Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: "Damit die Kirche im Dorf bleibt"
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"Damit die Kirche im Dorf bleibt"
Kirchenbau und Kirchenpädagogik auf dem Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin

Matthias Ludwig / Karin Berkemann

An prominentem Ort, in der Berliner St. Matthäus-Kirche, stand am 30. Mai ein ganztägiges Forum im Hauptprogramm des Ökumenischen Kirchentags 2003 unter dem Thema "Damit die Kirche im Dorf bleibt".

Die St. Matthäus-Kirche, 1844-46 nach Plänen Friedrich August Stülers errichtet und nach Kriegszerstörung bis 1960 vereinfacht wiederhergestellt, dient heute der Begegnung von zeitgenössischer Kunst und Kirche. Hier verfolgt die 1999 begründete "Stiftung St. Matthäus" das Ziel, den ständigen Dialog von Kirche und Theologie mit Kunst und Kultur im Bereich der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg zu führen und zu fördern.

Über die künftige Erhaltung und Nutzung der Kirchengebäude wurde somit in einem Bauwerk gesprochen, das inmitten des Berliner Kulturforums seit einigen Jahren selbst neue, außergemeindliche Nutzungsformen beherbergt. Am Vormittag der Veranstaltung fragten Kirchenvertreter und Fachleute in einer Podiumsdiskussion: "Wie viele Kirchen braucht das Land?"

Den Auftakt hierzu bildete ein Impulsreferat des Präsidenten des "Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz", Michael Vesper, Minister für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen. Vesper betonte, Erhalt und Nutzung der Kirchenbauten seien nicht allein Aufgabe der Kirchen, sondern ebenso von Staat und Gesellschaft.

Beide große Kirchen seien daher aufgefordert, hier verstärkt zusammenzuarbeiten und die Kirchengebäude nicht nur als religiöse, sondern auch als öffentliche Räume aufzufassen. Sofern Kirchen als Gottesdiensträume aufgegeben werden müssten, empfahl Vesper eine alternative Nutzung durch öffentliche und private Interessent/-innen bis hin zu einer marktwirtschaftlichen Verwendung. Ein Kirchenabriss käme jedoch nur als endgültig letzte Möglichkeit in Betracht.

Zur anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Günther von Lojewski, waren neben Michael Vesper der katholische Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück, Bernd Janowski vom "Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.", Gottfried Kiesow, Vorsitzender der "Deutschen Stiftung Denkmalschutz", Christhard-Georg Neubert, Kunstbeauftragter der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, der evangelische Bischof Axel Noack aus Magdeburg, Klemens Richter, Direktor des Seminars für Liturgiewissenschaft an der Universität Münster, Rainer Voigt, Präsident des Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverbands, und die Wismarer Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken eingeladen.

Hierbei betonte Gottfried Kiesow, aus seiner Sicht dürften Kirchengebäude nur dann kommerziell genutzt werden, wenn dadurch ihr Abriss verhindert werden könne. Der Abriss einer Kirche sei endgültig und daher unbedingt zu vermeiden. Klemens Richter erklärte, Umnutzungen der Vergangenheit hätten manche Kirchenbauten bis in die Gegenwart hinein erhalten. Nicht wenige dieser Bauwerke würden heute sogar wieder als Kirchen dienen.

Das Engagement, mit dem seit der Wende in vielen Dörfern Ostdeutschlands auch kirchenferne Bürger/-innen baulich vernachlässigte Kirchen wiederherstellten, würdigte Bischof Noack. Trotz rapiden Bevölkerungsrückgangs habe man so in den letzten Jahren eine Reihe ungenutzter Kirchenbauten wieder eingeweiht. Angesichts niedriger Gemeindegliederzahlen vor allem in den Städten forderte Rosemarie Wilcken, Kommunen und Stiftungen müssten in die Trägerschaft von Kirchengebäuden einsteigen. Kirche sei hier jedoch viel zu wenig bereit, Partnerschaften einzugehen.

Bernd Janowski gab zu bedenken, dass in dünn besiedelten ländlichen Gebieten wie in Brandenburg eine marktwirtschaftliche Nutzung von Kirchen nicht möglich sei. Gleichzeitig zeigten sich die Pfarrer/-innen mit immer größeren Gemeindegebieten und entsprechender Verantwortung für mehrere Kirchengebäude verstärkt überfordert. Positiv zu bewerten sei allerdings das enorme Engagement von Ehrenamtlichen, obwohl diese teils schon in der dritten Generation keine institutionelle Bindung an die Kirche hätten.

Auch die Nutzung von Kirchen durch andere Religionsgemeinschaften wurde von den Podiumsmitgliedern diskutiert: Theologisch sei diese Möglichkeit durchaus denkbar, in der Praxis würde sie jedoch auf große Vorbehalte stoßen. Übereinstimmung bestand hingegen darin, dass bürgerschaftliches Engagement in Zukunft eine noch stärkere Rolle bei Erhalt und Nutzung von Kirchenbauten spielen müsse.

Der Nachmittag des Forums folgte dem Motto "Damit sich der Raum dem Herzen öffne ...". Unter der Moderation von Horst Schwebel, Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in Marburg, hielten nun Kunst, Pädagogik und Tanz Einzug in die St. Matthäus-Kirche. Die Teilnehmenden konnten sich zunächst, angeleitet von Manfred Büsing, Religionspädagoge aus Hannover, zu Musik im Kirchenraum bewegen.

Gerahmt von kirchenpädagogischen Elementen stellte anschließend Christiane Kürschner vom Religionspädagogischen Institut Loccum unter der Überschrift "Kirchenpädagogik als Orientierungshilfe" die Arbeit des "Bundesverbands Kirchenpädagogik e.V." vor. Die pädagogische Vermittlung des Kirchenraums, begonnen in den Citykirchen von Nürnberg, Hamburg, Hannover und Berlin, wird demnach in Deutschland seit mehr als zwanzig Jahren erprobt und weiterentwickelt.

"Abenteuer Kirchenführung" war darauffolgend Thema des Vortrags von Birgit Neumann, Pfarrerin im "Projekt Offene Kirchen" in Magdeburg. Darin stellte sie Überlegungen, Erkenntnisse und Konzeptionen aus ihrer Tätigkeit in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen vor, die Gemeinden bei der Öffnung ihrer Kirchen unterstützt. Deutlich betonte sie, eine geöffnete Kirche erweise sich geradezu als Gegenentwurf zur geschlossenen Gesellschaft einer Gemeinde.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete die Performance ´"Den Raum erleben mit Geist, Seele und Leib", gestaltet von der Berliner Künstlerin Hella Santarossa und Pfarrer Manfred Richter vom Kunstdienst der Evangelischen Kirche im Berliner Dom. Eindrücklich nahm ihre künstlerische Aktion Bezug auf Raum und Kunstwerke der St. Matthäus-Kirche.

Text abgedruckt in: Ludwig, Matthias / Berkemann, Karin, "Damit die Kirche im Dorf bleibt". Kirchenbau und Kirchenpädagogik auf dem Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin, in: Kunst und Kirche 66 (2003), S. 112.



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