Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: "Wer Augen hat, der höre"
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"Wer Augen hat, der höre"
Thesen zur Bildpredigt

Horst Schwebel

Thesen zur Bildpredigt

Aus: Mit Bildern predigen. Hg. v. Heinz-Ulrich Schmidt und Horst Schwebel. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 1989. S. 93-95.


  1. Die Bildpredigt ist ein Teil innerhalb des Netzwerks "Kommunikation des Evangeliums". Man sollte sie nicht über-, aber auch nicht unterschätzen. Wäre sie die einzige Weise, wie das Evangelium angesagt, ausgesagt und vermittelt wird, wäre sie unzureichend. Verstehen wir hingegen "Kommunikation des Evangeliums" als Netzwerk unterschiedlicher medialer Vermittlungen, dann ist die Bildpredigt eine unter mehreren.

  2. Die Bildpredigt ist keine direkte Form einer "Veranschaulichung des Evangeliums". Des späten Luthers Wunsch, die Reichen sollten die biblische Geschichte an die Wände ihrer Häuser malen, damit das Evangelium jedermann zugänglich sei und keiner sagen könne, er hätte davon nichts gewusst, verfolgt eine andere Tendenz als die Bildpredigt. Luther denkt auf der Grundlage der biblia-pauperum-Vorstellung, das Bild diene dazu, dass die des Lesens Unkundigen etwas über das Evangelium erfahren. Die Gegenwartskunst lässt sich aber nicht als ancilla theologiae verstehen. Sie ist autonom und macht es erforderlich, sich mit ihrer Autonomie auseinander zusetzen.

  3. Zur Bildpredigt gehört das autonome Bild und der biblische Text. Es handelt sich um eine Ellipse mit zwei Brennpunkten. Fehlt der biblische Text als exemplarische Verdichtung des Evangeliums, wäre es keine evangelische Predigt. Wird die Autonomie nicht ernst genommen, würde das Bild bloß instrumentalisiert. Als autonomes Bild steht das Bild als Modell für "unverkürzte Erfahrung", die mit dem Text in Beziehung zu bringen ist.

  4. Die Autonomie des Bildes macht es erforderlich, dass beim Weg zur Predigt die "Bildexegese" ein eigenständiger Handlungsschritt ist. Ähnlich wie der Prediger sich den Text erschließt (wozu er während seines Studiums Sprachen und Fertigkeiten erworben hat), sollte er auch das Bild erschließen lernen, um es in die Predigtmeditation, die Ausformulierung und die Präsentation der Predigt hineinzubringen. Das Bild ist für ihn - ähnlich wie der Bibeltext - Quelle, allerdings Quelle für Erfahrung, nicht Quelle für das Evangelium.

  5. Bei der Art, wie historische Bildwerke mit christlichen Themen umgehen, kann von einer Autonomie der Kunst noch nicht die Rede sein. Trotzdem ist es auch in solchen Fällen erforderlich, sich das Bild unabhängig vom Text - als wäre es ein autonomes Bild - anzueignen. Die Kunstwerke der Vergangenheit haben sich oft an die Stelle des Evangeliums gesetzt und statt des Evangeliums etwas anderes an- und ausgesagt (beispielsweise die Gerichtsdarstellungen in den romanischen Tympanen und über den gotischen Portalen!). Umgang mit christlicher Kunst der Vergangenheit könnte also dazu führen - und das ist einige Jahrhunderte der Fall gewesen - Bild und Evangelium zu verwechseln. Diese Gefahr ist bei der Gegenwartskunst nicht gegeben.

  6. Das vorgestellte Bild verhält sich zum Wort Gottes wie ein asymmetrisches Gleichnis. Man wird einiges davon aufgreifen können, anderes wird sich dem verweigern. Die Verbindung erfolgt selten direkt. Aufgrund dieser Differenz besteht jedoch die Chance, Vertrautes neu zu sagen, da es mit einer anders strukturierten und präsentierten Erfahrung konfrontiert wird.

  7. Wer Bildpredigten hält, muß wissen, dass sich das Bild stärker einprägt als das Gesprochene. (Bei Tisch erinnert sich der Gottesdienstbesucher womöglich nur noch an das Bild, das er allerdings mit den vom Prediger vermittelten Inhalten verbindet). Das spricht für einen sparsamen Gebrauch. Die Auswahl der Bilder muß sehr gründlich erfolgen. Spricht man auch in der homiletischen Literatur von einer zum Teil unabhängigen Rezeption seitens des Predigthörers, so ist beim Bild ein noch größerer Spielraum in der Rezeption seitens des Hörers/Betrachters anzunehmen.

  8. Hatten die byzantinischen und die reformatorischen Bilderfeinde die Bilder abgelehnt, weil sie eine Vergegenständlichung Gottes, Christi, Marias und damit eine Verdinglichung des Heils (Karlstadt: Die Bilder sind ein Raub an Gottes Ehre) befürchteten, so führt die Wirkungsweise moderner, autonomer Bilder eher in die entgegengesetzte Richtung. Niemand würde in solchen Bildern Gott oder Christus vergegenständlicht sehen, sie in einem solchen Bild anwesend wissen oder gar anbeten. Eher besteht die Gefahr einer gewissen Metaphorisierung des Evangeliums. Andererseits verletzt manche direkte wortwörtliche Aussage, sprachliche Instrumentalisierung und mancher (politische) Appell die Unverfügbarkeit Gottes. Das Bild bewahrt das Evangeliumswort vor Wortwörtlichkeit, Sprachfunktionalisierung, Ideologisierung und Spiritualisierung.

  9. Kirche des Wortes sein bedeutet, dass das Evangelium in allen Äußerungsformen zur Sprache kommt. Es kann nicht bedeuten, dass dies einzig im Medium des gepredigten Wortes geschieht. Wort Gottes als Grund und Inhalt des Glaubens an Christus und das Wort als Vermittlungsmedium sind deutlich zu unterscheiden. Wer dies unterlässt, grenzt das Wort Gottes intellektualistisch ein und entsinnlicht die Kommunikation des Evangeliums. Abgesehen vom Verlust des Sakramentalen (welche Rolle spielt dann noch das Abendmahl?) würde der Bereich der Sinne aus dem Netzwerk der Kommunikation des Evangeliums grundlos ausgeklammert.

  10. Es gibt nicht die Bildpredigt als festgelegten Predigttyp. Vielfache Möglichkeiten, das Bild in Predigt, Gottesdienst und Meditation einzubringen, sind denkbar. Wer eine Bildpredigt hält, kann nicht auf bereits bewährte Predigtmuster zurückgreifen. Der experimentelle Charakter der Bildpredigt sollte für den kreativen Prediger Anlass sein, sich emotional und intellektuell auf einen schöpferischen Prozeß einzulassen. Unabhängig von der Arbeit an der jeweiligen Bildpredigt wird er dabei aufgrund des zweiten Mediums seine eigene Sprachkompetenz - auch für weitere Predigten und sonstige Anlässe - erweitern.

  11. Gewöhnlich bedient sich der Prediger bei Bildpredigten indirekter Vermittlungsträger: Folien, Dias, Bildkarten, Poster usw. Längerfristig sollte er erwägen, auch einmal ein Original im Gottesdienst zu zeigen und einen Künstler als Person sprechen zu lassen. Die Zuordnung der beiden Quellen Erfahrung und Wort Gottes bliebe die gleiche. Aber die Quelle "Erfahrung" würde authentischer. Außerdem würde man dabei zeigen, dass man es mit der Autonomie der Kunst ernst meint und im Bild mehr sieht als bloß ein instrumentales Medium.

 



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