabei wird man feststellen müssen, dass nach verbreiteter Ansicht die Existenz von Engeln kein Thema einer ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchung sein kann. Eine solche Fragestellung entzieht sich den Regeln, deren wir uns bedienen, wenn wir eine Aussage als wissenschaftlich haltbar aufweisen. Die Skepsis gegenüber den Engeln reicht bezeichnenderweise bis in die Theologie, bei der man aufgrund ihres anders gearteten Zugangs zur Wirklichkeit am ehesten noch mit Engeln rechnen könnte. Aber auch hier setzt sich die erkenntnistheoretische Skepsis fort in der auf Schleiermacher sich beziehenden liberalen Theologie, in der Entmythologisierung Rudolf Bultmanns und seines Umfelds, aber auch in der Kulturtheologie Paul Tillichs[3]. Rudolf Bultmann schreibt: 'Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testamentes glauben.'[4] Das dreistöckige Weltgebäude - oben Himmel, unten die Unterwelt und dazwischen die Erde, wobei das Leben des Menschen von den Mächten aus der oberen himmlischen und aus der Unterwelt bestimmt wird - wird mythologischem Denken zugewiesen, das in neutestamentlicher Zeit zwar noch wirksam war, dem heutigen Menschen aber - nach Bultmann - nicht mehr zugemutet werden könne. Eine Entmythologisierung der neutestamentlichen Botschaft sei erforderlich, damit das Kerygma - das Verbindliche der neutestamentlichen Botschaft - nicht mit den inzwischen unakzeptabel gewordenen mythischen Vorstellungen - Himmel, Hölle, Jüngstes Gericht, Jungfrauengeburt usw. - verwechselt wird. Die Engel als Zwischenwesen, die hin und wieder in die Kausalabläufe eingreifen, fallen der Entmythologisierung zum Opfer, ein Prozeß, den Naturwissenschaften und Philosophie lange vorher vollzogen hatten.

Ist damit die Geschichte der Engel bereits zu Ende? Während aufgeklärte Weltsicht und Entmythologisierung die Engel aus ihrem Weltbild verdrängten, spielten sie in der Dichtung, im Film und vor allem in der bildenden Kunst eine nicht unbedeutende Rolle. In deutschen und französischen Kinos lief gerade der neue Film von Wim Wenders 'Der Himmel über Berlin' (Text von Peter Handke), in welchem ein Engel sich in eine französische Trapezkünstlerin verliebt und menschliche Gestalt annimmt.

Bei den Malern, die sich in diesem Jahrhundert des Engelthemas angenommen haben, wird man vor allem an Marc Chagall denken[5]. Außer den vielfältigen Formen, in denen das Reden und Handeln Gottes mit Engeln verbindlich wird, kommt bei Chagall auch der 'stürzende Engel' vor und sogar ein 'Engel des Paares'. Die Präsenz des Engels beim Liebespaar gibt der Liebesvereinigung eine transzendente Bestimmung. Chagall selbst hatte 1905 in St. Petersburg - er war so arm, dass er noch nicht einmal ein eigenes Bett hatte - eine Engelvision: 'Plötzlich öffnet sich die Zimmerdecke und ein geflügeltes Wesen schwebt hernieder mit Glanz und Gepränge und erfüllt das Zimmer mit wogendem Dunst. Es rauschen die schleifenden Flügel. Ein Engel! denke ich. Ich kann die Augen nicht öffnen, es ist zu hell, zu gleißend. Nachdem er alles durchschweift hat, steigt er empor und entschwindet durch den Spalt in der Decke, nimmt alles Licht und Himmelsblau mit sich fort.'[6] - Diese Vision, die in seinen Bildern öfter wiederkehrt, blieb für Chagall bedeutungsvoll. Für ihn waren die Engel Gewährspersonen oder besser Gewährswesen für die Vorstellung, dass die transzendente Macht, also Gott, ihn im irdischen Leben nicht im Stich lässt.

Ein Denkmodell: Der Engel der Geschichte

Walter Benjamins Deutung von Klees 'Angelus Novus'

Die Engel von Paul Klee sind den Engeln Rilkes in den Duineser Elegien geradezu entgegengesetzt. Herrscht bei Rilkes Engel das tremendum angesichts der Übermacht des Transzendenten gegenüber allem Irdischen - 'ein jeder Engel ist schrecklich' -, bevorzugt Klee bei seinen Engeln das Tragikomisch-Ironische. Hier gibt es vergessliche, unfertige, arme und zweifelnde Engel oder den Engel, der wie ein Kellner oder eine Kellnerin ein Tablett herbeibringt.

Der 'Angelus Novus' von Paul Klee, sein womöglich ernstester Engel, dessen Blick weit in andere Zeiten zu dringen scheint, veranlasste den Literaturwissenschaftler Walter Benjamin zu einer höchst privaten, eigenwilligen Engelvorstellung. Wie Walter Benjamin mit Klees 'Angelus Novus' umging, was das Bild in ihm als Betrachter auslöste, ist nicht nur ein Musterfall einer aneignenden und in der Aneignung das Werk verändernden Kunstrezeption, sondern auch einzigartig für die Aufnahme und Verarbeitung einer Engelvorstellung [7]. Gershom Scholem, dem Benjamin das Bild anvertraut und schließlich vererbt hat, hat auf drei Rezeptionsphasen bei Benjamin in Bezug auf den Kleeschen 'Angelus Novus' hingewiesen.[8]

In einer ersten Phase, im Oktober 1933 auf Ibiza, identifizierte Benjamin den 'Angelus Novus' mit dem eigenen persönlichen Engel und gab ihm den Namen 'Agesilaus Santander', ein Anagramm zu den Worten 'Angelus Satanas'. Zugrunde liegt die jüdische Lehre, jeder Mensch habe seinen eigenen persönlichen Engel, der als alter ego ihm selbst verborgen ist, gleichwohl aber an seinem Leben auf geheimnisvolle Weise Anteil nimmt. Über das Bild von Klee kommt es zur Korrespondenz mit der anderen, verborgenen Seite des eigenen Wesens.

In einer späteren Betrachtung wird der 'Angelus Novus' mit Karl Kraus identifiziert, wobei der Ausspruch von Karl Kraus in seinem Gedicht 'Der sterbende Mensch' für Benjamin zum Motto wird: 'Du bliebst am Ursprung. Ursprung ist das Ziel'[9]. Klingt hier bereits Geschichtsphilosophisches an, so wird dies die endgültige Deutung des 'Angelus Novus' bestimmen.

Der Schock durch den Hitler-Stalin-Pakt (1940) versperrte marxistisch orientierten Denkern die Möglichkeit, im Gang der Geschichte den Weg zur Vollendung des Reiches der Freiheit zu sehen. Walter Benjamin sah in der Geschichte vielmehr nur noch das Anwachsen der Zerstörung. Die Erkenntnis der Unmöglichkeit, aktuell im Rahmen des historischen Materialismus sich einen Sinn und ein Ziel der Geschichte vorstellen zu können, führt Benjamin zur Vorstellung vom 'Engel der Geschichte'[10]:

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Benjamins Deutung des Kleeschen Engels mag zunächst für einen westeuropäischen Betrachter befremdend wirken: die Vergangenheit vor Augen und die Zukunft im Rücken. Die raumzeitlichen Verhältnisse scheinen verdreht zu sein. Während wir es gewohnt sind, in die Zukunft zu schauen und die Vergangenheit im Rücken ('hinter uns') zu haben, verortet Benjamin den Angelus Novus anders. Er hat sein Antlitz der Vergangenheit zugewandt und kehrt dementsprechend der Zukunft den Rücken. Diese Vorstellung ist nicht nur, wie manche Interpreten meinen, eine Aufnahme der Schlegelschen Vorstellung vom Historiker als rückwärtsgekehrtem Propheten[11], sondern entspricht ebenso hebräischem Denken. Vor Angesicht ist dort die Vergangenheit (lefanim, lifne), sie liegt vor Augen, während die Zukunft (aharit, aheron) hinter dem Rücken liegt. Diese Vorstellung hat Benjamin aufgegriffen und in das Bild eingetragen. Ausgangspunkt Benjamins ist das Paradies in der Situation nach der Vertreibung. Vom Paradies weht ein Sturm (der Fortschritt). Er setzt die Vertreibung aus dem Paradies nach dem Sündenfall endlos fort[12]. Der gleiche Sturm treibt auch den Engel, der seine Flügel ausgespannt hat, rücklings in die Zukunft. Vor seinem Angesicht liegt die Geschichte als eine der fortgesetzten Katastrophen.

Hoffnung ist mit dieser Blickrichtung in direkter Weise nicht zu gewinnen. Sie liegt verborgen im Rücken des Engels. Aber der Blick auf die Vergangenheit ist dennoch nicht resignativ. In einem Briefwechsel mit Max Horkheimer schreibt Walter Benjamin in Bezug auf die Frage der Abgeschlossenheit der Vergangenheit: '... dass die Geschichte nicht allein eine Wissenschaft, sondern nicht minder eine Form des Eingedenken ist. Was die Wissenschaft 'festgestellt' hat, kann das Eingedenkens modifizieren. Das Eingedenken kann das Unabgeschlossene (das Glück) zu einem Abgeschlossenen und das Abgeschlossene (das Leid) zu einem Unabgeschlossenen machen. Das ist Theologie aber im Eingedenken machen wir eine Erfahrung, die uns verbietet, die Geschichte grundsätzlich atheologisch zu begreifen, so wenig wir sie in unmittelbar theologischen Begriffen zu schreiben versuchen dürfen.'[13] Dem entspricht der Schluss der Thesen über den Begriff der Geschichte. Dort heißt es: 'Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Dieses entzauberte ihnen die Zukunft, der die verfallen sind, die sich den Wahrsagern Auskunft holen. Den Juden wurde die Zukunft aber darum doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.'[14]

Ich gehe deshalb auf Benjamins spezifische Aneignung des 'Angelus Novus' ein, um zu zeigen, was eine Engelvorstellung alles zu leisten vermag. Die Überlegungen zum 'Engel der Geschichte', Anfang 1940 geschrieben, erfolgten etwa zur gleichen Zeit, als Rudolf Bultmann sein Entmythologisierungsprogramm vorlegte. Während der Theologe Rudolf Bultmann sich vom Mythos meinte befreien zu müssen, weil er gedanklich nicht mehr nachzuvollziehen sei und das 'Eigentliche' des Kerygmas verfälsche, kommt es bei Benjamin zu einer Reaktivierung eines Bildes, das über die Sichtweise des historischen Materialismus hinausführt[15]. Während also der Theologe einer Sprechweise misstraut, die das Wort 'Engel' unbefangen zur Gegenwartsdeutung anwendet, wird bei Benjamin das Bild vom 'Engel der Geschichte' zum zentralen Handlungsträger.

Hat man den Ansatz von Walter Benjamin nachvollzogen, könnte man sich vor die Alternative gestellt fühlen: Re-Vision des Mythos' oder Ent-Mythologisierung? Die Wege von Benjamin und Bultmann scheinen geradezu entgegengesetzt. Während der eine mit der Fülle ihm nicht mehr nachvollziehbar erscheinender Vorstellungsgehalte erst einmal tabula rasa macht, ist der andere darum bemüht, angesichts des Trümmerhaufens, als welchen er die Geschichte erfährt und erlebt, im Bild des 'Engels der Geschichte' Vergangenheit und Gegenwart in den Blick zu bekommen.

Revision eines Mythos'?

Während die Behauptung - 'redierunt angeli', die Engel seien zurückgekehrt - womöglich nachvollzogen werden kann, bleibt die Frage - 'Revision eines Mythos'?', das heißt, ob der Engel-Mythos wiederbelebt oder gar wiederhergestellt werden sollte - nach wie vor offen. Ist postmodernem Bewußtsein wieder möglich, an Dinge zu glauben, die das moderne Bewußtsein aufgegeben hat? Die Postmoderne kann als kritische Haltung zur Moderne in dem Sinne verstanden werden, dass es gälte, an die Zeit vor der Moderne wieder anzuknüpfen. Dem Versuch, besser der Versuchung, die Rationalität fallen zu lassen, um an einem Punkt pro ante anzuknüpfen, begegnet man zur Zeit an vielerlei Orten. Man negiert die Prozesse, die zur vermeintlich 'rationalen Kälte' geführt haben, knüpft an frühere 'bessere' Zeiten an, deren Formenarsenal dann auch - etwa in der Architektur - bereitwillig zitiert wird. Anzuerkennen ist an diesen Bemühungen bestenfalls die kritische Betrachtung der Moderne. Tatsächlich hat der Rationalismus eine Thematik wie die des Engels eher verdrängt denn bewältigt. Nicht zu folgen vermag ich einer postmodernen Haltung darin, dass auf die gesamte Moderne verzichtet werden müsse oder könne. Mit Antimodernismus, Antirationalismus und Nostalgie haben die hier vorgebrachten Überlegungen nichts zu tun. Von einem Zurück zum Mythos als Göttergeschichte und Geschichte himmlischer Wesen, die in den aktuellen Geschichtsprozess eingreifen, von einer Angelologie im klassischen Sinne kann nicht die Rede sein. Der alte Mythos ist zerstört und sollte auch nicht wiederbelebt werden. Ich will das erläutern: Für den im Mythos lebenden Menschen sind die Mythen wahr im Sinne einer historischen Wahrheit. Der im Mythos Lebende unterscheidet nicht zwischen der vorgestellten Anwesenheit eines Ahnen und der realen Anwesenheit seines eigenen Sohnes. Das Mixtum von Vorstellungen und greifbarer Realität wird noch im Sinne eines einheitlichen Sinnzusammenhangs wahrgenommen, ohne die Welt als Gegenüber, als Objekt subjektiven Denkens und Handelns, zu begreifen. Gewiss hat auch der alte Mythos Ordnung und Struktur, er ist ein System von Mächten, innerhalb dessen der dem Mythos Verbundene seinen Ort und seine Ortung findet. Aber gerade dieses System, das Natürliches und Übernatürliches wechselseitig bedingt sein lässt, ist unter dem System rationaler Weltbetrachtung nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Andererseits, problemlos lässt sich die Rede vom Engel nicht mit einem Konzept des Rationalismus verbinden. Wer innerhalb der Rationalismus-Linie übernatürliche Wesens- und Gegebenheiten einbaut, verliert die Orientierung. Zum einen begegnet er der Welt wie jeder andere, bis dann doch wieder ein irrationales Schlupfloch - Pendel, Tarotkarten oder der 'Freund Harvey' - zum Vorschein kommt. Solche kleinen Irrationalismen mögen manchmal etwas Liebenswürdiges haben geht es jedoch um ernsthaftes planerisches Handeln - etwa in der Wissenschaft und in der Politik -, wäre es verhängnisvoll, dem Mythos, der in diesem Zusammenhang zum Irrationalismus würde, Raum zu geben. Wenn einer an Engel glaubt, mag man lächeln oder schmunzeln. Glaubt jemand an den Teufel und die Macht des Bösen, identifiziert er gar andere Personen oder Personengruppen mit dem Bösen und fordert gar zum heiligen Krieg auf, so sieht die Sache schon anders aus. Die entsetzlichen dreizehn Jahre deutscher Geschichte sind mit einem Mythos gekoppelt, der das Böse lokalisierte und das Gute an das Volk und den von der Vorsehung erwählten Führer band. Es wäre vorstellbar, dass dies als surreales Theaterstück, also als Kunstwerk, zum Objekt ästhetischer Betrachtung hätte werden können. So jedoch, wo der Macht- und Todesmythos in das reale politische und gesellschaftliche Leben eingriff und mit real existierenden Menschen und Dingen operierte, wurde der Mythos zum Verhängnis. So sehr man den Kältestrom der Ratio auch beklagen mag, für die vor uns liegenden gesellschaftlichen und politischen Probleme gibt es keine andere Möglichkeit, als sich um der humanitas willen ihrer zu bedienen, so lange keine anderen und besseren Möglichkeiten der Problemlösung gefunden werden. In den Mythos zurückzufallen, wäre meines Erachtens kein Schritt nach vorne.

Bedeutet dies ein Ja zur Entmythologisierung und ein Nein zu Walter Benjamin? Das Bekenntnis zur Rationalität in den Entscheidungsprozessen muß nicht bedeuten, dass die Ratio als Instrument der Steuerung zugleich letzte Begründung des In-der-Welt-Seins sein müsste. Das Woher und Wohin der Existenz bleibt weiterhin im Dunkeln. Um dies begrifflich zu fassen, schlug Max Horkheimer vor, zwischen der 'instrumentellen Vernunft' und der 'Tiefe der Vernunft' zu unterscheiden. Obgleich man versteht, was gemeint ist, kann der Begriff der 'Tiefe der Vernunft' nicht voll befriedigen. Aber wie anders will man das Seinsgeheimnis umschreiben angesichts der Beobachtung, dass die Grundgegebenheit des In-der-Welt-Seins nicht ableitbar ist - und nur staunend (und fragend) hingenommen werden kann. Dieses 'Dunkel', die 'Tiefe der Vernunft', das 'Seinsgeheimnis' - die Worte scheinen alle nicht recht zu passen - ist der Grund für Religion, Metaphysik, Kunst und Mythos. Was uns als durch Aufklärung geprägte Menschen von den früheren unterscheidet, ist dies, dass wir den rationalen und den die Tiefe wahrnehmenden Zugang inzwischen voneinander zu trennen vermögen, während der im Mythos verwobene beide miteinander vermischt und hier eine Einheit sieht. Das bedeutet nicht, dass die Inbetriebnahme von Rationalität eo ipso zur Verflachung und zur Leugnung des 'Überschusses' führen müsste, sondern lediglich, dass man mit Hilfe der Rationalität die Grenze schärfer markieren kann.

Die Frage ist jedoch, wie über das Thema 'Engel', geredet werden kann, ohne den darin enthaltenen Überschuss zu verdrängen. Umberto Eco hat eine Analogie zwischen dem Mittelalter und unserer heutigen Zeit darin gesehen, dass 'in beiden Epochen ... die Bildungselite anhand der geschriebenen Texte mit buchgläubiger Mentalität 'räsoniert', aber dann ... die essentiellen Daten des Wissens und die Grundstrukturen der herrschenden Ideologie in Bilder 'übersetzt''[16]. In solch einer Konstruktion würde die metaphorische Redeweise vom Engel, würde die Verwendung von Engeln in Bildern und Kunstwerken zur Ideologie, zum medialen Träger einer manipulierenden Botschaft. Diese Art von Engeln begegnet uns täglich: in der Abendunterhaltung des Fernsehens, in der Werbung, im Schlager ('There is an angel, playing with my heart'). Dagegen entsprünge eine authentische Redeweise von Engeln, die angemessene Verwendung der Metapher 'Engel', eine womöglich legitime Verwendung des 'Symbols Engel' in aktuellen Kunstwerken jener 'Lücke im Text'[17] innerhalb des herrschenden Diskurses. Dort, wo der rationalistische Diskurs im Ausdruck scheitert, wo er auf seine Grenzen stößt, und wo er traditionell die Lücken überspringt, sie verschweigt oder verdrängt, dort ist der legitime und notwendige Platz der Engel. Nun aber nicht so, dass die Engel neu 'verortet' werden und in den rationalistischen Diskurs geschmeidig eingefügt werden könnten. Die 'Lücke im Text' ist - als Lücke - grundsätzlich mehrdeutig, verschieden zu füllen. Alexander Kluge hebt in diesem Kontext hervor, dass in Verdis Oper 'Aida' Radames den Todesengel nicht sieht. Es kann also Situationen geben, in denen der eine vom Engel reden kann und seine Redeweise als Ausdruck unmittelbaren Erlebens empfindet, während einem anderen in der gleiche Situation die Redeweise nicht 'einsichtig' ist.[18]

Kehren wir zurück zu Benjamins 'Engel der Geschichte'. Dieser Engel ist kein Objekt der Wahrnehmung es wird auch kein alter Engelmythos erneuert, keine Angelologie entworfen. Der Ausgangspunkt ist bezeichnenderweise ein Kunstwerk, Klees 'Angelus Novus'. Angesichts eines Bildes kommt es zu einer Identifizierung mit dem alter ego und schließlich mit der Vorstellung des auf die Geschichtstrümmer starrenden 'Engels der Geschichte'. Dass persönliche Biographie und erlebte Geschichte den Menschen in eine Grenzsituation bringt, dass er nach Transzendenz fragt, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Die Art und Weise aber, wie Benjamin mit der Frage umgeht, zeichnet ihn aus als Menschen der Moderne. Benjamin findet die Antwort eben nicht in einer vorgegebenen Religion, nicht in einem metaphysischen System, in welchem eine Antwortstruktur vorgegeben wäre (in der stoischen pronoia oder im Determinismus etwa). Abseits von jeder kollektiven Verbindlichkeit wählt er seinen eigenen subjektiven Weg.

Ich habe Benjamins Umgang mit dem Engel herausgegriffen, weil er für mich exemplarisch dafür steht, wie man als moderner Mensch mit solchen Grenz- und Randphänomenen umgehen kann, ohne den Verstand zu verlieren und ohne flach zu werden. Zum einen Rationalist, zum anderen das eigene In-der-Welt-Sein als Seinsgeheimnis bestaunend und den Grenzerfahrungen von Leid und Tod ausgesetzt, könnte man den Menschen der Moderne in der Menschheitsgeschichte als den ärmsten begreifen, weil die alten Mythen zerbrochen sind und er für seine geistigen Belange womöglich keinen Ort mehr findet. Zum anderen gibt es aber auch legitime Möglichkeiten, den Grenzfragen nachzugehen, wenn auch nicht mehr in einer kollektiv verbindlichen Form, so doch in subjektiver Ehrlichkeit gemäß den eigenen biographisch-kulturellen Voraussetzungen. Es ist dabei die Frage, ob es zufällig oder notwendig ein Kunstwerk - nämlich Klees 'Angelus Novus' - ist, anhand dessen diese Fragen erörtert werden.

Was bedeutet dies für die Frage nach den Engeln? Von Engeln zu reden, wenn man an existente Zwischenwesen im dreistöckigen Gebäude Himmel, Erde, Unterwelt denkt, wäre ganz und gar abwegig. Eine derartige Revision des Mythos wäre nicht wünschenswert. Aber es kann auch im 20. Jahrhundert von und über Engel geredet werden. Der Ort der Engel ist heutzutage allerdings nicht mehr der Mythos, sondern die Kunst. Hier, in den subjektiven Vorstellungsgebilden der Maler, Bildhauer, Filmemacher und Poeten haben die Engel ihren legitimen Ort. Hier mag auch der Betrachter ein subjektives Angebot durch Identifikation mit dem stürzenden, ihn erschreckenden, nach oben führenden Engel wahrnehmen. Paul Klees Vermenschlichung der Engel mag dabei ein Beispiel geben. So wie es sich beim Künstler um subjektive Vorstellungsgebilde handelt, handelt es sich auch beim Betrachter um subjektive Prozesse der Aneignung. Die gestaltende und verstehende Subjektivität hat den Mythos von einst abgelöst. Die Erbschaft des Mythos ist auf die Kunst übergegangen.

Anmerkungen

  1. Überarbeitete Fassung eines Vortrages anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Von Engeln und anderen himmlischen Wesen" am 26. November 1987 in der Hessischen Landesvertretung in Bonn. Für die Mithilfe bei der Überarbeitung danke ich Andreas Mertin.
  2. Gershom Scholem, Gruß vom Angelus zit. nach: Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, These IX Gesammelte Werke Bd. I/2, Frankfurt: Suhrkamp 1980. S. 691-704, hier S. 697.
  3. Anders steht es mit Karl Barth, der eine entwickelte, allerdings supranaturalistische Angelologie vorlegte. Vgl. KD III.3 sowie "Rechtfertigung und Recht".
  4. Rudolf Bultmann, Neues Testament und Mythologie in: Kerygma und Mythos I, Hg. Hans-Werner Bartsch, Hamburg 1948, S. 18.
  5. Über den "Engel bei Chagall" schrieb die Theologin Stephanie von Below in Marburg eine Magisterarbeit, wobei sie vielfältige Konstellationen aufzeigte, in denen bei Chagall Engel auftauchen.
  6. Marc Chagall, Mein Leben. Stuttgart: Verlag Gerd Hatje, 1959. S. 82.
  7. Zur Koinzidenz und Differenz der Engelinterpretation von Paul Klee und Walter Benjamin vgl. O.K. Werckmeister, "Walter Benjamin, Paul Klee und der 'Engel der Geschichte' in: ders., Versuche über Paul Klee, Frankfurt: Syndikat, 1981. S. 98-123.
  8. Vgl. zum folgenden Gershom Scholem, Walter Benjamin und sein Engel in: Zur Aktualität Walter Benjamins. Aus Anlass des 80. Geburtstags von Walter Benjamin herausgegeben von Siegfried Unseld. Frankfurt: Suhrkamp 1972, S.85 - 138.
  9. Karl Kraus, Worte in Versen I, 1916, S. 67.
  10. Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, These IX a.a.O., S. 697f.
  11. Friedrich Schlegel, Fragmente in: Athenäum. Ersten Bandes Zweytes Stück, Berlin: Vieweg 1798, S. 196: "Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet." Ein Satz, auf den Walter Benjamin in den Thesen "Über den Begriff der Geschichte" mehrfach anspielt.
  12. Vgl. Werckmeister, a.a.O., S. 110.
  13. Walter Benjamin, Passagenwerk, Konvolut N 8,1 Gesammelte Schriften V/1, S. 588f.
  14. Vgl. Walter Benjamin, Anhang zu den Thesen "Über den Begriff der Geschichte", Fragment A, a.a.O., S. 704.
  15. Vgl. dazu die These I aus "Über den Begriff der Geschichte". Dort heißt es: "Zu dieser Apparatur (sc. dem automatischen Schachspieler) kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man 'historischen Materialismus' nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen." A.a.O., S. 691.
  16. Umberto Eco, "Auf dem Wege zu einem Neuen Mittelalter" in: ders., Über Gott und die Welt, München: Hanser, 198., S. 7-33, hier S. 29
  17. Von der "Lücke im Text" schreibt Alexander Kluge in seinen Ausführungen zum Todesengel in Verdis Oper "Aida". Vgl. Alexander Kluge, "Antwort auf zwei Opernzitate" in: ders., Theodor Fontane, Heinrich von Kleist und Anna Wilde. Zur Grammatik der Zeit. Berlin: Wagenbach, 1987, S. 19-34, hier S. 22.
  18. Es gibt natürlich auch Situationen, in denen von Engeln zu reden, schlicht zynisch wäre. Vgl. Alexander Kluge, "Antwort auf zwei Opernzitate", a.a.O., S. 24.



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