Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Gustav-Adolf-Gedächtniskirche Nürnberg-Lichtenhof
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Gustav-Adolf-Gedächtniskirche Nürnberg-Lichtenhof
Aus: Kirchen in der Stadt. Band 2 - Beispiele und Modelle Hg. von Schwebel/Ludwig. Marburg 1996. S. 59-74.

Matthias Ludwig

Erbauungszeit: 1927-30
Architekt: German Bestelmeyer, München.
Umbau: 1988-90
Architekten: Th. Steinhauser / U. Gräfe / Ch. Kiera, München.


Bau- und Gemeindegeschichte

Der mit Beginn des Industriezeitalters einsetzende starke Zuzug nach Nürnberg führte bald zur Entstehung zahlreicher neuer Wohngebiete vor den Toren der alten Stadt. Damit einhergehend kam es zu einem enormen Anstieg der Gemeindegliederzahlen in den Nürnberger Innenstadtgemeinden, so dass mit weiterer Ausdehnung des Stadtgebietes schließlich die Bildung neuer Kirchengemeinden notwendig wurde.

In der Nürnberger Südstadt hatte dies schon im Jahre 1901, ausgehend von der Gemeinde St. Peter, zur Gründung eines Kirchbauvereins geführt, der bis 1910 auch die Überlassung eines Baugrundstückes für einen Kirchenneubau erreichte. Der Erste Weltkrieg und die nachfolgende Wirtschaftskrise machten jedoch zunächst alle Pläne zunichte, so dass es erst 1924 zur Ausarbeitung eines ersten konkreten Bauentwurfes kam. Während der Planungen tauchte plötzlich jedoch die Forderung nach Errichtung einer großen "Oratorienkirche" mit mindestens 1400 Sitzplätzen in diesem Gebiet auf, gedacht sozusagen als städtebaulicher und kultureller Gegenpol zu den Traditionskirchen der Altstadt. Da der bisherige Bauplatz für ein solchermaßen dimensioniertes Bauwerk jedoch nicht ausreichte, musste ein neues Baugrundstück gewählt und mit den Planungsarbeiten von vorne begonnen werden.

Unterdessen war der inmitten der Südstadt gelegene Stadtbezirk "Lichtenhof" 1920 aus der Muttergemeinde St. Peter ausgegliedert und zur eigenständigen Gemeinde erhoben worden. Diese konnte im Jahre 1925 einen eigenen Gemeindehauskomplex in der Herwigstraße beziehen. Zwei Jahre später begann dann - nach den Plänen des Münchener Architekten German Bestelmeyer - auch die Errichtung ihrer neuen Gemeindekirche, deren Bau mit der Einweihung am 29. Juni 1930 abgeschlossen werden konnte. Entstanden war dabei ein gewaltiges Kirchengebäude mit einem Platzangebot von über 2500 Sitzplätzen - für eine Gemeinde, die damals rund 30000 Gemeindeglieder zählte.

Nur 14 Jahre später wurde die - nach dem Schwedenkönig Gustav Adolf benannte - Kirche bei einem Bombenangriff im Oktober 1944 erheblich beschädigt. Dabei wurden die Dächer von Langhaus und Chor völlig vernichtet und der Innenraum samt seiner Ausstattung großenteils durch Feuer zerstört. Schon 1948 begann aber der Wiederaufbau der Kirche in alter Form, und am 3. April 1949 konnte der Gottesdienstraum wieder in Gebrauch genommen werden. Dessen Neuausstattung zog sich allerdings noch einige Jahre hin und wurde erst im Laufe der fünfziger Jahre abgeschlossen.

Baubeschreibung

In Anlehnung an romanische Basiliken des 12. Jahrhunderts entstand eine monumentale Backstein-Pfeilerkirche, deren längsrechteckiger Außenbau von zwei hochaufragenden Glockentürmen am Übergang vom Langhaus zum Chor und zwei niedrigen Treppentürmen an der Ostseite bestimmt wird. Dabei zeigt der mehrstöckige flächige Baukörper an den Längsseiten - bis auf profilierte Gewände an den Rundbogenfenstern und das am südöstlichen Treppenturm angebrachte Reiterstandbild Gustav Adolfs - keine Schmuckformen. Demgegenüber ist die Ostfront der Kirche mit der Haupt-Eingangszone als Schauseite mit aufwendiger Treppenanlage, nach außen geöffneter Vorhalle sowie Pfeiler- und Portalplastik ausgebildet.

Im Inneren wird das langgestreckte, achtjochige Schiff von einer Holzbalkenflachdecke überspannt und durch kräftige, weit in den Raum gestellte, von Rundbögen durchbrochene Wandpfeiler gegliedert. Diese tragen auch zwei übereinander angeordnete Emporenanlagen, die das Langhaus von drei Seiten her einschließen. Der Altarbereich wird von zwei Treppenanlagen flankiert, die zu einer großzügigen Chor- und Orchesteranlage hinaufführen. Die dahinterliegende Westwand der Kirche wird schließlich beherrscht durch ein großes Rundfenster, das seinerseits von einem gewaltigen Orgelprospekt eingeschlossen wird.

Die Inneneinrichtung der Kirche musste - mit Ausnahme der Steinkanzel - im Zuge des Wiederaufbaues nach dem Zweiten Weltkrieg vollständig erneuert werden. Dabei wurde das ursprüngliche Konzept einer Längsausrichtung des Gestühls mit Mittelgang und zwei Seitengängen sowie der Anlage von zwei übereinanderliegenden hölzernen Emporen beibehalten. Ebenso wurde der überlebensgroße Kruzifix von J. Wackerle erneut im Chorbogen aufgehängt, während das beim Brand des Innenraumes zum Teil flächig abgesinterte und verrußte Ziegelmauerwerk beim Wiederaufbau nicht ausgewechselt, sondern nur gereinigt wurde. Die dementsprechend stark aufgerauten Ziegelflächen bilden heute denn auch ein wesentliches Gestaltungselement des Kircheninneren.

Städtebauliches Umfeld und sozialer Kontext

Mit ihrer wuchtigen Doppelturmanlage beherrscht die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche weithin sichtbar die Nürnberger Südstadt und bildet einen deutlichen Akzent gegenüber den historischen Kirchtürmen von St. Sebald und St. Lorenz in der Nürnberger Altstadt. Darüber hinaus ist aber auch ein städtebaulich innerer Zusammenhang zwischen der Kirche und dem 1919 errichteten, nahegelegenen Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs in Luitpoldhain erkennbar, während die sichtbar enge Verbindung mit dem nahen Reichsparteitagsgelände am Dutzendteich erst eine Zutat aus der Zeit des Nationalsozialismus darstellt.

Die nähere Umgebung der Kirche ist bestimmt durch die breite, stark befahrene Allersberger Straße, die vor der Ostseite der Kirche vorüberführt. Südlich der Kirche entstand in den sechziger Jahren auf einer Freifläche das städtische Hallenbad Süd, dahinter liegt ein großes Schulzentrum mit zwei Berufsschulen.

Ansonsten ist das Viertel geprägt von dichter, mehrgeschossiger Wohnbebauung, die teils noch aus der Jahrhundertwende, anderenteils jedoch erst aus der Nachkriegszeit stammt. Dabei stellt es sich insgesamt als typisches Mischgebiet dar, das ursprünglich durch ein enges Nebeneinander von Arbeiterbevölkerung und Kleingewerbebetrieben gekennzeichnet wurde. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich jedoch eine durchgreifende Veränderung der vormaligen Bevölkerungs- und Stadtteilstrukturen ergeben, in deren Gefolge die einst extreme Bevölkerungsdichte mittlerweile erheblich zurückgegangen ist. So sind viele der einstigen Bewohner, vor allem die nachgekommenen Generationen, in den letzten Jahrzehnten in Neubauviertel am Stadtrand abgewandert. Geblieben sind nur die Alten, zugewandert inzwischen viele Gastarbeiter, so dass der Ausländeranteil im Viertel heute bei rund 20 Prozent liegt. Daneben gibt es aber auch Straßenzüge, die sich nach der Aufgabe bzw. Aussiedlung vieler der einst zahlreichen Kleingewerbebetriebe zu reinen Wohnstraßen mit vorwiegend mittelständisch geprägter Bevölkerung entwickelt haben.

Insgesamt steht die Südstadt aber auch heute bezüglich ihrer Attraktivität deutlich hinter der benachbarten Altstadt mit ihren zahlreichen Baudenkmälern und Kultureinrichtungen zurück. Mit der zu Beginn der sechziger Jahre fertiggestellten Meistersingerhalle weist indes auch sie einen herausragenden Schwerpunkt des Nürnberger Kulturlebens auf.

Voraussetzungen für den Umbau

Die starken Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur der Südstadt seit Ende des Zweiten Weltkrieges spiegeln sich auch in der Entwicklung der Gemeindegliederzahlen der Gustav-Adolf-Gedächtnisgemeinde wider. Zählte man in den Jahren nach Einweihung der Kirche bald bis an die 40000 Gemeindezugehörige, so sank deren Zahl nach 1945 zunächst infolge Gemeindeteilungen, später aber zunehmend durch Bevölkerungsabwanderung bis auf heute nurmehr rund 10000 ab.

Damit einhergehend kam es auch zu einem rapiden Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen: War die Kirche in den dreißiger Jahren oft bis auf den letzten Platz gefüllt, so verloren sich fünfzig Jahre später zuweilen nur 100 oder gar noch weniger Kirchenbesucher in dem riesigen Kirchenraum.

Dieser Bedeutungsverlust konnte auch durch die Veranstaltung von Konzerten in der Kirche nicht ausgeglichen werden. So gelang es selbst renommierten Künstlern kaum, den Raum auch nur annähernd zu füllen: Trotz mancher baulicher und akustischer Vorteile zog es die Massen doch eher in die Traditionskirchen der Altstadt, und mit Errichtung der Meistersingerhalle am Rande der Südstadt hatte die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche ihre Bedeutung als "Oratorienkirche" gar endgültig verloren.

Für die Gemeinde stellte sich daher die Frage, wie -und ob - sie den riesigen, jedoch nur spärlich genutzten Kirchenraum bei weiter sinkender Gemeindezugehörigkeit in Zukunft noch unterhalten sollte. Dazu trat das Problem, dass die Gottesdienste zwar schlecht besucht waren, die vielgestaltige Gemeindearbeit hingegen stark frequentiert wurde, dafür jedoch nicht über ein entsprechendes Raumangebot verfügte. So waren die Räumlichkeiten im Gemeindehauskomplex Herwigstraße ständig überlastet und noch dazu dringend sanierungsbedürftig; und außerdem kam es durch die Mischnutzung von Gemeinderäumen neben Wohnbereichen dort immer wieder zu erheblichen Nutzungseinschränkungen.

Vor diesem Hintergrund wurde 1982. als Umbau und Sanierung der Gemeindehausanlage nicht mehr länger herausgeschoben werden konnten, erstmals der Vorschlag gemacht, stattdessen die Kirche zu einem Gemeindezentrum umzubauen und den aus zwei Häusern bestehenden Komplex in der Herwigstraße aufzugeben. Von Seiten des Kirchenbauamtes und der Nürnberger Gesamtkirchengemeinde wurde diese Idee schnell begrüßt, da sich damit eine Möglichkeit andeutete, den gemeindlichen Baubestand erheblich reduzieren und so die Ausgaben für die Bauunterhaltung langfristig senken zu können. Darüber hinaus bot sich mit dem Umbau der Kirche aber auch die Chance, die gemeindliche Arbeit dort zu konzentrieren und stärker miteinander zu verzahnen sowie - zugleich - den Gottesdienstraum so zu verkleinern, dass er den Ansprüchen der stark verringerten Gottesdienstgemeinde besser entgegenkam.

Nutzungs- und Finanzierungskonzept

Der Idee folgte ein längerer, zuweilen schwieriger Planungs- und Diskussionsprozess. So bestand auf Seiten der Gemeinde bei vielen die Sorge, durch einen Umbau der Kirche die bisherige geistliche Heimat zu verlieren. Andere sahen die Gefahr eines zu starken Eingriffes in die Baugestalt der denkmalgeschützten Kirche. Auch gab es Bedenken hinsichtlich der künftigen Raumakustik und des hohen finanziellen Aufwands für die Umbaumaßnahme. Und manche fürchteten gegenseitige Störungen durch das Zusammenrücken der Gemeindegruppen unter einem Dach.

Unterdessen stand aber weiter die Frage nach Sanierung und Umbau des Gemeindehauskomplexes in der Herwigstraße im Raum. So hatte der Kirchenvorstand schon im Jahre 198O den Raumbedarf für eine auch künftig dort veranstaltete Gemeindearbeit festgelegt, doch Kirchenbauamt und Gesamtkirchengemeinde drängten jetzt mehr und mehr darauf, auch das Kirchengebäude in die Diskussion um Sanierung und Umbau der Gemeindehäuser mit einzubeziehen. Dementsprechend kam es im Frühjahr 1984 auch zu ersten konkreteren Überlegungen für den Einbau von Gemeinderäumen in die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche. Diese mündeten schließlich in die Ausarbeitung einer Planungsstudie, nach deren Vorlage sich der Kirchenvorstand zu Beginn des Jahres 1985 mehrheitlich für den Umbau des bestehenden Kirchengebäudes zu einem Gemeindezentrum aussprach.

Der entsprechende Beschluss gab dabei vor, dass die gute Raumakustik der Kirche beim Umbau unbedingt erhalten werden musste. Daneben sollten die neuen Gemeinderäume soweit möglich mit Tageslicht beleuchtbar und außerdem so gut gegeneinander schallisoliert sein, dass sich gleichzeitige Veranstaltungen in einander benachbarten Räumen nicht gegenseitig beeinträchtigten.

Mit der Ausarbeitung baureifer Pläne wurde das Technische Referat des Landeskirchenamtes - unter der Leitung des Münchener Architekten Theo Steinhauser - beauftragt. Dieses entwickelte - in Zusammenarbeit mit der Gemeinde - schließlich den Plan zur Errichtung eines insgesamt viergeschossigen Einbaues in einem Teilbereich des Kirchenschiffes. Ihm zugrunde lag dabei die Vorgabe, den bestehenden Innenraum soweit als möglich unverbaut zu belassen, um so das der Gemeinde vertraute Gesamtbild der Kirche nicht zu zerstören.

Probleme gab es während des Planungsprozesses jedoch mit der Denkmalpflege, die die Anlage zusätzlicher Fensteröffnungen im Bereich des Neueinbaus zunächst nicht genehmigen wollte. Mit Hilfe der Anbringung von Demonstrationsmodellen an den Außenwänden der Kirche kam es schließlich aber auch in dieser Frage zu einem Kompromiss.

Parallel dazu wurde in Verhandlungen mit der Landeskirche ein Finanzierungskonzept für den Umbau des Kirchengebäudes entwickelt. Auf dessen Basis wurde der Gemeindehauskomplex in der Herwigstraße letztendlich vollständig aufgegeben und an die Landeskirche verkauft. Der Verkaufserlös floss anschließend in vollem Umfang in die Finanzierung des Kirchenumbaus ein. Darüber hinaus wurde dem CVJM, der ein grundbuchamtliches Nutzungsrecht an zwei Räumen in der Herwigstraße besaß, zum Ausgleich die Nutzung eines Teilbereiches innerhalb des neuen Gemeindezentrums in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche als beschränkte persönliche Dienstbarkeit übertragen.

Beschreibung der Umbaumaßnahmen

Nach Zustimmung aller am Planungsprozess Beteiligten konnten die Arbeiten zum Umbau der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche im Oktober 1988 eingeleitet werden. Dabei wurde zunächst eine - quer durch das Kirchenschiff verlaufende - Staubschutzwand errichtet, die es anschließend ermöglichte, sämtliche Gottesdienste, aber auch alle Taufen und Trauungen über die gesamte Bauzeit hinweg im vorderen Teil der Kirche stattfinden zu lassen.

Im weiteren Verlauf der Arbeiten wurde dann der Boden der Kirche in den vier östlichen Jochen aufgebrochen und für ein zusätzliches Untergeschoss ausgekoffert. Nach dessen Ausbau schloss sich darüber die Errichtung eines dreigeschossigen, holzummantelten Stahlkerngerüstes nach System Natterer an, das in die drei östlichen Joche des Kirchenschiffes eingestellt wurde.

Dem waren schwierige Vorplanungen vorausgegangen, da der ursprünglich vorgesehene Einbau einer reinen Stahlkonstruktion schon in der Planungsphase an brandschutztechnischen Auflagen gescheitert war. Die an ihrer Stelle nunmehr angewandte Stahl-Holz-Konstruktion ließ sich jedoch hervorragend in das bestehende Raumgefüge einpassen. So konnte der Einbau als geschlossene Baueinheit ausgeführt werden, die mit dem Hineinbrechen seitlicher Auflager allerdings bedingt in die Wandpfeiler-Architektur der Kirche eingreift. Damit gelang es jedoch, die Stützlasten des Neueinbaus so abzufangen, dass neue, komplizierte Fundamentierungen für deren Abtragung überflüssig wurden.

Zum Deckenbereich des Kirchenschiffes hin wurde die Stahl-Holz-Konstruktion mit einer freitragenden Holzbinder-Tonne überwölbt, die die bestehende Holzbalkenflachdecke des Innenraumes nicht tangiert. Die Westseite des Einbaues wurde schließlich mit einer transparenten Fassade versehen, die - durch die Anfügung zweier seitlicher Treppenanlagen zusätzlich betont - eine enge Verbindung zwischen dem in alter Form weiterbestehenden Kirchenschiff im Westen und dem Gemeindehaus-Neueinbau im Osten herstellt.

Dessen Inneres wurde zu einem vielgestaltigen Raumgefüge über insgesamt vier Etagen ausgebaut. Dabei entstand im Untergeschoss ein Jugendbereich für Spiel, Unterhaltung, Seminarbetrieb, Partys und Werkarbeit, der sich auf der Südseite des Erdgeschosses mit separatem Eingangsbereich, Jugendcafe und einem Büro für den Jugenddiakon fortsetzt. Die Nordseite des Erdgeschosses wurde als sogenannter "Mutter- und Kind-Bereich" ausgestaltet - mit Gruppenräumen und Spielzimmer, Teeküche, Abstellraum und Toiletten. Die darüber liegenden beiden Obergeschosse wurden hingegen ganz der Gemeindearbeit vorbehalten. So finden sich auf deren erster Etage ein Plenarsaal, vier Gruppenräume, Gruppenleiterzimmer, Toiletten und eine Teeküche, während die zweite einen großen, bis zu 200 Plätze bietenden Gemeindesaal samt Nebenzimmer, Toilettenanlagen und einer weiteren, großen Teeküche aufweist.

Bei der Ausstattung der neuen Räumlichkeiten wurde eine Materialanpassung an den historischen Raum bewusst vermieden. Stattdessen sorgen blau lackierte Stahl-Rahmenelemente für Türen, Fenster und Raumteiler - zusammen mit hellen Holzeinbauten und einem fein abgestimmten Programm erlesener Beleuchtungskörper - für eine freundliche und helle Atmosphäre im gesamten Bereich des Gemeindehaus-Einbaues.

Für eine ausreichende Beleuchtung von Erdgeschoss und erstem Obergeschoss mussten in den drei Umbau-Jochen zusätzliche Fensterdurchbrüche geschaffen werden, während das zweite Obergeschoss - durch die Ausbildung jochweise angeordneter Quertonnen - mit den bestehenden Kirchenfenstern verbunden werden konnte. Dagegen fand sich für die Jugendräume im Untergeschoss keine vergleichbare Lösung, so dass diese ausschließlich auf künstliches Licht angewiesen sind.

Die Zugänge zu den einzelnen Bereichen des neuen Gemeindezentrums wurden strikt voneinander getrennt, um mögliche gegenseitige Störungen von vornherein weitestgehend auszuschließen. Dementsprechend erhielt der Jugendbereich einen separaten Eingang, der im mittleren der auf der Südseite der Kirche neu angelegten Fensterdurchbrüche angeordnet wurde. Die Erschließung des "Mutter- und Kind-Bereiches" sowie der Gemeinderäume im ersten und zweiten Obergeschoss erfolgt dagegen gemeinsam über den nördlichen Treppenturm, in dem für den behindertengerechten Zugang aller Räumlichkeiten auch eine Aufzugsanlage installiert wurde. Das alte Hauptportal im Osten des Kirchengebäudes dient schließlich auch weiterhin einzig dem Zugang zum Gottesdienstraum.

Dieser, mit dem Umbau auf die westlichen fünf Joche und die großzügige Choranlage reduziert, wurde in seiner Gesamtgestalt weitestgehend unverändert belassen. So ist das der Gemeinde seit Jahrzehnten vertraute Bild ihres Kirchenraumes zu einem großen Teil erhalten geblieben, obwohl die Zahl der Sitzplätze durch den Gemeindehaus-Einbau von einst über 2500 auf nunmehr rund 1000 reduziert und das monumentale Raumgefüge damit insgesamt erheblich verkleinert werden konnte.

Vorstellung der neuen Nutzungen

Mit einer vielfältig gestalteten Festwoche konnte das neue Gemeindezentrum in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche zum l. Juli 1990 in Gebrauch genommen werden. Seither steht der zugehörigen Gemeinde ein umfangreiches Raumangebot für ihre schon vorher zahlreichen gemeindlichen Veranstaltungen zur Verfügung. So wurde das vom Bastelkreis über Gesprächskreise, Friedensgruppe, Gymnastik, Kantorei, "Muttis & Rasselbande" bis hin zu Treffs für junge Frauen und Alleinerziehende reichende Angebot in den neuen Räumlichkeiten kontinuierlich fortgeführt und in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut.

Daneben finden im Gemeindehaus-Einbau - und damit in der Kirche - nunmehr auch Veranstaltungen wie Sitzungen des Kirchenvorstands, Vorbesprechungen des Kindergottesdienst-Teams oder auch alle gemeindlichen Festivitäten statt. Durch die Konzentration aller gemeindlichen Aktivitäten an einem Ort erhofft sich die Gemeinde denn auch längerfristig eine Stärkung des gemeindebildenden Lebens, die letztlich auch dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Gottesdienste entgegenwirken soll.

In diesem Zusammenhang hat die Gemeinde 1992/93 eine Repräsentativumfrage unter den 20-50jährigen durchführen lassen, deren Ergebnisse anschließend in eine seit zwei Jahren - in Zusammenarbeit mit der Gemeindeakademie Rummelsberg - laufende Gemeindeberatung einmündeten. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, den Gemeindeaufbau im Sinne einer "Marktorientierung" des Veranstaltungsangebotes zu verändern, um so die Chancen, die sich aus der Nutzungserweiterung des Kirchengebäudes ergeben, auch nutzen zu können. So ermöglicht das Raumprogramm des Gemeindezentrums z. B. vielfältige Aktivitäten im Hinblick auf Seminare und andere punktuelle Veranstaltungen der Erwachsenenbildung.

Darüber hinaus wird das neue Raumangebot mittlerweile aber auch stark durch Veranstaltungen anderer kirchlicher Rechtsträger - wie Landeskirchenamt, Dekanat Nürnberg, Prodekanate, Ämter, Werke und Dienste - in Anspruch genommen. Ebenso melden sich zunehmend Fremdanbieter, die die Räumlichkeiten in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche für eigene Veranstaltungen nutzen möchten. Dabei wird auch der Gottesdienstraum inzwischen des öfteren an Fremdnutzer vergeben, die diesen - wie z. B. die Nürnberger Symphoniker - für eigenständige Konzertaufführungen anmieten.

Zugleich versucht die Gemeinde aber auch selbst, die "Oratorienkirche" musikalisch wiederzubeleben. So wird vom neuen Kirchenmusiker der Gemeinde gegenwärtig ein Konzept erstellt, mit dem die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche künftig einen eigenen kirchenmusikalischen Weg zwischen den Angeboten von Meistersingerhalle und den renommierten Innenstadtkirchen beschreiten soll.

Davon erhofft sich die Gemeinde zugleich auch eine verstärkte Öffnung der Gemeindearbeit zur städtischen Öffentlichkeit hin, die auch der CVJM Nürnberg-Lichtenhof seit seinem Umzug in das Kirchengebäude verstärkt anzusprechen sucht. Vertraglich fest in die Nutzung von Räumen im Jugendbereich des Gemeindehaus-Einbaus eingebunden, richtet er neben regelmäßigen Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche hier auch größere Tagesveranstaltungen aus, für die über den engeren Bereich Lichtenhof hinaus geworben wird. Mit der Einrichtung eines Jugendcafes im Erdgeschoss des Neueinbaues ist es darüber hinaus gelungen, hier auch ein kontinuierliches - darin allerdings noch ausbaufähiges - Angebot für die zahlreichen Jugendlichen im Viertel zu installieren.

Kommentar

Der Einbau eines vollständigen Gemeindehauses in die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche zu Nürnberg-Lichtenhof stellt ein interessantes Modell für die Reduktion eines zuletzt nur noch mäßig genutzten Gottesdienstraumes bei gleichzeitiger Nutzungserweiterung des Gesamtbauwerkes dar. Damit konnte nicht nur eine Wiederbelebung des Kirchengebäudes selbst erreicht, sondern - infolge der gleichzeitigen Aufgabe des bisherigen Gemeindehaus-Komplexes - auch eine beträchtliche Reduzierung des gemeindlichen Baubestandes erzielt werden.

Im Hinblick auf die Architektur ist es dabei gelungen, den Außenbau der Kirche, aber auch einen Großteil des Innenraumes weitgehend unverändert zu belassen und somit das der Gemeinde über Jahrzehnte vertraute Bild ihrer Gemeindekirche zu bewahren. Demgegenüber sucht der Gemeindehaus-Neueinbau im Ostteil des Kirchengebäudes sich allerdings nicht dem Vorhandenen unterzuordnen, sondern innerhalb des Gesamtraumes einen deutlichen Akzent der Neubestimmung und Veränderung zu setzen. Solchermaßen eindeutig als spätere bauliche Zutat erkennbar, fügt er sich mit seiner transparent ausgebildeten Westfassade aber dennoch harmonisch in das vorhandene Raumgefüge ein.

Zugleich haben es die Architekten aber auch verstanden, für einen Großteil der neuen Räumlichkeiten eine Beleuchtung mit Tageslicht zu erreichen. Die infolgedessen notwendigen, zusätzlichen Fensterdurchbrüche in der Außenfassade stellen dabei zunächst einen deutlichen Eingriff in die ursprüngliche Architektur Bestelmeyers dar, ordnen sich in das Gesamtbild des Außenbaues aber dennoch harmonisch ein und setzen so auch nach außen hin ein deutliches Signal für die Neubestimmung des Gebäudeinneren.

Ästhetisch höchst anspruchsvoll ist auch die Gestaltung und Ausstattung der einzelnen Räumlichkeiten im Gemeindehaus-Einbau. Dabei wurde hier jedoch scheinbar übergangen, dass das Raumangebot von der Gemeinde eines mehrheitlich von Arbeiterfamilien bewohnten Viertels genutzt werden soll. Starke Berührungsängste gegenüber einem solchen Ambiente waren denn auch in den ersten Jahren nach dessen Fertigstellung die Folge, die sich noch dadurch verstärkten, dass der Inhaber der ersten Pfarrstelle, der den Umbau der Kirche besonders vorangetrieben hatte, sich mit dessen Einweihung von der Gemeinde verabschiedete.

Dies hat zunächst auch zu einigen Schwierigkeiten bei der Ingebrauchnahme des Gemeindehaus-Einbaues geführt, die mittlerweile aber doch überwunden scheinen. So wird das Haus inzwischen sowohl von der Gemeinde als auch von zahlreichen anderen kirchlichen Einrichtungen sowie zunehmend auch von Fremdnutzern stark in Anspruch genommen. Mit einem Auslastungsgrad von ca. 75% ist dabei auch schon in etwa die Grenze des Möglichen erreicht, da sich verschiedene Veranstaltungen - der doch wahrnehmbaren Geräusche wegen - ausschließen und infolgedessen zeitlich aufeinander abgestimmt werden müssen.

Für die Zukunft dürfen die Ergebnisse der laufenden Gemeindeberatung und deren Auswirkungen auf den künftigen Gemeindeaufbau der Gustav-Adolf-Gedächtnisgemeinde mit Spannung abgewartet werden. In diesem Zusammenhang hat mittlerweile auch die Rückgewinnung der ursprünglichen Idee, hier eine Art "Zentralkirche" für die Nürnberger Südstadt auszubilden, wieder an Gewicht gewonnen. So wurde 1993 erstmals ein "Südstadt-Kirchentag" ausgerichtet, an dem sich evangelische, altkatholische und römisch-katholische Gemeinden ebenso beteiligten wie serbisch-orthodoxe, methodistische, baptistische und freikirchliche.

Dementsprechend in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt, hat das öffentliche Interesse an der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche und ihrer Gemeinde in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Von daher bleibt der Gemeinde auch nur zu wünschen, dass sich dieses positive Echo in den kommenden Jahren weiter ausbauen und - mit Umsetzung eines neuen kirchenmusikalischen Konzeptes - auch für die Wiedergewinnung des Kirchengebäudes als "Oratorienkirche" fruchtbar machen lässt.

Matthias Ludwig

Literatur

Ein Gemeindehaus im Gotteshaus. Der Einbau von Gemeinde- und Jugendräumen in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Nürnberg. In: Annäherung 1 (1991), S. 5-8.

G. Langmaack: Evangelischer Kirchenbau im 19. und 20. Jahrhundert. Geschichte - Dokumentation -Synopse. Kassel 1971.

M. Ludwig: Kirchen am Rande der City - Zwei Kirchenumbauten in Nürnberg und München. In: KuKi 55 (1992), S. 204-207.

H. Schindler: Kein Sport in der Hallenkirche. In: Rheinischer Merkur - Christ und Welt, 23. Februar 1990. -

1930-1990. Gustav-Adolf-Gedächtniskirche. Hg.: Evang.-Luth. Pfarramt Nürnberg-Gustav-Adolf-Gedächtniskirche (Lichtenhof). Nürnberg 1990.

50 Jahre Gustav-Adolf-Gedächtniskirche. Hg.: Ev.-Luth. Pfarramt Nürnberg-Lichtenhof, Nürnberg 1980.



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